Medizinische Hilfe für Syrien "Natürlich habe ich Angst, dass es mich mal treffen könnte"

Die Zerstörung ist allgegenwärtig. (Da die Authentizität von Fotos aus dem Bürgerkriegsland oft schwer zu belegen ist, hat sich Wahhoud selbst jeweils mitfotografieren lassen.)

(Foto: Privat)

Adnan Wahhoud lebt in Lindau am Bodensee. Doch regelmäßig fährt er nach Aleppo, um zu helfen - mitten im syrischen Krieg.

Protokoll von Antonie Rietzschel

Eigentlich könnte Adnan Wahhoud seine Rente genießen. Der 65-jährige Syrer kam vor mehreren Jahren nach Deutschland, um zu arbeiten. Heute lebt er in Lindau am Bodensee. Doch alle zwei Monate fährt er in seine alte Heimat, um zu helfen. Gerade ist er nach einer zweiwöchigen Reise aus Aleppo zurück gekommen. Hier schildert er seine Erlebnisse:

Wenn ich nach Syrien komme, dann heißt es immer: 'Der Doktor' kommt. Ich habe zwar einen Doktortitel - aber als Ingenieur. Ich selbst habe von Medizin keine Ahnung, aber die Leute in Syrien kennen mich vor allem wegen der "Medical-Points" die, ich in der Nähe von Aleppo und Idlib betreibe. Das sind kleine Arztpraxen mit Apotheke. 1500 bis 2000 Euro brauche ich dafür pro Monat pro "Medical Point". Von Spendengeldern kaufe ich Medikamente, bezahle die Ärzte, Krankenschwestern und Reinigungskräfte, die für mich arbeiten.

An der türkisch-syrischen Grenze bin ich als Helfer registriert, deswegen kann ich mit meinem syrischen Pass problemlos in das Land einreisen. Wenn ich unterwegs bin, brauche ich allerdings auch Schutz. Deswegen habe ich immer einen bewaffneten Aufpasser der Freien Syrischen Armee bei mir. Ich bin von ihnen unabhängig, aber sie unterstützen die "Medical Points".

Medical Points Syrien Adnan Wahhoud

(Foto: Privat)

In unseren kleinen Praxen behandeln wir vor allem alltägliche Krankheiten. Aber der Krieg ist allgegenwärtig. Häufig kommen Patienten zu uns, die Halsschmerzen haben. Das kommt nicht zuletzt von dem verunreinigten Wasser, das die Menschen trinken müssen, seitdem die Versorgung zusammengebrochen ist. Außerdem herrschen Epidemien. Es sind vor allem Kinder, die zu uns kommen.

Das Schlimmste sind die Luftangriffe. Wir haben Mitarbeiter durch die Bombardierung von Aleppo verloren. Ich übernachte immer im "Medical Point Lindau". Ich habe ihn so genannt, er liegt in Khan Alassal westlich von Aleppo. Dort konnte ich bei meinem letzten Aufenthalt jede Nacht die Flugzeuge hören, im Anflug auf die Stadt. Das Dröhnen der Motoren. Mittlerweile kann ich unterscheiden, wie viele es sind und in welcher Entfernung sie fliegen. Bei einem Bombeneinschlag wackelt dann auch schon mal die Wand.

In einer Nacht habe ich mich hingesetzt, mit Bleistift und Papier, um die Zahl der Einschläge zu zählen. Es waren 40 zwischen 1.45 Uhr und 4 Uhr. Aus der Ferne habe ich auch gesehen, wie ein Krankenhaus angegriffen wurde. Ich bin am nächsten Tag hingefahren. Gleich mehrere Stockwerke waren eingestürzt.

Alle zwei Monate fährt Adnan Wahhoud in seine Heimat, um zu helfen - und findet immer neue Zerstörung vor.

(Foto: Privat)

Ein acht Meter tiefer Krater

Eine Bombe war auf einem Feld eingeschlagen. Ich bin vorsichtig in den Krater geklettert, er war ungefähr acht Meter tief. Am Boden suchte ich nach Bombensplittern. Einer wog 21 Kilogramm, aus Stahl. Das sind unfassbare Kräfte, die eine solche Bombe zum Platzen bringen.

Einmal habe ich nicht wie sonst in Khan Alassal übernachtet. Als ich zurückkehrte, sagten mir meine Mitarbeiter, dass ein Nachbarhaus, ungefähr 200 Meter entfernt, von Bomben getroffen wurde. Darin hatte eine Frau mit ihren Kindern gelebt. Sie sind wohl alle tot.

Manche Bomben hinterlassen gigantische Krater

(Foto: Privat)

Ich bin kein reicher Mann. Um Krankenhäuser zu betreiben, fehlt mir das Geld, aber auch das Wissen. Wir können in den "Medical-Points" auch keine Verwundeten behandeln. Mich schreiben hin und wieder Syrer persönlich an und fragen, ob ich ihnen Medikamente aus Deutschland mitbringen kann, die es vielleicht gerade nicht in Syrien gibt oder sie bitten mich um andere Hilfe.

Einem Mann, der seit einem Luftangriff querschnittsgelähmt ist, habe ich eine neue Batterie für seinen elektrischen Rollstuhl mitgebracht. Einem anderen habe ich geholfen, sein Haus winterfest zu machen. Auch er ist querschnittsgelähmt. Die Mauern bestanden nur aus aufeinandergestapelten Steinen ohne Putz und das Dach war kaputt, sodass es reinregnete.

Natürlich habe ich Angst, dass es mich mal treffen könnte

Natürlich habe ich Angst, dass es mich mal treffen könnte. Wenn ich auf den Markt gehe, versuche ich immer alles schnell zu erledigen, denn in der Vergangenheit wurden auch immer wieder öffentliche Plätze bombardiert. Aber solange ich gesund bin, werde ich mit der Hilfe weitermachen. Das ist mein Land, das sind meine Landsleute.

Wenn ich wieder zuhause bin in Lindau, kann ich dann nicht immer gleich abschalten. Wie denn auch, bei den Nachrichten? Aber irgendwann erträgt man das auch nicht mehr und dann brauche ich eine Auszeit: Fußballschauen oder an den Bodensee fahren. Da ist es so schön. Wie Urlaub.

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