Mehr Rente für Contergan-Opfer Unterschätzte Spätfolgen

Harmlos wie Zuckerplätzchen waren die Tabletten angeblich - doch Betroffene leiden bis heute an den Spätfolgen. Deshalb verdoppelte der Bundestag nun die Renten für Contergan-Opfer.

Von Nadeschda Scharfenberg

Früher, sagt Margit Hudelmaier, sei das Haarewaschen kein Problem gewesen. Sie musste sich zwar verrenken, aber sie schaffte es. Hudelmaier, Jahrgang 1960, ist ohne Arme zur Welt gekommen, ihre Hände mit den drei Fingern und dem Daumenstummel sind an den Schultern angewachsen.

Contergan-Tabletten (Archivbild)

(Foto: Foto: AP)

Zum Heben und Greifen benutzte sie den rechten Fuß, "kaum jemand brachte sein Bein so hoch wie ich", sagt sie und lacht. Inzwischen aber ist ihr Körper steif geworden, weil sie ihn zeitlebens überdehnt hat. Heute muss ihr Mann ihr helfen, das Shampoo zu verteilen.

Harmlos wie Zuckerplätzchen

Hudelmaier ist Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter und profitiert somit von der Verdoppelung der Opferrenten, die der Bundestag am Donnerstag auf den Weg brachte. Von Juli an sollen die Geschädigten monatlich bis zu 1090 Euro bekommen, 15 Millionen Euro kostet das den Bund zusätzlich im Jahr. Von der Anhebung profitieren etwa 2700 Menschen, deren Mütter in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan einnahmen.

"Harmlos wie Zuckerplätzchen" seien die Tabletten, pries die Werbung nach der Markteinführung 1957. Aber das war falsch, der Wirkstoff Thalidomid schädigte Embryos im Mutterleib.

Die Herstellerfirma Grünenthal zog das Medikament 1961 zurück, neun Jahre später einigte sie sich mit den Familien außergerichtlich: Die Firma verpflichtete sich, 110 Millionen Mark in eine Stiftung einzuzahlen, von der die Opfer monatlich Geld erhalten. Der Bund steuerte 100 Millionen bei.

Rechtlich war das Thema erledigt, aber moralisch? Immer wieder flammte die Diskussion auf. Das Problem: Die Folgekosten waren unterschätzt worden.

"Die Regelungen wurden vereinbart, als alle glaubten, wir hätten kaum eine Lebenserwartung", sagt Udo Herterich vom Contergan-Verband NRW. Heute reicht das Geld hinten und vorne nicht. Seit 1997 ist der Grünenthal-Anteil in dem Fonds aufgebraucht, der Bund kommt als Stiftungsgründer alleine für die Renten der Opfer auf. Und deren Leben wird immer teurer.

Löchriges Versorgungsnetzwerk

"Unsere Körper verschleißen", sagt Hudelmaier, viele Betroffene müssten vorzeitig aufhören zu arbeiten, bräuchten Massagen, Rollstühle, vor allem aber helfende Hände.

Hudelmaier hat Mann und Sohn, viele Contergan-Opfer aber sind ledig, "ihre Angehörigen sterben, das Versorgungs-Netz wird löchriger". Die Zahl derer wächst, die für Hilfe bezahlen müssen.

Genau an diesem Problem setzt die Rentenerhöhung an, und das freut den Opfer-Verband. Ursprünglich sollten die Zahlungen nur um fünf Prozent steigen, als Inflationsausgleich. Doch die Koalition legte nach, "in Anerkennung der Folgeschäden, mit denen die Betroffenen durch jahrelange Fehlbelastungen zu kämpfen haben", heißt es in einem Schreiben des Familienministeriums.

Hudelmaier glaubt, dass der Contergan-Film, mit dem das ZDF im November das Leid in die Öffentlichkeit trug, ihre Verhandlungsposition verbessert hat. Viele Politiker seien sehr aufgeschlossen gewesen. Sogar die Firma Grünenthal, die sich mit Klagen gegen den Film ihr Image ramponiert hat, verhandelt jetzt mit den Opfern, "zeitnah" soll ein Zahlungskonzept vorgelegt werden. Das geschehe freiwillig, betont die Firma. Rechtlich ist der Fall ja erledigt.

Hudelmaier sagt, dass die jüngsten Erfolge ihr ein "Ansporn" seien. Die Contergan-Opfer wollen die Welle der Aufmerksamkeit nutzen und auf weitere Verbesserungen dringen, darauf zum Beispiel, dass sie so viele Massagen bekommen, wie sie brauchen. Oder darauf, dass sie endlich Behindertenparkplätze nutzen dürfen.