Eine Zwischenbilanz des Libanon-Kriegs
Opfer
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Am Montag war nach Angaben des libanesischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora die traurige Grenze überschritten: Mehr als tausend Libanesen seien seit Beginn des Krieges bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen, unter ihnen 928 Zivilisten (280 Kinder unter zwölf Jahren), 30 Soldaten und Polizisten sowie mehr als 50 Hisbollah-Kämpfer, sagte Siniora.
Allerdings weiß niemand genau, wie viele Opfer der Konflikt tatsächlich gefordert hat. So kam zum Beispiel die Nachrichtenagentur AP auf weit weniger Tote. Das Problem: Viele Dörfer im Südlibanon sind so schwer zugänglich, dass es schwierig ist, verlässliche Informationen zu beschaffen. Zudem führt die Regierung in ihrer Statistik auch Vermisste als Todesopfer - wie nach dem israelischen Angriff auf Kana am 30. Juli. Dort starben offiziell 54 Menschen, Human Rights Watch hingegen berichtete von 28 Opfern. Auf israelischer Seite sind die Zahlen der Opfer verlässlicher: Die Regierung bestätigte 103 Tote (65 Soldaten, 38 Zivilisten). Zudem verloren die UN am 25. Juli vier Beobachter bei einem israelischen Angriff.
Flüchtlinge
Nach israelischen Angaben haben 300.000 Israelis den gefährlichen Norden des Landes verlassen. Sie leben vorübergehend bei Verwandten oder in Hotels. Etwa eine Million Israelis befinden sich noch innerhalb der Reichweite der Hisbollah-Raketen. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht indes davon, dass eine Million der 3,8 Millionen Libanesen auf der Flucht sind. 800.000 dieser Flüchtlinge befinden sich noch innerhalb des Landes, sie flohen aus dem Süden sowie aus Beirut in den Norden.
Das UNHCR hat Schwierigkeiten, diese Menschen mit Hilfsgütern zu versorgen, da Konvois von Syrien kommend oft nicht ins Land gelassen werden. Besser geht es den etwa 16.0000 Libanesen, die über die Grenze nach Syrien geflohen sind. Sie erfahren nach UNHCR-Angaben große Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung, viele leben bei Privatleuten, andere in Schulen, Moscheen und Kirchen oder auch Hotels. UNHCR benötigt zur Versorgung aller Flüchtlinge 14,7 Millionen Euro. Bisher haben UN-Mitgliedstaaten erst 3,7 Millionen Euro bereitgestellt.
Mit Kriegsbeginn begannen viele Länder, ihre Bürger, die sich im Libanon aufhielten, außer Landes zu bringen. So organisierte die deutsche Botschaft die Ausreise von 6200 Deutschen. 14.700 von geschätzten 25.000 Amerikanern verließen das Land. Die französische Botschaft registrierte die Flucht von 13.000 Landsleuten, die britische Botschaft leitete die Heimreise von 2250 Bürgern in die Wege, 5000 Australier und 2000 Brasilianer flohen aus dem Libanon. Höhepunkt der Ausreisewelle war um den 20.Juli, seither verlassen weiter vereinzelt Ausländer das Land.
Schäden
Der libanesische Rat für Entwicklung und Wiederaufbau schätzt die bisherigen materiellen Kriegsschäden auf 2,5 Milliarden Dollar - darunter 1,4 Milliarden an zerstörten Wohnhäusern und 785 Millionen an zerbombter Infrastruktur. Israels Angriffe hätten im Süden und Osten des Landes mehr als 80 Prozent der Infrastruktur, sprich Brücken, Straßen, Kanalisation etcetera, zerstört.
Nicht eingerechnet sind geschätzte 1,4 Milliarden Dollar Einbußen durch den Einbruch des Tourismus und 600 Millionen Dollar Steuerausfälle. Die israelische Wirtschaft erleidet nach Angaben von Zentralbankdirektor Stanley Fischer wöchentlich Einbußen von bis zu 250 Millionen Dollar; das Bruttoinlandsprodukt könnte infolge des Krieges um 0,7 bis 0,9 Prozent sinken. Die Kosten für den Wiederaufbau zerstörter Einrichtungen schätzt er auf 700 Millionen Dollar.
Umweltkatastrophen
Es ist die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte des Libanon: 15.000 Tonnen schweren Heizöls flossen nach Angaben von Umweltminister Yacub Saraf ins Mittelmeer, nachdem die israelische Luftwaffe am 14. Juli die Öltanks eines Elektrizitätswerks nahe Beirut getroffen hatte. Der Ölteppich, der 130 Kilometer lang und bis zu 30 Kilometer breit ist, hat inzwischen die syrische Küste erreicht. Die Regierung in Beirut schätzt, dass alleine die Säuberung des libanesischen Ufers 100 Millionen Dollar kosten wird.
Im Norden Israels haben die Hisbollah-Raketen die Natur erheblich geschädigt. Michael Weinberger vom Jewish National Fund sagt, durch die Detonationen seien insgesamt 66 Quadratkilometer Wälder und Felder verbrannt. Eine Million Bäume seien zerstört worden. Umweltexperten vermuten, dass es mindestens 50 Jahre dauern wird, bis die Natur sich erholt hat.
Waffen
Nach Angaben der israelischen Armee hat die Hisbollah in vier Wochen Krieg etwa 3000 Raketen Israel geschossen. Die meisten waren vom Typ Katjuscha mit einer Reichweite von 20 Kilometern. Beim bislang weitesten Angriff der Hisbollah waren mehrere Raketen in Hadera, 40 Kilometer nördlich von Tel Aviv, eingeschlagen. Experten schätzen, dass die Hisbollah etwa 10.000 Raketen besitzt. Israel stellt dem gegenüber eine Armee mit 168.000 Soldaten. Mit ihren 402 Kampfflugzeugen hat die Luftwaffe nach eigenen Angaben bisher etwa 2600 Ziele getroffen.
(SZ vom 9. August 2006)
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev