Medien Ein heißer Sommer
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Die Bild-Zeitung ist in den Wochen vor der Bundestagswahl mit ihren Ferien-Ausgaben eine Macht - und liegt oft im juristischen Streit mit Politikern.
An normalen Tagen hätte die Geschichte bei der Bild-Zeitung auf Seite eins gestanden. "Amigo-Affäre: Warum bekam der Freund von Grünen-Chefin Roth so lukrative Staatsaufträge?", hieß die Story über einen Beraterjob des Lebensgefährten der Politikerin in einem Bundesamt.
Bild-Gegendarstellung inklusive Schuldeingeständnis (Hervorhebung: sueddeutsche.de)
(Foto: Foto: sde)Doch weil an jenem 20.April die Boulevardzeitung den Deutschen Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. ("Wir sind Papst") hochleben ließ, rückte die "Amigo-Affäre" auf Seite sieben.
So fand sich an diesem Donnerstag in Bild die Gegendarstellung von Claudia Roth auch weiter hinten, auf der Seite 6 - ebenso groß, aber nicht ganz so plakativ.
Sie hatte sich vor dem Berliner Landgericht und Kammergericht durchgesetzt. "Sie wissen doch, dass eine Gegendarstellung bedeutet, dass der Vorwurf nicht wahr sein muss", sagt Bild-Chefredakteur Kai Diekmann noch am Mittwoch, um dann in der Donnerstags-Ausgabe seines Blattes einzuräumen, dass Frau Roth Recht hatte.
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Der politische Gegenschlag, ausgeführt vom Berliner Anwalt Christian Schertz, der sonst in Händel mit Bild Prominente des Entertainmentgewerbes vertritt, markiert eine Wende im Verhältnis des Boulevardblatts mit der Politik.
In der angespannten Zeit des Vorwahlkampfs gehen Politiker dazu über, gegen aggressive Bild-Storys nicht mehr mit Dementis oder Wiedergutmachungs-Interviews zu antworten, sondern mit knallharten juristischen Maßnahmen. Gleich mit mehreren Gegendarstellungen von bekannten Akteuren der Berliner Republik wurde Bild jüngst eingedeckt.
Monopol des Massenblattes
Ein heißer Sommer: Alle wissen, dass die Massen-Zeitung (Auflage: 3,655 Millionen Exemplare) vor der wahrscheinlichen Bundestagswahl im September über manche Wochen hinweg bei vielen Lesern ein Monopol hat: in Feriengebieten wie Mallorca, Ägypten oder den Kanaren, wo Bild dem Sommerurlauber wie zu Hause auf den Tisch kommt. Vor allem Vertreter des linken Lagers fürchten publizistische Frontalattacken.
Voll auf Gegenangriff geht zum Beispiel Gesundheitsministerin Ulla Schmidt - mit einer beantragten großen Gegendarstellung. "Schamlos! 104 Tage vor der Wahl: Massenbeförderung bei Rot-Grün" hatte Bild am 6. Juni getitelt und geschrieben: "Bei der eiligen Zusammenlegung von Referaten sollen 126 Mitarbeiter (!) befördert werden."
Zuvor hatte schon Focus eine Meldung dazu abgesetzt - was Bild am Sonntag (BamS) nach einer Recherche nicht davon abhielt, auf den eingeplanten Aufmacher zu verzichten und stattdessen einen weniger verkaufsträchtigen Text über die Scheidung des TV-Schauspielers Claus-Theo Gärtner ("Matula ist ein Eheteufel") zu bringen.
Aus dem Umfeld des Bild-Schwesterblatts ist zu hören, die Massenbeförderung sei als Routinevorgang eingestuft worden. Selbst das konservative Handelsblatt schrieb, dass nach Angaben des "für die Höhergruppierung zuständigen Mitarbeiters" 80 Prozent der Höhergruppierungen auf "untere Einkommen entfielen". Das Ministerium erklärt, seit Frühjahr 2002 habe festgestanden, dass ca. 120 Mitarbeiter befördert werden.
Bild-Chef Diekmann, dessen Trauzeuge Helmut Kohl war, bleibt gelassen. Auch zu Zeiten der Kohl-Regierung habe Bild Beförderungen vor einer Wahl angeprangert.
Tatsächlich hatte das Blatt im Juni 1998 über eine "riesige Beförderungswelle in Bonn" berichtet. Diekmann: "Kritisieren wir Fehlentscheidungen, heißt es sofort Kampagne!"
Von wegen: Schluss mit lustig!
Seine Redaktion mag Menschliches über Politiker und fragt: "Joschka zu fett für den Wahlkampf?", um zwei Tage später Außenminister Fischer zu loben: "Joschka läuft sich wieder dünn! 85 Gramm Fett schon weg." Von wegen: Schluss mit lustig!
Im Wahlkampf 1998 hatte Diekmanns Vorgänger Udo Röbel noch eine CDU-Anzeige aus dem Blatt geworfen, weil sie inhaltlich mit dem Redaktionstext kollidierte. Damals machte Gerhard Schröder für Bild den Handstand. Kolportiert wurde der Kanzlerspruch, er setze auf "Bild, BamS und Glotze".
Im Wahlkampf 2002 sah Europas größte Zeitung dann manchmal wie ein Hilfsorgan des Kandidaten Edmund Stoiber aus. Schröder sprach intern über eine "abgesprochene Strategie" von CDU und Springer-Leuten gegen die Regierung. Nun ist die Lage anders.
Im anlaufenden Wahlkampf setzt Schröder offiziell noch auf Sieg, aber selbst viele Genossen können ihm da nicht folgen. Der alte Vorwurf, Springer wolle Rot-Grün vernichten, klingt bizarr - dennoch gibt es größere Scharmützel.
Roths Anwalt Schertz sagt, was Bild mache, habe für ihn "Kampagnencharakter": Mit den Mitteln des Presserechts sei das zu stoppen. Ulla Schmidts Sprecher Klaus Vater sagt, die Ministerin werde "von denen gejagt und wir lassen uns das nicht gefallen".
Bild-Chef Diekmann wiederum kann - natürlich - keine Kampagne erkennen: "Schauen Sie mal, wie kritisch wir über FDP-Vertreter vor der Wahl in Düsseldorf berichtet haben."