Von Stefan Kornelius

Es ist an der Zeit, aus den alten Ritualen im Umgang mit China auszubrechen. Dazu muss auch das höfliche Schweigen gebrochen werden.

Der Dalai Lama ist gerade in Frankreich angekommen, was als eine Art Merkposten anzusehen ist, eine Notiz auf dem politischen to-do-Zettel. Nun, da die olympischen Spiele gerade stattfinden, soll die Reise ins Land des EU-Ratsvorsitzenden daran erinnern, dass ein gewaltiges Problem auf Bewältigung wartet.

Bild vergrößern

Der Dalai Lama hat zu Beginn seines Besuchs in Frankreich zu Mitgefühl und Frieden gemahnt. (© Foto: Reuters)

Anzeige

Es besteht die Sorge, dass China nach den Spielen die gerade begonnenen Gespräche mit den Exil-Tibetern sanft einschlummern lässt.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy war nicht besonders einfallsreich im Umgang mit dem Tibet-Thema, sondern zeigte lediglich eine Variante seiner Sprunghaftigkeit. Nach dem von Protesten begleiteten Fackellauf durch Paris und unverblümten Drohungen aus China über die wirtschaftspolitischen Konsequenzen eines Empfangs des Dalai Lama zog es Sarkozy vor, doch nach Peking zur Eröffnungsfeier zu fahren und gute Miene zu machen. Das wurde mit dem Kauf französischer Kernkraftwerke belohnt.

In China muss sich nun der Eindruck festsetzen, dass Frankreich und mithin die EU bei ausreichendem Druck schon wunschgemäß reagieren werden. Der Eindruck ist falsch und sollte von Sarkozy trotz zweier bevorstehender Gipfeltreffen mit China im nächsten halben Jahr widerlegt werden. Es ist nämlich an der Zeit, aus den alten Ritualen im Umgang mit China auszubrechen.

Eine Visite des Dalai Lama darf nicht als einziger Nachweis von Mut und Standfestigkeit gegenüber China gelten. Und China muss lernen, dass seine erpresserischen Methoden, so wie sie auch Deutschland bereits zu spüren bekam, zu den lächerlichen Werkzeugen autokratischer Staaten gehören. Falsche Politik wird nicht richtig, wenn man darüber schweigt.

Leser empfehlen 

(SZ vom 13.8.2008/vw)