Menschenrechtler Chen Guangcheng Chinesischer Dissident soll in US-Botschaft geflohen sein

Gerüchte, nach denen sich der aus seinem Hausarrest geflohene chinesische Dissident Chen Guangcheng in die Botschaft der USA geflüchtet haben soll, erhärten sich. Bisher schweigen beide Staaten zu den Spekulationen. Sollten diese sich bewahrheiten, könnte das den in der kommenden Woche anstehenden China-Besuch Hillary Clintons belasten.

Nach seiner Flucht aus dem Hausarrest erhärten sich die Gerüchte, dass sich der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng in der US-Botschaft in Peking aufhält. "Ich glaube, er ist in der Botschaft in Sicherheit", sagte der mit dem geflohenen Dissidenten befreundete Menschenrechtler Hu Jia der Nachrichtenagentur AFP.

Chens Fluchthelfer hätten ihn an einen "zu hundert Prozent sicheren" Ort gebracht, sagte Hu. "Welcher Ort könnte sicherer sein als die US-Botschaft?", fügte er hinzu. Weitere Angaben wolle er zum Schutz derjenigen, die Chen bei seiner Flucht unterstützt hätten, jedoch nicht machen. Auch die in Texas ansässige Gruppe ChinaAid berichtete, der Aktivist sei in die amerikanische Botschaft geflohen. Die Organisation ließ außerdem verlauten, zwischen den USA und China werde bereits über den Fall verhandelt.

Die US-Regierung hüllt sich zu den Gerüchten weiterhin in Schweigen. Außenamtssprecherin Victoria Nuland wiederholte am späten Freitag mehrfach, sie wolle den Fall nicht kommentieren. Washington habe schon immer seine "Sorge" über den Fall Chen erklärt.

Auch die chinesische Regierung äußerte sich nicht zu dem Fall, der den China-Besuch von US-Außenministerin Hillary Clinton und Finanzminister Timothy Geithner in der kommenden Woche belasten könnte.

Chinesische Staatsmedien ignorieren den Fall

Chens Flucht war am Freitag bekannt geworden, nachdem er sich in einem an Chinas Ministerpräsidenten Wen Jiabao gerichteten Video zu Wort gemeldet und um Sicherheit für seine Familie gebeten hatte. Chinesischen Sicherheitskräften warf der Aktivist darin vor, ihn und seine Familie misshandelt zu haben.

Chen war nach vier Jahren Haft im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither in seinem Haus in Linyi in der östlichen Provinz Shandong unter Hausarrest. Er ist einer von zahlreichen autodidaktischen "Rechtsanwälten", die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Chen zog vor allem mit Kritik an der rigiden Ein-Kind-Politik den Zorn Pekings auf sich, nachdem er zahlreiche erzwungene späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen aufgedeckt hatte. Wegen entsprechender Vorwürfe an Beamte wurde er im Jahr 2006 inhaftiert.

Die chinesischen Staatsmedien berichteten am Samstag nicht über den Fall. Zhu Feng, Experte für internationale Beziehungen an der Universität von Peking, bezeichnete den Umstand, dass die USA die Gerüchte über einen Aufenthalt Chens in ihrer Botschaft weder bestätigten noch dementierten, jedoch als "sehr interessant".