Mein Leben in Deutschland "Wir Araber haben zum Lesen eine ähnliche Beziehung wie zum Eiskunstlauf"

Die offenen Bücherschränke gibt es in mehreren Städten in Deutschland, wie hier in Düsseldorf.

(Foto: dpa)

Unser syrischer Gastautor ist begeistert von den öffentlichen Bücherschränken auf deutschen Straßen. Sie erinnern ihn an die Wasserstellen von Damaskus.

Von Yahya Alaous

Auf den Straßen Berlins sind sie mir schon einige Male aufgefallen: die kleinen Stände, Regale oder umgebauten alten Telefonzellen voller Bücher. Am Anfang habe ich das System nicht verstanden und mich gefragt, ob man dort englisch- oder arabischsprachige Bücher kaufen kann. Dann sah ich plötzlich ein Mädchen, das angeradelt kam, zwei Bücher in das Häuschen legte und wieder wegfuhr. Da verstand ich, dass dieser Kiosk so etwas wie eine kostenlose Leihbibliothek sein müsse. Ein Ort, an dem Menschen ihre ausgelesenen Bücher abstellen können, um anderen die Chance zu geben, sie zu lesen.

Mein ganzes Leben lang habe ich immer wieder Slogans wie "Lesen für alle" gehört. Aber erst mit den öffentlichen Bücherschränken habe ich gemerkt, dass dieser Satz tatsächlich funktionieren kann. Als ich einmal beobachtete wie Menschen ins Häuschen rein- und rausgingen, fühlte ich mich plötzlich an die öffentlichen Wasserstellen in der Altstadt von Damaskus erinnert. An heißen Tagen tranken wir dort immer mal wieder ein Becherchen Wasser. Dann überließ man die Wasserstelle und das dazugehörige angekettete Becherchen dem nächsten Durstigen. Es ist eine schöne Erinnerung an meine ehemalige Heimat - eine der wenigen schönen, die sich unter die vielen traurigen mischen.

"Wir Araber" haben zum Lesen eine ähnliche Beziehung wie zum Eiskunstlauf. Damit verrate ich wohl kein Geheimnis. Wir wissen, was es ist, aber wir machen es nicht. Wie oft sieht man einen Geflüchteten aus einem arabischen Land mit einem Buch in der Hand? In den Zügen und Bussen, die ich oft benutze, sehe ich immer nur Deutsche oder Europäer, die sich in ihre Bücher vertiefen. Die meisten Flüchtlinge sind eher mit ihrem Smartphone in der Hand anzutreffen. Sie versinken in ihre Chats, ihre Spielchen und ihre Musik-Apps.

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Natürlich möchte ich sie nicht dafür kritisieren. Ich verstehe auch die Menschen nicht, die selbst noch ein Tastenfunktelefon herumtragen und sich darüber aufregen, dass andere Menschen, die alles verloren haben, zumindest ein modernes Kommunikationsmittel besitzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die mit den alten Telefonen ein oder mehrere gut funktionierende Computer zu Hause haben.

Das Smartphone ist für den Geflüchteten natürlich die wichtigste Verbindung zur Familie, die Hauptquelle für Nachrichten und der Speicherplatz für Erinnerungen. Wohl aber möchte ich meine Landsmänner und -frauen dafür kritisieren, dass sie nicht lesen! Hoffentlich werde ich eines Tages sagen können, dass sie ihre Smartphones nicht nur zum Chatten, sondern auch zum Lesen von E-Books benutzen.

Es ist unschwer zu erkennen, was für ein großes Interesse deutsche Menschen am Lesen haben, vor allem in den Transportmitteln. Viele wollen auf dem Weg zur Arbeit scheinbar jede Sekunde nutzen, um Ihre Zeitung oder ihr Buch zu studieren. Viele meiner Bekannten können sich ihre Handtasche nicht ohne "was zum Lesen" vorstellen, genauso wenig wie manche Geflüchtete sich offenbar ein Leben ohne Zigaretten nicht vorstellen können. Deutsche springen in eine U-Bahn und vertiefen sich auch nur für zwei oder drei Stationen in ihr Buch - während viele Geflüchtete auf den Wegen zu ihren Amtsgeschäften Stunden im Transportsystem verbringen und dabei nichts zu tun scheinen, außer sich mit ihren Freunden in den Chat-Apps zu streiten.

Das süße Gefühl der Befriedigung, das einem beim Auslesen eines Buches überkommt

Wenn ich zu meinem Sprach- und Integrationskurs fuhr, habe ich fast täglich ein deutsches Mädchen gesehen, das so stark in ihr Buch einzutauchen pflegte, dass man fast spürte, dass sie in einer anderen Welt war. Da ich als eifriger Sprachstudent natürlich neugierig auf jedes neue Wort bin, schielte ich auf ihren Buchumschlag. "Der Triumph der Zwerge" hieß das Buch, ich mochte den Titel und wollte wissen, worum es ging. Irgendwie fühlte ich mich, als ob ich das Buch mit ihr zusammen las. Ein paar Tage vor dem Ende meines Sprachkurses - ich wusste, dass sie schon auf den letzten Seiten von "Der Triumph der Zwerge" sein musste - saß sie vor mir und holte zu meinem Erschrecken ein anderes Buch aus der Tasche. So gerne hätte ich sie gefragt, wie sie es gefunden hatte, aber ich hatte damals weder den Mut noch die sprachlichen Fähigkeiten, sie anzusprechen.

Ich stellte mir das Buch "Der Triumph der Zwerge", das sie tagelang so hingebungsvoll las, ausgelesen auf einem Bücherregal vor. Dann dachte ich an das süße Gefühl der Befriedigung, das einem beim Auslesen eines Buches überkommt. Eine Befriedigung, die manchmal auch mit einer Traurigkeit verbunden ist, die sich aber wiederum mit Neugier auf das nächste, vielleicht noch zu findende Buch, paart.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Zurück zum öffentlichen Bücherschrank: Ich bin begeistert von dieser Idee und träume davon, dieses liebevolle Kleinod irgendwann in jeder Straße in Damaskus einzurichten. Neben jeder Wasserstelle sollen Menschen die Möglichkeit haben, sich neue Bücher zu nehmen. Aber bis dieser Traum wahr wird, muss ich mit meinen 30 arabischen Büchern zu Rande kommen. Für mich sind sie sehr wertvoll, da ich sie aus Damaskus nach Beirut mitnahm, dort bei meiner Ausreise aber zurücklassen musste. Erst meine liebe Freundin Julia transportierte diese vielen Kilo schweren Papieres für mich nach Berlin. Wenn ich sie fertiggelesen habe, dann werde ich sie - und darauf freue ich mich jetzt schon - in eine dieser Kiosk-Bibliotheken auf den Berliner Straßen stellen. Und, egal wie lieb ich meine Bücher habe, ich werde mich freuen, wenn sie alle am nächsten Morgen verschwunden sind.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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