Meinungsfreiheit und Religion Die Wertedebatte läuft falsch

Der Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Westergaard liefert neuen Zündstoff. Dabei geht die westliche Diskussion zwischen Meinungsfreiheit und religiösen Gefühlen an der Realität vorbei.

Von Andrian Kreye

Es schaudert einen ja schon, wenn man sich vorstellt, wie sich der 74jährige dänische Karikaturist Kurt Westergaard im Badezimmer seines Hauses verbarrikadierte, während seine fünfjährige Enkelin alleine im Wohnzimmer saß und ein mit Axt und Messer bewaffneter Islamist an die Badtüre hämmerte, wirres Zeug über Rache und Blut rufend, bis die Polizei kam und den Bärtigen mit dem rasierten Schädel kampfunfähig schoss.

Die Szene bestätigt einmal mehr alle Ängste, die wir im Westen vor dem fanatisierten Islam haben. Immerhin war Westergaards einziges Vergehen, dass er vor gut vier Jahren in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten eine Karikatur veröffentlichte, die den Propheten Mohammed zeigte, der statt eines Turbans eine Bombe auf dem Kopf trug.

Es ist nicht der erste Anschlag auf Westergaard. Und es ist nicht das erste Mal, dass seine Arbeit mit Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse" verglichen wird, der dem Schriftsteller 1989 eine Fatwa des iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini einbrachte.

Der Vergleich hinkt

Daran schließt sich nun einmal mehr eine vergleichende Wertedebatte an. Was zählt mehr? Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle? Meist teilen sich die westlichen Disputanten über diese Fragen in Konservative (die Meinungsfreiheit!) und Linke (der Respekt!). Beide gehen dabei von dem Trugschluss aus, es gäbe hier eine Debatte, die man führen kann.

Schon der Vergleich zwischen Karikatur und Roman hinkt. Man kann ein Werk der Weltliteratur, in dem sich einer der klügsten Schriftsteller unserer Zeit auf kulturgeschichtlich höchstem Niveau mit den religiösen Spannungen seines Heimatlandes Indien auseinandersetzt nicht mit der plumpen Witzelei eines dänischen Karikaturisten vergleichen.

Das eine ist eine intellektuelle Meisterleistung, die es zu verteidigen gilt; das andere eine bewusste Provokation, die ungefähr so intelligent ist, wie der Versuch, einen Tiger zu erziehen, indem man ihm erst ein Schinkenbrot anbietet und es ihm dann wieder wegnimmt.

Trugschluss des Westens

Letztlich aber geht es in dieser Debatte weder um Meinungsfreiheit noch um Respekt vor religiösen Gefühlen. Es geht vielmehr um die Unfähigkeit des Westens, die immer dringendere Auseinandersetzung mit dem islamischen Kulturkreis und seinen Einfluss auf die moslemische Diaspora auf europäischem Boden realistisch einzuschätzen.

Im Westen geht die Wertedebatte prinzipiell davon aus, dass der Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten etwas ist, das der gesamte Rest der Menschheit herbeisehnt. Dieser Trugschluss geht von den Denkmodellen des 20. Jahrhunderts aus, in denen Demokratie und freie Marktwirtschaft gegen die verschiedenen Formen des Totalitarismus in Stellung gingen. Ein Moslem ist jedoch kein Unterdrückter, der unter einer Diktatur leidet, bis ihn endlich die Flucht oder ein Befreier von seinem Schicksal erlöst.

Der Wertekanon des Islam steht dem judeo-christlichen Wertekanon keineswegs diametral gegenüber. Und doch sind einige grundlegende Werte unvereinbar. Freiheit und Demokratie sind keineswegs Lebensformen, die in der islamischen Welt als höchste Stufe der menschlichen Entwicklung angesehen werden. Die Trennung von Kirche und Staat ist nicht vorgesehen.

Noch viel emotionaler ist allerdings das Verhältnis zur Meinungsfreiheit. Die Unantastbarkeit des Propheten ist dabei nicht nur ein religiöses Gefühl. Das kennt man hierzulande ja auch, wenn beispielsweise gläubige Christen gegen Herbert Achternbuschs Jesusparodie "Das Gespenst" protestieren, gegen die religiösen Fäkalbilder von Chris Ofili und Andres Serrano oder gegen Kippenbergers gekreuzigten Frosch.

Und doch sind solche Proteste nicht mit dem vergleichbar, was ein Moslem empfindet, wenn ein Ungläubiger seinen Glauben beleidigt. Die Verhörspezialisten amerikanischer Geheimdienste haben das von ihren arabischen Kollegen gelernt.

In den Gefangenenlagern von Guantanamo Bay und Abu Ghraib war die Verletzung religiöser Gefühle etwa durch Koranschändungen, Entblößungen oder den Zwang, halbnackt zu beten, eine systematische Praxis, um Gefangene zu zermürben. Für einen gläubigen Moslem seien solche Erniedrigungen "schlimmer als der Tod", sagte der Islamwissenschaftler Bernard Haykel.

Nun würde Blasphemie zwar auch einen frommen Moslem kaum dazu bringen, einen Mord zu begehen. Doch hier kommt die Politik ins Spiel, vor allem die radikalen Strömungen des Islam. Da bildet die Erniedrigung der islamischen Welt durch den Westen das Leitmotiv der Mobilisierung.

Kampf der Kulturen wird Realität

Wer die Meinungsfreiheit gegen den Islam mit provozierenden Karikaturen verteidigen will, wie es der Feuilletonchef der Jyllands-Posten Flemming Rose wiederholt verkündete, wer es mit einer Lesung der "Satanischen Verse" in einer Moschee tun will, wie es Günter Wallraff vor zwei Jahren geplant hatte, der erobert kein Neuland für westliche Werte.

Der gibt einer Debatte Stoff, die kein Ende finden wird. Unsere Grundwerte sind natürlich nicht verhandelbar. Mit Gott allerdings kann man auch nicht debattieren. So wird aus der Schimäre des Kampfs der Kulturen doch Realität.