Meine Presseschau Schaut nach Schweden

Das skandinavische Land pflegt ein ausgeprägtes Selbstbild als tolerante, friedliebende Nation mit einer großzügigen Flüchtlingspolitik. Aber stimmt dieses Bild noch?

Ausgewählt von Silke Bigalke, Stockholm

Schweden ist derzeit ein Land auf der Suche nach sich selbst. Nach dem berüchtigten Satz von Donald Trump ("Schaut euch an, was gestern Abend in Schweden passiert ist") haben tatsächlich viele nach Schweden geschaut. Schwedens Probleme, Migranten zu integrieren, sind nichts Neues. Und in den großen Städten ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Ausschreitungen gekommen, die nicht zum friedlichen Selbstbild des Landes passen. Jetzt sind Politiker bemüht, Schwedens Ruf zu verteidigen. Nein, die großzügige Aufnahme so vieler Flüchtlinge sei kein Fehler gewesen. Die Regierung dementierte heftig einen Bericht des rechten Senders Fox News über eine Gewaltwelle mit Flüchtlingen. Dass man Schweden tatsächlich für ein Land am Rande des Kollapses halten könnte, ist vielen unerträglich. Kommentatoren dagegen fragen, ob das Bild, das die Welt von Schweden hat, wirklich Schwedens größte Sorge sein sollte.

Die Reaktionen schwedischer Politiker seien "nahezu panisch" gewesen, schreibt Jens Stilhoff Sörensen vom Außenpolitischen Institut der Uni Göteborg im Svenska Dagbladet. Schwedens Premier hatte auch persönlich reagiert, als sich kürzlich eine Buchautorin und wenig später ein Polizist kritisch zum Tabuthema Einwanderer geäußert hatten. "Warum reagieren Regierungsvertreter, wenn einzelne Bürger Schweden in den Medien kritisieren?", fragt der Autor. Und: Ist das nicht eher eine gesunde Debatte? Selbstdarstellung sei wichtiger geworden als die Wirklichkeit, Schweden werde zur Marke. "Wir haben eine feministische Außenpolitik, sind Weltbeste in moralischen Tugenden", in humanitärer Flüchtlingspolitik, multikulturellem Verständnis, Toleranz. Im Grund seien die Schweden "eines der nettesten Völker der Welt", schreibt er zynisch. Diejenigen, "die uns kritisieren, wie etwa die Dänen, sind intolerante Rassisten".

Besonders die rechtspopulistischen Schwedendemokraten gelten als Gefahr fürs Image. "Trump hat recht", schrieben Parteichef Jimmie Åkesson und Fraktionschef Mattias Karlsson gemeinsam im Wall Street Journal. Die rechten Politiker schadeten ihrem Land vorsätzlich und durch Lügen, konterte der sozialdemokratische Justizminister Morgan Johansson. Schweden und Einwanderer kämen meist gut miteinander zurecht, schrieb er, ebenfalls im Wall Street Journal.

Wer darf also wie über Schweden sprechen? Es sei gefährlich, eine Analyse danach zu beurteilen, ob sie patriotisch ist oder nicht, schreibt Aftonbladet. Das Problem mit den Schwedendemokraten sei nicht, dass diese "schlecht von Schweden" redeten, "sondern, dass sie Rassisten sind", denen die Fähigkeit fehle, die Probleme zu lösen, auf die sie hinweisen. Dass sich Schweden, wie die meisten Länder, selbst für das beste der Welt halte, sei nicht seltsam. Man dürfe nur nicht "auf seine eigene Propaganda reinfallen". Die größte Gefahr der Debatte über das Schwedenbild sei daher, dass es die linken Parteien dazu bringen könnte, ihre Sozialkritik fallen zu lassen. Die Sozialdemokratie neige dazu, stolz und ziemlich zufrieden zu sein. Jedoch: "Die Dinge, auf die wir stolz sind, sind kein Effekt unseres eingebauten, ausgezeichneten Schwedischseins", schreibt Aftonbladet, sondern Resultat bewusster politischer Entscheidungen.

Dagens Nyheter schließlich fragt nach der Rolle der Medien in diesem Selbstfindungsprozess. Natürlich dürfe es einen Journalisten stören, "wenn jemand ein Schwedenbild verbreitet, das man als ungerechtfertigt düster auffasst". Man dürfe darauf aber nicht mit einem "grundlos hellen" Bild antworten. Die "Schönmalerei Schwedens" sollten Journalisten Politikern und Reisebüros überlassen.