Memoiren des Ex-Präsidentensprechers Wie Bush vom Weg abkam

Propaganda, Manipulation und Ränkespiele im Hintergrund: Was Kritiker der US-Regierung schon lange vermuten, bestätigt nun ein Insider. Scott McClellan, Ex-Sprecher von Präsident Bush, packt aus.

Von Irene Helmes

Auch wenn böse Zungen anderes behaupten: George W. Bush "ist klug genug, um Präsident zu sein". Mehr noch, er ist ein "aufrichtiger" und "authentischer" Mann "mit persönlichem Charme, Witz und enormem politischen Können". In der Tat, Scott McClellan, Weggefährte und Pressesprecher des US-Präsidenten von 2003 bis 2006, hat noch viele freundliche Worte für seinen ehemaligen Chef übrig, dem er einst von Texas nach Washington folgte.

Scott McClellan mit George W. Bush am 19. April 2006 bei der Bekanntgabe seines Rücktritts als Präsidentensprecher.

(Foto: Foto: AFP)

Dennoch: Seine Memoiren werden in den USA als Abrechnung mit Bushs Weißem Haus gehandelt. Denn der ehemalige Insider bezichtigt die US-Regierung, eine ausgefeilte "Propaganda-Kampagne" für den Irakkrieg inszeniert und Presse und Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt zu haben.

Anklage und Selbstbezichtigung

Keine neuen Anschuldigungen - aus dem Munde von McClellan sind sie dennoch brisant. Immerhin war der heute 40-Jährige selbst über drei Jahre hinweg bei unzähligen Pressekonferenzen die Stimme der Bush-Regierung. Und so sind McClellans Memoiren, die in der kommenden Woche in den USA erscheinen, nicht nur Anklage, sondern auch Selbstbezichtigung. Vieles von dem, was er einst "aufrichtig" bei Pressekonferenzen gesagt habe, habe sich mittlerweile als falsch herausgestellt.

Doch wer trägt die Verantwortung für diese Täuschungen? Unter dem Titel "What Happened: Inside the Bush White House and Washington's Culture of Deception" breitet McClellan auf 341 Seiten aus, wie der Präsident "auf schreckliche Weise vom Weg abkam". Zitate aus dem Buch, die von der Internetseite Politico.com und der Zeitung Washington Post vorab veröffentlicht wurden, zeigen: Schuld gibt McClellan vor allem Bushs Beratern.

Durch seine Umgebung beeinflusst habe der Präsident die Krise nach dem 11. September in einer Art und Weise gemanagt, dass Krieg im Irak als einzige machbare Lösung übriggeblieben sei. Hohe Mitarbeiter der Regierung hätten im Sommer 2002 eine "ausgeklügelte politische Propaganda-Kampagne" entworfen, um die "öffentliche Meinung zu manipulieren", "aggressiv den Krieg zu verkaufen" und dessen eigentlichen "Hauptgrund herunterzuspielen", zitiert die Washington Post.

Permanenter Wahlkampf

McClellans Fazit: "Was ich weiß, ist, dass ein Krieg nur geführt werden sollte, wenn er nötig ist - und der Irakkrieg war nicht nötig." Bush sei jedoch so besessen davon gewesen, ein zweites Mal zum Präsidenten gewählt zu werden, dass er einen permanenten Wahlkampf geführt habe: "niemals erklären, niemals entschuldigen, niemals nachgeben". Diese Strategie habe aber dazu geführt, "niemals nachzudenken, niemals etwas zu überdenken, niemals einen Kompromiss zu schließen - vor allem nicht, wenn es um den Irak ging".

Auch auf andere Tiefpunkte der Bush-Ära geht McClellan ein: Das Krisenmanagement nach dem Hurrikan Katrina sei "eines der größten Desaster der Präsidentschaft" geworden. Das Weiße Haus habe den Großteil der ersten Woche nach der Katastrophe mit Verleugnung vertrödelt.

Im sogenannten Spygate-Skandal um die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame habe McClellan sich von den Bush-Beratern Karl Rove und Lewis Libby täuschen lassen, die offenbar geheime Absprachen getroffen hätten. Das Thema Plame ist für McClellan besonders bitter, da er das Amt des Pressesprechers aufgab, als herauskam, dass er lange Falschinformationen über die Enttarnung verbreitet hatte. Bereits im vergangenen November sorgte ein vorab veröffentlichter Auszug seiner Memoiren für Aufruhr. Darin schien es, als wolle er Bush direkt der Lüge und Anstiftung zur Lüge beschuldigen. In der fertigen Fassung fällt McClellans Urteil jedoch milder aus: Wie er selbst sei auch Bush falschen Informationen aufgesessen.

"Besorgt über die giftige Atmosphäre in Washington"

Auch die amerikanischen Medien kommen bei McClellan nicht ungeschoren davon. Dass die offiziellen Argumente für den Einmarsch im Irak in den Monaten nach Kriegsbeginn in sich zusammenfielen, hätte "nie eine solche Überraschung sein sollen". Die liberalen Medien seien in der kritischen Phase "ihrem Ruf nicht gerecht geworden", zum Schaden der Vereinigten Staaten, wie Politico.com zitiert.

Der Washington Post erklärte McClellan seine Motivation für die Memoiren: Wie viele Amerikaner sei er "besorgt über die giftige Atmosphäre in Washington". Indem er Einblicke in das Weiße Haus gewähre, wolle er "einen ehrlichen Blick" auf Fehler und daraus folgende Lektionen ermöglichen. Amerika liebt Enthüllungsgeschichten. Aufmerksamkeit ist McClellan also gewiss. Ob Lehren gezogen werden weniger.