Der Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Westergaard liefert neuen Zündstoff. Dabei geht die westliche Diskussion zwischen Meinungsfreiheit und religiösen Gefühlen an der Realität vorbei.
Es schaudert einen ja schon, wenn man sich vorstellt, wie sich der 74jährige dänische Karikaturist Kurt Westergaard im Badezimmer seines Hauses verbarrikadierte, während seine fünfjährige Enkelin alleine im Wohnzimmer saß und ein mit Axt und Messer bewaffneter Islamist an die Badtüre hämmerte, wirres Zeug über Rache und Blut rufend, bis die Polizei kam und den Bärtigen mit dem rasierten Schädel kampfunfähig schoss.
Pakistanische Studenten protestierten 2008 gegen die Mohammed-Karikaturen, indem sie eine dänische Flagge verbrennen. (© Foto: dpa)
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Die Szene bestätigt einmal mehr alle Ängste, die wir im Westen vor dem fanatisierten Islam haben. Immerhin war Westergaards einziges Vergehen, dass er vor gut vier Jahren in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten eine Karikatur veröffentlichte, die den Propheten Mohammed zeigte, der statt eines Turbans eine Bombe auf dem Kopf trug.
Es ist nicht der erste Anschlag auf Westergaard. Und es ist nicht das erste Mal, dass seine Arbeit mit Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse" verglichen wird, der dem Schriftsteller 1989 eine Fatwa des iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini einbrachte.
Der Vergleich hinkt
Daran schließt sich nun einmal mehr eine vergleichende Wertedebatte an. Was zählt mehr? Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle? Meist teilen sich die westlichen Disputanten über diese Fragen in Konservative (die Meinungsfreiheit!) und Linke (der Respekt!). Beide gehen dabei von dem Trugschluss aus, es gäbe hier eine Debatte, die man führen kann.
Schon der Vergleich zwischen Karikatur und Roman hinkt. Man kann ein Werk der Weltliteratur, in dem sich einer der klügsten Schriftsteller unserer Zeit auf kulturgeschichtlich höchstem Niveau mit den religiösen Spannungen seines Heimatlandes Indien auseinandersetzt nicht mit der plumpen Witzelei eines dänischen Karikaturisten vergleichen.
Das eine ist eine intellektuelle Meisterleistung, die es zu verteidigen gilt; das andere eine bewusste Provokation, die ungefähr so intelligent ist, wie der Versuch, einen Tiger zu erziehen, indem man ihm erst ein Schinkenbrot anbietet und es ihm dann wieder wegnimmt.
Trugschluss des Westens
Letztlich aber geht es in dieser Debatte weder um Meinungsfreiheit noch um Respekt vor religiösen Gefühlen. Es geht vielmehr um die Unfähigkeit des Westens, die immer dringendere Auseinandersetzung mit dem islamischen Kulturkreis und seinen Einfluss auf die moslemische Diaspora auf europäischem Boden realistisch einzuschätzen.
Im Westen geht die Wertedebatte prinzipiell davon aus, dass der Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten etwas ist, das der gesamte Rest der Menschheit herbeisehnt. Dieser Trugschluss geht von den Denkmodellen des 20. Jahrhunderts aus, in denen Demokratie und freie Marktwirtschaft gegen die verschiedenen Formen des Totalitarismus in Stellung gingen. Ein Moslem ist jedoch kein Unterdrückter, der unter einer Diktatur leidet, bis ihn endlich die Flucht oder ein Befreier von seinem Schicksal erlöst.
Der Wertekanon des Islam steht dem judeo-christlichen Wertekanon keineswegs diametral gegenüber. Und doch sind einige grundlegende Werte unvereinbar. Freiheit und Demokratie sind keineswegs Lebensformen, die in der islamischen Welt als höchste Stufe der menschlichen Entwicklung angesehen werden. Die Trennung von Kirche und Staat ist nicht vorgesehen.
Noch viel emotionaler ist allerdings das Verhältnis zur Meinungsfreiheit. Die Unantastbarkeit des Propheten ist dabei nicht nur ein religiöses Gefühl. Das kennt man hierzulande ja auch, wenn beispielsweise gläubige Christen gegen Herbert Achternbuschs Jesusparodie "Das Gespenst" protestieren, gegen die religiösen Fäkalbilder von Chris Ofili und Andres Serrano oder gegen Kippenbergers gekreuzigten Frosch.
Und doch sind solche Proteste nicht mit dem vergleichbar, was ein Moslem empfindet, wenn ein Ungläubiger seinen Glauben beleidigt. Die Verhörspezialisten amerikanischer Geheimdienste haben das von ihren arabischen Kollegen gelernt.
In den Gefangenenlagern von Guantanamo Bay und Abu Ghraib war die Verletzung religiöser Gefühle etwa durch Koranschändungen, Entblößungen oder den Zwang, halbnackt zu beten, eine systematische Praxis, um Gefangene zu zermürben. Für einen gläubigen Moslem seien solche Erniedrigungen "schlimmer als der Tod", sagte der Islamwissenschaftler Bernard Haykel.
Nun würde Blasphemie zwar auch einen frommen Moslem kaum dazu bringen, einen Mord zu begehen. Doch hier kommt die Politik ins Spiel, vor allem die radikalen Strömungen des Islam. Da bildet die Erniedrigung der islamischen Welt durch den Westen das Leitmotiv der Mobilisierung.
Kampf der Kulturen wird Realität
Wer die Meinungsfreiheit gegen den Islam mit provozierenden Karikaturen verteidigen will, wie es der Feuilletonchef der Jyllands-Posten Flemming Rose wiederholt verkündete, wer es mit einer Lesung der "Satanischen Verse" in einer Moschee tun will, wie es Günter Wallraff vor zwei Jahren geplant hatte, der erobert kein Neuland für westliche Werte.
Der gibt einer Debatte Stoff, die kein Ende finden wird. Unsere Grundwerte sind natürlich nicht verhandelbar. Mit Gott allerdings kann man auch nicht debattieren. So wird aus der Schimäre des Kampfs der Kulturen doch Realität.
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In diesem Pamphlet finden sich Punkte, die man nicht unkommentiert stehen lassen kann:
-"Meist teilen sich die westlichen Disputanten über diese Fragen in Konservative (die Meinungsfreiheit!) und Linke (der Respekt!)"
Da ist wohl rechts mit links verwechselt worden - seit wann ist denn z.B. die CDU der Vorkämpfer für die Meinungsfreiheit und die Grünen fordern mehr Respekt der Jugend vor dem Alter?
- "Der Wertekanon des Islam steht dem judeo-christlichen Wertekanon keineswegs diametral gegenüber."
Stimmt - aber aus einem anderen Grund: Beide haben gemeinsam die Unterdrückung von Minderheiten (Homosexuelle, Frauen, Andersgläubige) und die Gottesfurcht als einen Wert an sich. Die Werte, von denen im Text die Rede ist (Meinungsfreiheit, Selbstbestimmung, Toleranz) sind hingegen aufklärerisch-säkulare Werte; erkämpft gegen die christliche Kirche.
- "Unsere Grundwerte sind natürlich nicht verhandelbar. Mit Gott allerdings kann man auch nicht debattieren."
Man debattiert auch nicht mit einem Gott - man debattiert mit *Menschen*, die an einen übernatürlichen Geist glauben.
- "Das eine ist eine intellektuelle Meisterleistung, die es zu verteidigen gilt; das andere eine bewusste Provokation"
Jede Karikatur ist eine bewusste Provokation, weil satirisch überspitzt wird. Und gute Karikaturen sind auf jeden Fall eine intellektuelle Meisterleistung, weil sie einen komplexen Sachverhalt in einem einzigen Bild darstellen und gleichzeitig dabei dessen unsinnige Seiten aufzeigen. Das kann man sicherlich nicht von jedem Roman behaupten.
- "Was zählt mehr? Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle?"
Diese Frage empfinde ich als zynisch. Es gibt kein Grundrecht auf Respekt für die eigenen religiösen (=weltanschaulichen) Gefühle. Kann es nicht. Es sei denn, wir wollen damit leben, dass sich auch ein Skinhead zu Recht darüber beschweren kann, dass seine arischen Gefühle dadurch verletzt werden, dass ein Schwarzer die gleiche Straßenbahn benutzen darf wie er. Ode ein Moslem, dass eine Frau berufstätig sein darf oder unverschleiert umherläuft. Oder dass seine Tochter heiratet, wen sie möchte.
Man kann meinetwegen noch darüber diskutieren, ob andere Kulturen, wie es dem Autor vorschwebt, tatsächlich nichts von Menschenrechten halten ("Im Westen geht die Wertedebatte prinzipiell davon aus, dass der Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten etwas ist, das der gesamte Rest der Menschheit herbeisehnt. D
Da haben Sie vollkommen recht. Wenn Christen in muslimischen Ländern wegen ihrem Glauben verfolgt und getötet werden, dann wird darüber berichtet und man nimmt es mehr oder weniger einfach so hin.
In manchen Ländern kommt es bereits zu regelrechten "modernen Christenverfolgungen", dies sollte seit Kaiser Nero eigentlich der Vergangenheit angehören.
Muslimische Fanatiker haben vor einer Kirche in Oberägypten sechs koptische Christen und einen muslimischen Wachmann erschossen. Neun weitere Personen wurden verletzt, als drei Männer aus einem vorbeifahrenden Auto heraus das Feuer auf die Gläubigen eröffneten.
So sehen es die Schweizer
MinarettverbotDie Christen in muslimischen Ländern wären froh, wenn sie "nur" ein Kirchturmverbot hätten. Diese Menschen müssen täglich um ihr Leben fürchten, nur weil sie Christen sind! Aber wir setzen uns ja lieber für Moslem in der Schweiz ein, die kein Minarett haben dürfen. Dabei brauchen die unsere Hilfe überhaupt nicht. Wer unsere Hilfe braucht, sind Christen in muslimischen Ländern! Aber darüber wird hier nur am Rande diskutiert. Stellen Sie sich mal vor, wie Muslime in der ganzen Welt reagieren würden, wenn hier in der Schweiz 7 Muslime nach dem Moscheebesuch niedergeschossen würden??? Da würd es nicht beim Boykottaufruf schweizerischer Produkte bleiben.... !! Werden Christen in Aegypten erschossen, regt sich hier null Erzürnung "
Aus der NZZ.
islam und demokratie ist nicht kompatibel, soso. das könnte man von so manchem christentum durchaus auch behaupten, schnelle polarisierungen erleichtern das geschäft des nachdenkens, zb über bilderverbote...
Wie erklärt er sich das?
Und die nächste Frage: hat eigentlich Kreye Angst vor fanatischen Islamanhängern?
Das würde seiner Theorie den Todesstoß versetzen.
Paging