Merkel auf dem CDU-Parteitag Die Schattenkanzlerin

Angela Merkels große Rede zur großen Krise fällt aus. Dann stiehlt ihr ein Mann die Show, den sie eigentlich kaltgestellt hatte.

Von Thorsten Denkler, Stuttgart

Die Rede ist vorbei. Eine knappe Stunde hat sie gedauert. Die gut 1000 Delegierten auf dem Bundesparteitag der CDU in Stuttgart klatschen. Einige stehen auf. Andere folgen, bis alle der Kanzlerin pflichtgemäß stehenden Beifall zollen. Und irgendwie halten sie auch das ungeschriebene Gesetz ein, dass Reden von Parteivorsitzenden mit mindestens drei Minuten Applaus versehen werden. Egal, wie schlecht die Rede war.

Angela Merkel verstand es bei ihrer Rede auf dem CDU-Parteitag nicht, die Delegierten zu begeistern.

(Foto: Foto: Reuters)

Angela Merkel hat "eine ernste Rede in einer ernsten Zeit" gehalten, sagt später CSU-Generalsekretär Theodor zu Guttenberg. Die klassische Formulierung für einen Reinfall. Und doch wird Angela Merkel mit 94 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Sie ist schließlich die einzige Chance der Partei.

Die Erwartungshaltung war hoch. Deutschland rast in eine nie da gewesene Wirtschafts- und Finanzkrise. Aber der Politik fehlen die Antworten. In der CDU ist ein Streit darüber ausgebrochen, ob Steuersenkungen helfen. Die Kanzlerin meint Nein, vor allem die Mittelständler in der CDU finden doch.

Und dann drückt da noch die CSU, die nach Niederlagen mit Pendlerpauschale und Erbschaftsteuer jetzt hofft, wenigstens bei der Forderung nach Steuersenkungen mit einem klar erkennbaren Erfolg punkten zu können. Guttenberg hat am Rande des Parteitages schon angekündigt, bis Anfang Januar mit der CDU eine Einigung über die Steuerfrage hinzubekommen.

Merkel versucht, mit bewährten Versatzstücken aus ihren Reden die Menschen zu gewinnen. Sie beginnt ihre Rede so, wie sie ihre Rede auf dem Parteitag in Hannover im vergangenen Jahr beendet hat: "Willkommen in der Mitte. Die Mitte war und ist Deutschlands Stärke. Die Mitte sind wir. Die Mitte, das ist die CDU Deutschlands." Vier Sätze, viermal Mitte. Viermal ohne Wirkung.

In Hannover wurde sie für diese Positionsbestimmung noch gefeiert. Jetzt ist der Applaus spärlich. Die Delegierten wollen Konkretes hören.

Stattdessen lobt sie die "erfolgreiche Politik von CDU und CSU in Deutschland" seit Beginn der großen Koalition 2005. Arbeitslosenzahlen unter drei Millionen, höchste Zahl der Erwerbstätigen, mehr Geburten, mehr Geld für Bildung und Forschung.

Auf die Wirtschaftskrise gibt sie auch eine Antwort, eine ganze einfache: "Man hätte nur die schwäbische Haufrau fragen sollen. Sie hätte uns eine ebenso kurze wie richtige Lebensweisheit gesagt, die da lautet: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben."

Aus dieser schönen Weisheit leitet Merkel ab: "Was wir nicht machen werden, das ist eine strukturelle Steuerreform an die Stelle sofort wirkender, zeitlich befristeter Konjunkturimpulse zu setzen." Thema beendet.

Sie spricht dann noch über Klimaschutz und wie wichtig es sei, diesen trotz Krise nicht aus den Augen zu verlieren. Viel Applaus bekommt sie, als sie Bundespräsident Horst Köhler lobt, ein paar Lacher erntet sie, als sie bemerkt, dass es für Oskar Lafontaine eine "angemessene Strafe" sei, jetzt Vorsitzender der SED-Nachfolgepartei zu sein. Aus der großen programmatischen Rede ist nichts geworden.

Lesen Sie auf Seite zwei, welcher Rivale Angela Merkel die Schau stahl.

"Wie ein Betrunkener bei Windstärke zwölf"

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