Von Von Wolfgang Koydl

In den USA geben Zeitungen jetzt ihre Wahlempfehlungen ab - die New York Times macht den Anfang und spricht sich klar gegen den Amtsinhaber aus.

In Amerika hat es Tradition, dass sich eine Tageszeitung vor einer Wahl hochoffiziell für einen bestimmten Kandidaten ausspricht. Das gilt für die Lokalzeitung und die Gemeinderatswahl ebenso wie für das Weltblatt und die Präsidentenwahl.

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Wenn nun die New York Times als erste renommierte Publikation in einem Leitartikel ihre Empfehlung für den 2. November ausspricht, dann ist dies der von vielen Lesern erwartete Normalfall. Genauso wenig überraschend ist freilich auch, dass das Blatt sich hinter John Kerry stellt. Die Zeitung hat in den vergangenen vier Jahren nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Politik von Präsident George Bush für verfehlt, ja für gefährlich hält.

Bei genauer Betrachtung handelt es sich daher weniger um eine Empfehlung für Kerry, als um eine Warnung vor Bush. So hart - und so ausführlich - wie man es selbst auf der Meinungsseite der Times selten lesen konnte, geht das Blatt mit der "katastrophalen Amtszeit" des Präsidenten ins Gericht.

Seine "Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen", wird dabei ebenso gegeißelt wie seine "Nixon-artige Besessenheit von Geheimhaltung, der Missachtung bürgerlicher Freiheiten und des schlechten Managements".

Von Stammzellenforschung bis zu Saddam Hussein, von der Steuerpolitik bis zum Kampf gegen den Terror - das Meinungsstück ist eine Generalabrechnung mit einer gescheiterten Politik: "Wenn wir auf die letzten vier Jahre zurückblicken, dann bricht uns beinahe das Herz - sowohl wegen der unnötig verlorenen Menschenleben als auch wegen der Gelegenheiten, die so leichtfertig vergeudet wurden", schrieb das Blatt.

Bei all den Argumenten gegen Bush blieben der Zeitung denn auch nur zwei, drei Absätze, um die Argumente für Kerry aufzulisten. "Uns gefällt, was wir sehen", schreibt die Times. Der Demokrat habe "Qualitäten, welche die Basis für einen hervorragenden Chef der Exekutive sein könnten, nicht nur eine bescheidene Verbesserung gegenüber dem Amtsinhaber". Besonders bitter muss den Bush-Anhängern aufstoßen, dass die Zeitung den Senator als "Mann mit starkem moralischen Kern" rühmte.

Die Moral hatten die Republikaner eigentlich immer exklusiv für ihren Mann beansprucht.

Einfluss auf den Wahlausgang? Eher nein

Ob die Empfehlung Einfluss auf den Wahlausgang haben wird? Die Antwort lautet: Eher nein. Wer das Blatt liest, weiß ohnehin, wo es politisch steht; und oft wird eine Zeitung von einem Leser ja gerade deshalb gekauft, weil er dort seine eigenen politischen Überzeugungen wiederfindet.

Wundersame Konversionen von republikanischen zu demokratischen Wählern oder umgekehrt wird es nach diesem Leitartikel vermutlich ebenso wenig geben wie nach anderen Empfehlungen, die andere Blätter demnächst abgeben werden.

Denn in den vergangenen Jahren haben sich die Massenmedien in den USA ohnehin politisch sehr viel stärker politisch polarisiert als je zuvor. Wer heute eine Zeitung aufschlägt oder einen Fernsehkanal auswählt, der weiß gemeinhin, was ihn erwartet: Der Kabelsender Fox etwa verdient sein Geld damit, dass er gezielt konservative Zuschauer anspricht; beim Konkurrenten CNN wiederum haben zwei linksliberale Kommentatoren ihre Sendung, und zugleich sind sie in Kerrys Wahlkampf-Team unter Vertrag.

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(SZ vom 18.10.2004)