John McCains Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft haben ihn in den USA zum Helden gemacht. Wie sie sein Weltbild prägten, zeigt eine Hausarbeit, die er 1974 beim National War College einreichte.
Die Hausarbeit, die der Commander der US Navy John Sidney McCain am 8. April 1974 beim National War College in Washington D.C. einreichte, trägt den schlichten Titel "Der Verhaltenskodex und die Vietnamkriegsgefangenen". Auf vierzig Seiten beschäftigte sich der damals 37-jährige Offizier und derzeitige Präsidentschaftskandidat der Republikaner mit der Frage, ob der Verhaltenskodex der amerikanischen Streitkräfte der Realität des Krieges und dem Druck der Kriegsgefangenschaft gerecht werde.
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Der junge Navy-Pilot John McCain (re.) 1965 - zwei Jahre später wurde er über Hanoi abgeschossen und geriet in nordvietnamesische Gefangenschaft (© Foto: AP)
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Bis zum vergangenen Wochenende war dieses Papier unter Verschluss. Die New York Times veröffentlichte eine leicht gesäuberte Fassung des Papiers gerade in ihrer Sonntagsausgabe und auf ihrer Webseite. Nun wird die Arbeit als politologischer Quellentext gelesen.
Zur richtigen Deutung des Textes gehört die Vorgeschichte, die in den USA längst zum Allgemeinwissen gehört. Nicht zuletzt, weil McCain aus den sechs grauenvollen Jahren in Vietnam und seinem Status als landesweit gefeierter Kriegsheld in den Jahren nach dem Abzug aus Vietnam bei seinen Wahlkämpfen viel und wirkungsvolles Kapital geschlagen hat.
Gefangen im "Hanoi Hilton"
Dazu gehört auch, dass er seiner Kriegsversehrtheit die Würde eines Ordensträgers verleiht. John McCain kann beispielsweise seine Arme nicht mehr über den Kopf heben. Das ist eine der Spätfolgen der Folter, die er in Nordvietnam erduldete.
Das Martyrium des John McCain begann im Sommer 1967. McCain war als Pilot eines Skyhawk-Jagdbombers auf den Flugzeugträgern USS Forrestal und USS Oriskanystationiert. Bei einem Bombenangriff auf Hanoi wurde er abgeschossen. Er sprang mit dem Fallschirm ab, brach sich beim Absturz beide Arme und ein Bein, und landete im Truc-Bach-See mitten im Stadtzentrum. Er ertrank fast, doch eine aufgebrachte Menge zog ihn aus dem Wasser, fing an, auf ihn einzuschlagen, irgend jemand stieß ihm ein Bajonett in den Leib. Als er wieder zu sich kam, befand er sich im Hoa-Lo-Gefängnis, dem berüchtigten "Hanoi Hilton".
Schwer verletzt wurde er dort ohne Behandlung verhört. Erst als seine nordvietnamesischen Peiniger erfuhren, dass McCains Vater ein bekannter Vier-Sterne-Admiral war, kam er in den Krankentrakt. Einige Monate später wurde er in ein Lager am Stadtrand verlegt, wo er zwei Jahre in Isolationshaft verbrachte.
Als sein Vater im Sommer 1968 zum Oberbefehlshaber sämtlicher Streitkräfte des Vietnamkrieges ernannt wurde, wollten ihn die Nordvietnamesen aus der Gefangenschaft entlassen. Doch McCain weigerte sich. Solange noch US-Soldaten in den Lagern seien, die vor ihm in Gefangenschaft gerieten, wollte er keine Sonderbehandlung.
Ansprachen über Lautsprecher erfüllten ihn mit Wut
Daraufhin begannen Monate schwerer Folter. Nur einmal unterzeichnete McCain eine Propagandaerklärung der Nordvietnamesen, ein Zugeständnis, für das er sich bis heute schämt. Er habe damals die Grenzen seiner Belastbarkeit erreicht, sagte er später.
Im März 1973 wurde McCain schließlich entlassen. Ein gutes Jahr später verfasste er seine Hausarbeit für das War College. Es waren weniger seine eigenen Erfahrungen, die er in der militärrechtstheoretischen Arbeit verwandte, als vielmehr seine Reaktion auf all die gemeinsam mit ihm Gefangenen, die dem Druck der Folter nicht widerstanden. Wut und das Gefühl des Verrats liest man in den Zeilen. Vor allem drei Offiziere, die in einem Gefangenenlager den Krieg in Ansprachen über Lautsprecher verdammten, erfüllten ihn mit Wut. Auch wenn er versuchte, in der Arbeit den Ton der kühlen Analyse aufrecht zu erhalten.
"Die Fähigkeit eines Soldaten, Widerstand zu leisten, basiert auf unangreifbaren Qualitäten, die er sich vor seiner Gefangenschaft angeeignet hat", schreibt er da. "Dazu gehören: Glaube an das Heimatland, Glaube an Gott, die Liebe zur eigenen Familie und physische Ausdauer." Die wichtigste Bedingung dafür, dass ein Mensch seine Zeit als Kriegsgefangener übersteht, so schreibt er, sei jedoch "ein Glaube an die Richtigkeit der Außenpolitik seines Landes."
Verachtung für alle, die einen Abzug aus dem Irak fordern
In diesen Sätzen findet man die Wurzeln der scharfen Kritik, die McCain später als Senator immer wieder an Bush und Rumsfeld übte. Den Krieg gegen den Irak hat er nie angezweifelt, doch die schlampige Strategie und die zynische Politik seiner Regierung trieben den Choleriker McCain mehr als einmal zu Tobsuchtsanfällen.
Doch auch für die Friedensbewegung hatte McCain nur Verachtung übrig. Er sei bis heute davon überzeugt, dass die Antikriegsbewegung die Moral einiger Kriegsgefangener entscheidend unterhöhlt hätte, antwortete er auf die Frage der New York Times, ob er das Weltbild seiner Arbeit von 1974 heute noch vertrete. McCains Verachtung für alle US-Bürger und -Politiker, die einen Abzug aus dem Irak fordern, ist längst Legende.
Wer die Arbeit nun zur Veröffentlichung freigegeben hat, verrät die New York Times nicht. Es ist anzunehmen, dass McCains Wahlkampfteam selbst dafür gesorgt hat. So kann man den Text nicht nur politologisch, sondern auch politisch lesen. Denn was bleibt ist das Bild eines Mannes, der bereit war, für seinen Patriotismus Jahre der Folter auszuhalten und diesen Patriotismus nun aus einer Position der moralischen Stärke vertreten und einfordern kann. Ein Bild, das in einem Wahljahr in Kriegszeiten viel wert sein könnte.
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(SZ vom 18.6.2008/ihe)
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Könnten Sie die genaue Quelle nennen für Ihre Behauptungen? In dem Artikel der New York Times, die im allgemeinen äußerst gut recherchiert und die, wenn daran etwas wäre, dies wohl auch erwähnt hätte, stand davon nichts, im Gegenteil. Die Einzelheiten, was McCain in der Haft erdulden mußte (bezeugt), wurden aus dem obigen Artikel herausgekürzt. Auch das Problem des "Singens" ist im Artikel weit differenzierter dargestellt - nicht nur das seiner Kameraden, die - ohne gefoltert zu werden wie es McCaine erwiesenermaßen war - von Anfang an Kollaborateure waren, um sich die dafür erhältlichen Annehmlichkeiten in der Haft zu erwerben.McCain unterzeichnete erst nach geraumer Zeit ein von ihm nie geleugnetes Memorandum, nachdem man ihm u.a. den bereits gebrochenen Arm in einem Verhör noch einmal gebrochen hatte,und das alles ohne jegliche anschließende ärztliche Versorgung. Alle die, die jetzt nur blanken Haß für McCain zu empfinden scheinen (der auch aus vielen Beiträgen herausleuchtet), sollten erst einmal mitmachen, was er mitgemacht hat.Er ist auch nur ein Mensch wie Du und ich!
Ich spreche hier weder für McCain noch gegen McCain als Kandidaten für die Präsidentschaft, mir erscheint das im Hinblick auf DE unerheblich:Denn ich glaube im Ernst nicht daran, daß sich die Außenpolitik der USA wesentlich ändern wird. Man muß dazu nur die Reden von Obama und von McCain vor der AIPEC lesen. Sicher ist nur: Für Deutschland wird ein Zahltag kommen, egal wer Präsident wird.Dem Ekel Bush war ja alles abzuschlagen... bei den beiden anderen ist das ganz anders, da müßte man Standvermögen beweisen, vor allem bei Obama, dem hochgepriesenen Favoriten der Deutschen.Allein, ich befürchte: Auch er wird nur mit Wasser kochen.
fuer alle, die, wie ich, den link zum McCain document vermissen: http://graphics8.nytimes.com/packages/pdf/politics/20080615/McCain.pdf
Auch dies ist mal wieder ein Abklatsch eines ausführlichen, in der New York Times erschienenen Artikels und ergibt schon durch die Kürzung ein sehr schiefes Bild gegenüber dem ursprünglichen Artikel. (Vielleicht sogar gewollt?) Liebe Leser, bitte lesen Sie den Artikel doch gleich in der New York Times.Dann ersparen Sie sich auch die regelmäßig im zweiten deutschen verdünnten Aufguß erscheinenden peinlichen Übersetzungsfehler der SZ (siehe dazu der allererste Beitrag zu diesem Artikel von "Jotun").
Ich habe mich neulich schon hier laut gefragt, wie die SZ, die sich ständig aus der NYT als Quelle nährt, die sich ergebenden Fragen bezüglich des Copyright regelt...Dieser Artikel firmiert als Artikel der Süddeutschen vom 18.6.2008, wenn es sich in Wirklichkeit um einen in der New York Times erschienen Artikel handelt.
...ist auch oder eher gerade der amerikanische geprägt von Pathos und viel Gefühlsduselei. Sinnvolle Argumente hört man selten (siehe die Berliner Rede unseres Präsidenten gestern, der ja noch nicht mal vom Volk, sondern höchstens der Volksvertretung, wenn man sie so nennen will, gewählt wird). Uns steht Schlimmeres ins Haus: Ein langes Jahr voller Gerede ohne Ergebnis. Da ist so eine Hausarbeit (klingt verdächtig nach Schule) eines ehemaligen Kriegsgefangenen ja noch erträglich. Ich selber bin froh und glücklich, keinen Krieg am eigenen Leib erfahren zu haben (hoffentlich bleibt das so) und will mir daher allerhöchstens anmaßen zu sagen, dass McCain die Wahl ebenfalls mit guten Argumenten und politischen Programmen gewinnen sollte als mit "alten (obwohl in USA immer aktuellen) Kriegsgeschichten". Davon abgesehen sollte man niemanden verachten, der Probleme lieber ohne als mit Gewalt lösen will (wer verachtet denn Pazifisten? Doch höchstens die Waffenlobby); auch wenn ich mir im Klaren darüber bin, dass es wohl Situationen gibt, die Gewalt verlangen. Diese sollte aber, wenn möglich, als Antwort auf eine Aggression erfolgen und nicht als Primärprävention (Hmmm...auf den Erstschlag warten?!)....
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