Menschenrechte Diese Deutschen sind politische Gefangene in der Türkei

Der bekannteste politische Häftling in der Türkei ist Deniz Yücel

(Foto: dpa)
  • Noch sieben Bundesbürger befinden sich aus politischen Gründen in türkischer Haft. Zuletzt wurden die Journalistin Meşale Tolu und der Pilger David B. aus der Haft entlassen.
  • Der in Deutschland bekannteste Gefangene ist der Welt-Journalist Deniz Yücel.
  • Auch zahlreiche türkische Journalisten und Aktivisten sind noch immer im Gefängnis. Ihnen drohen teilweise jahrzehntelange Haftstrafen.

Seit dem Putschversuch in der Türkei im Sommer 2016 sind etwa zwei Dutzend Deutsche aus politischen Gründen festgenommen worden, viele von ihnen sind inzwischen wieder freigekommen. Derzeit sind laut Bundesregierung noch sieben Bundesbürger inhaftiert. Den meisten von ihnen wirft die Türkei vor, die Bewegung des im Exil lebenden Predigers Fetullah Gülen zu unterstützen. Die türkische Regierung hält Gülen für den Drahtzieher des gescheiterten Staatsstreichs.

Ein Überblick über die bekanntesten Fälle

Meşale Tolu Çorlu: Die deutsche Journalistin und Übersetzerin war Ende April in einer dramatischen Aktion festgenommen worden: Nachts brachen Polizisten ihre Wohnungstür auf und richteten Waffen auf die Frau. Ihren zweijährigen Sohn musste sie bei Nachbarn zurücklassen, später lebte er mit seiner Mutter im Gefängnis. Ihr Mann saß ebenfalls bis zu seiner Freilassung Ende November in Haft. Tolu wurde einige Wochen später ebenfalls aus der Haft entlassen, darf die Türkei aber nicht verlassen. Ihr Prozess wird im April 2018 fortgesetzt. Tolu kam in Ulm zur Welt und wuchs in Deutschland auf. Vor ihrer Verhaftung arbeitete sie in der Türkei für eine linke Nachrichtenagentur und einen Radiosender. Ihr werden "Terror-Propaganda" und die Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe vorgeworfen. Obwohl sie Bundesbürgerin ist, musste sie einen Monat auf konsularischen Beistand warten.

"Ich habe Angst, dass sie ihn verurteilen"

Der türkische Journalist Ahmet Şık sitzt in Haft, man wirft ihm Terrorpropaganda vor. Sein Anwalt Can Atalay spricht über Şıks Isolationhaft, haltlose Anschuldigungen - und den Zustand des türkischen Rechtsstaats. Interview von Luisa Seeling und Baran Datli mehr ...

David B.: Mehr als ein halbes Jahr saß der Familienvater aus Schwerin im Osten der Türkei in Haft. Er war im November 2016 zu einer Pilgerreise mit Stationen im polnischen Auschwitz und in Bulgarien nach Jerusalem aufgebrochen. In Antakya nahe der Grenze zu Syrien war der Erzieher festgenommen worden. Was ihm vorgeworfen wird, ist auch nach seiner Freilassung kurz vor Weihnachten unklar. Aber die türkischen Behörden glaubten ihm offenbar nicht, dass er als Pilger unterwegs war. Er monatelang im berüchtigten Abschiebelager in Erzurum ein. Er ist inzwischen wieder in Deutschland.

Deniz Yücel: Der wohl bekannteste Fall ist der des Welt-Korrespondenten, der seit mehr als 300 Tagen in Haft sitzt. Am 14. Februar wurde der Reporter festgenommen, erst im April durfte ihn ein deutscher Diplomat besuchen. Wegen seiner Berichterstattung wirft die türkische Justiz Yücel Terrorpropaganda vor. Der in Flörsheim am Main geborene Publizist besitzt sowohl die türkische als auch die deutsche Staatsangehörigkeit.

Ali Ince: Der Frührentner aus dem nordrhein-westfälischen Düren saß mehrere Monate hinter türkischen Gittern. Er ist inzwischen freigelassen worden, muss aber in der Türkei bleiben. Ince wurde im Sommer 2016 offenbar denunziert und wenige Tage nach dem Putschversuch festgenommen. Erst nach Monaten erfuhr er, was ihm zur Last gelegt wurde: Unterstützung einer Terrororganisation. Gemeint ist offenbar die Gülen-Bewegung, die von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putsch verantwortlich gemacht wird. Ince gehört zu denjenigen, denen wegen ihrer doppelten Staatsangehörigkeit in der Türkei kein konsularischer Beistand aus Deutschland gewährt wird.

Özel Sögüt: Der Unternehmer aus Siegen ist inzwischen auch auf freiem Fuß, darf aber die Türkei nicht verlassen. Er war im Dezember 2016 festgenommen worden. Die Behörden werfen ihm vor, der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen anzugehören, was seine Familie bestreitet. Möglicherweise hat er lediglich eine Solaranlage an eine Gülen-nahe Firma verkauft. Der Unternehmer hat türkische Wurzeln, besitzt aber nur die deutsche Staatsangehörigkeit. Trotzdem durfte er erst drei Monate nach seiner Festnahme Besuch von einem deutschen Konsulatsmitarbeiter erhalten.