Massenproteste in Ägypten Schwarzer Block am Nil

Sie sind jung, vermummt und aggressiv: Zum zweiten Jahrestag des Aufstands in Ägypten erklärt eine neue Oppositionsgruppe ihre Gründung. Wenig später brennt die erste Parteizentrale der Muslimbrüder. Ein halbes Jahr nach dem Machtantritt von Präsident Mursi ist die Gruppe der Unzufriedenen unübersichtlich geworden - und gewaltbereiter.

Von Sonja Zekri, Kairo

Zum zweiten Jahrestag des Aufstandes ist in Ägyptens zerklüfteter Protestlandschaft ein neuer Spieler aufgetaucht: Auch am Nil gibt es nun einen schwarzen Block. Junge Männer in Schwarz mit Kapuzen und Tüchern vor dem Gesicht waren schon am Donnerstag in der Innenstadt von Kairo aufgelaufen, hatten gebetet, waren dann auf den Tahrir marschiert. Protestierende hatten einen Baum entwurzelt und Steine geworfen. Am Freitag rissen sie eine ganze Betonmauer nieder - die Polizei reagierte entsprechend.

In einem Video hatte der schwarze Block zuvor seine Gründung bekannt gegeben und sich als Antwort auf die vermeintlich militanten Gruppen der islamistischen Muslimbrüder vorgestellt. Fotos im Internet zeigen, wie sie Molotow-Cocktails befüllen. Oder sollen die nur die Opposition diskreditieren? Zwei Jahre nach dem Sturz Mubarak, ein halbes Jahr nach dem Machtantritt Mohammed Mursis ist die Gruppe der Unzufriedenen unübersichtlich geworden - und gewaltbereiter.

Vor allem die "Ultras", Fußballfans mit einer langen Tradition im Kampf gegen Polizei und Staat, könnten in diesen angespannten Tagen die Situation eskalieren lassen. An diesem Samstag soll in Kairo das Urteil im Prozess wegen der Toten in Port Said gesprochen werden. Dort waren bei Fußballkrawallen vor etwa einem Jahr mehr als 70 Menschen gestorben. Für die Ultras war klar: Die Gewalt war die Rache des Regimes an Fußballfans, die schon lange vor dem Mubarak-Sturz zurückgeschlagen hatten, wenn die Polizei zuschlug.

Während des Aufstands auf dem Tahrir gehörten die Ultras zu den stärksten Kräften. Die Fans hatten eine Rechnung offen mit dem alten Staat - und seit Port Said nun auch mit dem neuen. Vor kurzem hat der Staatsanwalt erklärt, es gebe neue Beweise im Fall Port Said. Das deutet auf eine Verschiebung des Urteils hin. Aus Wut haben die Fans U-Bahn-Stationen blockiert und einen Hafen gestürmt.

Auch in Kairo flogen am Freitag wieder Steine auf dem Tahrir-Platz. Parlamentsgebäude, Regierungssitz und Innenministerium wurden von Hunderten Sicherheitskräften geschützt. Fast 2000 Krankenwagen im ganzen Land hielten sich bereit für die erwarteten Zusammenstöße. 110 Verletzte waren am Ende die Bilanz.

Muslimbrüder setzen auf die unteren Schichten

Am Donnerstagabend hatte Mursi zum zweiten Jahrestag der Revolution in einer Rede die nationale Einheit und Ordnung beschworen. Die Ägypter sollten den Jahrestag "zivilisiert" begehen, also ohne Krawalle, und "die Islamophobie durch bescheidenes Auftreten bekämpfen". Die Muslimbrüder hatten erklärt, dass sie sich dem Tahrir-Platz fernhalten werden, aber sich bereithalten, falls ihre Büros angegriffen werden - bereits am Freitagnachmittag brannte eine Parteizentrale in Ismailia. Die Bruderschaft hatte zuvor erklärt, sie wolle zu Ehren der Revolution Bäume pflanzen, Schulen bauen und Märkte für die Armen einrichten. Gegner sehen dies als Auftakt des Wahlkampfes: Die Muslimbrüder setzen auf die unteren Schichten.

Gegner der Muslimbrüder marschierten am Freitag auch in Suez und der Salafistenhochburg Alexandria. In Kairo zogen sie in Sternmärschen auf den Tahrir-Platz und dann weiter zum Präsidentenpalast. Dort war es vor einigen Wochen zu schweren Auseinandersetzungen gekommen. Friedensnobelpreisträger Mohammed elBaradei, Ex-Außenminister Amr Moussa und der linke Populist Hamdin Sabbahi hatten als gemeinsame "Nationale Rettungsfront" Millionen gegen die Verfassung mobilisiert, die die Islamisten durchgepeitscht hatten.

Seitdem hat die Rettungsfront an Schwung verloren. Ende April oder Anfang Mai soll ein neues Parlament gewählt werden. Bis dahin müsste sich die Opposition auf eine gemeinsame Strategie einigen, aber schon jetzt berichten Medien, dass es Zwist gibt über die Frage, ob sie als einzelne Liste antreten oder Kandidaten verschiedener Parteien aufstellen soll. Vor allem junge Baradei-Anhänger plädieren für die letzte Variante: Sie möchte sich von den Anhängern des Mubarak-Regimes distanzieren, die bei manchen der Parteien Unterschlupf gefunden haben. Mit den Protesten am Freitag, so sagte ein Rettungsfront-Sprecher, wolle man darauf dringen, dass die Ziele der Revolution erreicht werden: Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit.