Menschenschmuggler im Sudan Fluchtpunkt Khartoum

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(Foto: Matthias Ziegler)

Europa hat Schleppern den Krieg erklärt. Doch wer genau ist dieser Feind? Bei ihrer Recherche in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum haben SZ-Magazin-Reporter herausgefunden, wie das Geschäft der Menschenschmuggler funktioniert - und warum die europäische Abschottungspolitik alles nur noch schlimmer macht.

Von Michael Obert

Sein rechter Oberarm ist mit Narben überzogen, an seinem Hals klaffen Einschnitte wie von einem Draht. Sein Atem geht schnell, seine Hände zittern. "Sie kamen aus dem Nichts, acht Männer mit Messern, Schwertern und Kalaschnikows", sagt Yonas so leise, dass wir ihn kaum verstehen können. "Sie fielen über uns her wie Tiere."

Auf den Tischen des Straßencafés sitzen Fliegen. An den Bordsteinen häuft sich Flugsand aus der Sahara. Junge Männer mit ausgezehrten Gesichtern hasten vorbei, geduckt, mit nervösem Blick, unterwegs auf einer Odyssee, die sie über ein Geflecht aus Straßen, Pisten, Vieh- und Schmugglerpfaden mehr als 5000 Kilometer durch die Wüsten Libyens und Ägyptens über das Mittelmeer führen wird.

Auf der gefährlichsten Migrationsroute der Welt. Nach Europa. "Ich will einfach nur frei sein", sagt Yonas, 20, auf der Flucht vom Horn von Afrika nach Deutschland; seine Finger tasten über die Einschnitte am Hals. "Ich will einfach nur ohne Angst leben." Dann bittet er uns um ein Taschentuch. Eine der Wunden hat sich geöffnet. Blut tropft auf den Tisch.

Wir sind nach Khartoum gereist, in die Hauptstadt der Republik Sudan am Zusammenfluss des Blauen und des Weißen Nils, um an dieser gigantischen Transitstation für Flüchtende aus weiten Teilen des afrikanischen Kontinents etwas über jene unsichtbare Kraft herauszufinden, die Europa in seiner Flüchtlingspolitik beschwört. Angela Merkel nennt sie "Menschenhändler". Für Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi sind sie die "Sklavenhändler des 21. Jahrhunderts". François Hollande hält sie sogar für Terroristen.

Bei der Überfahrt in ihren Booten sind Tausende von Afrikanern im Mittelmeer ertrunken. Europa hat den Schlepperbanden nun den Krieg erklärt. Flugzeugträger, Hubschrauber, Drohnen und bewaffnete Soldaten jagen sie auf hoher See. "Wir müssen alles tun, um diese kriminellen Gangs zu zerschlagen, die den furchtbaren Handel mit Menschen immer weiter anheizen", fordert der britische Premierminister David Cameron. Künftig sollen Schlepperbanden auch tief im afrikanischen Hinterland bekämpft werden. In Khartoum wollen wir herausfinden, welchen Feind Europa dort vernichten will.

"Nicht einmal Gott hätte mich in Eritrea halten können", sagt Yonas, der junge Mann im Café. Mit der einen Hand bekreuzigt er sich, mit der anderen drückt er unser Taschentuch an seinen Hals. Schlepper hatten ihn und neun Gefährten zu Fuß aus Eritrea geführt, einer Militärdiktatur am Horn von Afrika. Im Grenzgebiet zu Sudan, einem 600 Kilometer langen Niemandsland aus Geröll und Sand, kassierten sie ihren Lohn und ließen die Flüchtlinge in der Wüste stehen. Kurz darauf griffen schwer bewaffnete Männer an.

Mit vorgehaltener Kalaschnikow ketteten sie die Eritreer mit Metallringen an den Fußgelenken fest, karrten sie in ein Versteck in der Wüste und ließen sie dort tagelang im Sand knien. Ein Becher Wasser, ein halbes Stück Brot, morgens und abends Peitschenhiebe mit Stromkabeln. "Für jeden von uns verlangten sie 15 000 Dollar Lösegeld", sagt Yonas. "Sie schrien: Ruf deine Familie an, die sollen zahlen!"

Weil er sich weigerte, drückten sie Zigaretten auf seinem Arm aus, wickelten einen Draht um seinen Hals und würgten ihn, bis das Blut über seine Schlüsselbeine lief und ihm schwarz vor Augen wurde; als er wieder zu sich kam, legten sie Plastiktüten auf seine Schulter und zündeten sie an. Yonas blickt sich im Café um, dann zieht er sein Hemd ein Stück herunter. Sein Schultergürtel ist bis auf die Knochen versengt. "Zuerst taten sie es wegen des Geldes, später auch zum Spaß." Irgendwann ließen sie ihn laufen. Seine Familie hatte 800 Dollar gezahlt.

Sobald wir das Wort Menschenhändler erwähnen, werden Verabredungen wieder abgesagt

Hier also, auf der Khartoum-Route aus dem Horn von Afrika zum Mittelmeer, will Europa künftig jene Banden bekämpfen, die Menschen wie Yonas nicht nur über Grenzen schmuggeln, sondern auch entführen und foltern. Im Einzugsgebiet der Khartoum-Route liegen sechs der zehn wichtigsten Herkunftsländer von Flüchtlingen: Sudan, Südsudan, Eritrea, Somalia, Demokratische Republik Kongo und Zentralafrikanische Republik. Fast vier Millionen Menschen sind dort laut den Vereinten Nationen auf der Flucht. Und täglich werden es mehr.

Im sogenannten Khartoum-Prozess haben die EU-Außen- und Innenminister eine enge Kooperation mit den Staaten entlang dieser Fluchtroute beschlossen. Laut dem Aktionsplan vom April 2015 will Europa vor Ort unter anderem Polizisten, Staatsbeamte und Strafverfolger ausbilden, um gemeinsam mit den lokalen Regierungen die Netzwerke der Schlepper und Menschenhändler zu zerschlagen.

Seit Tagen suchen wir in Khartoum, einem Moloch aus Lehm und Beton mit mehr als sechs Millionen Einwohnern, nach dem Feind, den Europa zur Strecke bringen will. Doch sobald wir das Wort "Menschenhändler" erwähnen in Regierungsbüros, bei der Polizei, in Cafés, verstummen Gesprächspartner, schließen sich Türen, werden eben noch getroffene Verabredungen abgesagt. "Ihre Bosse wissen alles", verrät uns ein Mann, der als Fahrer für eine Schlepperbande gearbeitet haben soll. "Die machen kurzen Prozess mit dir." Dann lässt er uns auf der Straße stehen.

Das millionenschwere Geschäft mit Afrikanern, die von einem besseren Leben in Europa träumen, zählt mit dem Waffen- und Drogenhandel nicht nur zu den einträglichsten und brutalsten Bereichen des organisierten Verbrechens auf dem Kontinent - es ist auch ebenso rigoros abgeschottet. Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt fahren wir stundenlang an den Lehmhütten vorbei, die an den Rändern der Stadt bis an den Horizont reichen. Millionen von Menschen leben hier ohne Strom, ohne sauberes Wasser. In zerfallenden Gemäuern, die an eine Mischung aus Flüchtlingslager und Ruinenstätte denken lassen.

Sie kommen aus den sudanesischen Krisenregionen Darfur, Kordofan, Kassala und Blue Nile, aus dem Südsudan, Eritrea, Somalia, Äthiopien, dem Tschad, aus der Zentralafrikanischen Republik, dem Kongo und Burundi, selbst aus weit im Westen liegenden Staaten wie Nigeria, Mali und Mauretanien. Sie fliehen vor Krieg, Gewalt und Verelendung. Sechzig Prozent der Menschen in den Randbezirken von Khartoum sollen jünger als 28 Jahre sein. Und ausnahmslos alle, die wir fragen, wollen fort: nach Europa oder nach Amerika. Der Markt für Schlepper ist gewaltig.