"Mein Leben in Deutschland" Wenn ein Flüchtling eine Deutsche liebt

Öffentlichkeitswirksame Angriffsfläche: Das deutsch-syrische Paar Malvina (links) und Diaa wurde nach Gewaltandrohungen unter Polizeischutz gestellt.

(Foto: KIKA)

Seitdem der Kika ein junges deutsch-syrisches Pärchen porträtiert hat, bekommt dieses so viele Drohungen, dass es unter Polizeischutz gestellt wird. Unser syrischer Gastautor Yahya Alaous über eine Beziehung, die erschreckend viel Hass erntet.

Von Yayha Alaous

Der 19-jährige Syrer Diaa und die 16-jährige Deutsche Malvina sind durch eine Dokumentation über ihre Beziehung auf dem Kindersender Kika bekannt geworden. Jetzt verbringen sie ihre Tage unter Polizeischutz - nachdem sie Drohungen von Rechten erhielten.

Dass die Polizei sie schützt, bedeutet wohl, dass die Drohungen ernst zu nehmen sind, dass jemand bereit ist, sie für ihre Beziehung, oder für das, was sie auf Kika preisgaben, zu töten. Ihre jungen Leben sind nicht mehr die gleichen wie vor der Ausstrahlung, und es ist nicht absehbar, wie lange das noch so weitergehen wird. Sie können ihre Leben nicht wie gewohnt weiterführen - und sie werden nicht nur von Rechten, sondern auch von Islamisten bedroht.

Diaa, der als religiöser Mann porträtiert wurde, muss ein unerfahrener junger Mann sein. Er hat die Möglichkeiten, die das Leben ihm bietet, noch nicht komplett im Blick und noch längst nichts für sich entschieden. Ihm geht es genauso wie vielen anderen jungen Syrern, die in den vergangenen Jahren nach Europa kamen und einen harten Kampf mit sich selbst führen. Viele haben einen religiösen Hintergrund, erleben aber die Chancen und Verlockungen des Westens - wissen dabei aber noch längst nicht, was ihre Position zu all dem ist. Man konnte es in der Dokumentation unschwer erkennen: In einer intimen Szene küsst er seine Freundin, fast so locker wie in einem Reality-TV-Format. Eine tief religiöse Person würde das aber wohl niemals filmen lassen. In einer anderen Szene wiederum sehen wir ihn beten, dann erleben wir, wie er seine Freundin bittet, ihren Schulfreund nicht zu umarmen und keine kurzen Röcke mehr zu tragen.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 43-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Ich denke, dass Kika genau diese beiden, widersprüchlichen Seiten zeigen wollte, um genau diese Doppelseitigkeit diskutieren zu lassen. Einerseits trägt er einen Bart, der an die radikalen jungen Muslime erinnert, andererseits ist diese Bartmode auch ganz klar in Deutschland unter jungen Männern stark verbreitet. Ohne so einen Gegensatz, der zum Nachdenken anregt, hätte die Dokumentation nur einen kleinen Wert.

Aber: Nur, weil er dem deutschen Muslim-Extremisten Pierre Vogel ein "Like" auf seiner Facebook-Seite dagelassen hat, bedeutet das nicht, dass er ebenfalls ein Extremist ist. Genauso wenig kann man ihn einen Extremisten nennen, nur weil er ein paar Sätze aus dem Koran aufsagt. Muslime nutzen täglich viele Phrasen aus dem Koran, "Allahu Akbar" wird z.B. nicht nur bei terroristischen Anschlägen, sondern auch nach einem Torschuss beim Fussballspiel gerufen. Oder auch, wenn man ein schönes Mädchen sieht.

Ich glaube, dass Diaas Verhalten ähnlich gewesen wäre, wenn er sich in Syrien in ein Mädchen aus einer offenen, modernen oder auch aus einer christlichen Familie verliebt hätte. Derartige Geschichten konnte man vor dem Krieg ständig hören. Vor allem, wenn Familien es nicht gut fanden, dass ihre Tochter auf Wunsch des Freundes ein Kopftuch oder andere, dezentere Kleidung tragen sollte. Auch in Syrien haben sich viele Frauen selbstständig und deutlich ausgedrückt, so wie Malvina, die Diaas Forderungen - bis auf sein Schweinfleischverbot - nicht unhinterfragt übernimmt.

Ganz sicher bin ich mir aber, dass die ganze Dokumentation noch mehr aufgewirbelt hätte, wenn es sich um ein junges muslimisches Mädchen und einen deutschen Mann gehandelt hätte. Aber nur, weil man solche Geschichten nicht in den Medien sieht, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt. Ich persönlich bin der Meinung, dass junge muslimische Frauen das gleiche Recht wie die Männer haben - das Recht, Beziehungen auszuprobieren, ungeachtet der Diskriminierung die sie unter gesellschaftlichen und religiösen Aspekten erwartet.

Beziehungen sind ein Integrationsbeschleuniger

Eine Frage für mich wäre, ob so eine Beziehung von deutschen Rechtsradikalen akzeptiert werden würde. Ich glaube nicht. Allerdings wäre in so einem Fall - eine junge Frau legt das Kopftuch ab, weil ihr deutscher Freund es so wünscht - auch die Reaktion der islamistischen Seite deutlich stärker. Die deutsche Polizei hätte wohl mindestens genau so viel zu tun wie jetzt, um das ungleiche TV-Paar Diaa und Malvina zu schützen.

Ich erinnere mich, wie ich kurz nach meiner Ankunft in Deutschland zu einem offiziellen Podiumsgespräch eingeladen wurde. Es ging um die Situation der Flüchtlinge, und ich erinnere mich, wie ein Flüchtlingsbeauftragter sich während des Gesprächs an die Syrer im Publikum wandte und fragte, ob sich nicht schon einige verliebt hätten. Es sei doch logisch und auf der Hand liegend, dass diese Art der Beziehung ein wahrer Integrationsbeschleuniger sei!

In einer offenen Gesellschaft wie der deutschen sind solche Beziehungen sehr wichtig, auch, damit die neuen Einwanderer die Werte der deutschen Gesellschaft schneller verinnerlichen. Aber es ist gefährlich, dass die Rechten solche Menschen wie Diaa in eine Ecke treiben könnten, die sie mehr isoliert - vor allem, weil in diesen Ecken schon andere lauern, die sie in die Fänge der extremistischen religiösen Gruppen treiben können.

Ich weiß nicht, ob der Titel des Filmes "Malvina, Diaa und die Liebe" immer noch gültig ist, oder ob wir den Film "Malvina, Diaa und der Hass" umbenennen sollten.

Meiner Meinung nach ist die Reaktion auf den Film ein starkes Signal, das erst durch den Einzug der AfD ins Parlament gesellschaftsfähig werden konnte. Seit 2015 sind Hunderte, wenn nicht Tausende solcher Liebespaare zusammengekommen, aber noch keine ist so verlaufen. Ich befürchte, dass viele Flüchtlinge nun sehr gut auf ihre Beziehung aufpassen und es sich dreimal überlegen werden, ob sie eine Anfrage von den Medien annehmen.

Übersetzung: Jasna Zajček

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