Massenmorde im Ersten Weltkrieg Armenien wirft Türkei Genozid-Leugnung vor

Armenische Deportierte während des Ersten Weltkrieges. Viele Armenier überlebten die Märsche nicht. Das Foto hat der deutsche Offizier Armin Wegner aufgenommen. Das deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich waren Verbündete im Ersten Weltkrieg. Deutsche unterstützten die osmanischen Behörden teilweise auch bei den Aktionen gegen die Armenier.

(Foto: REUTERS)

Der türkische Premier Erdoğan hat erstmals Beileid für Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich bekundet - doch das ist zu wenig, heißt es aus der armenischen Hauptstadt Eriwan. Reaktionen kamen auch von Frankreichs Staatschef Hollande und US-Präsident Obama.

Armenien hat die Beileidserklärung des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdoğan zum Völkermord an den Armeniern zurückgewiesen. Ankara bleibe bei seiner Politik der "völligen Leugnung" des Genozids, sagte der armenische Präsident Sersch Sarkissjan in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Die Leugnung eines Verbrechens bedeute dessen Fortsetzung. Nur die Anerkennung und die Verurteilung des Genozids könne eine Wiederholung verhindern, teilte Sarkissjan mit.

Dagegen begrüßte das armenische Patriarchat in der Türkei die Erklärung von Ministerpräsident Erdoğan, der am Mittwoch erstmals von den "unmenschlichen Folgen" der Vertreibung der Armenier gesprochen hatte (hier mehr dazu). Die Vertretung der Armenischen Apostolischen Kirche in der Türkei teilte der Nachrichtenagentur Anadolu zufolge mit, die Armenier nähmen Erdogans Beileidserklärung an. Der Ministerpräsident habe eine neue Seite im türkisch-armenischen Verhältnis aufgeschlagen.

Die Kurdenpartei BDP rief den türkischen Staat zu einer offiziellen Entschuldigung bei den Armeniern auf. Die offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sei ein Garant dafür, dass sich Ähnliches nicht wiederhole. Die rechtsnationalistische MHP warf Erdoğan hingegen vor, mit seiner Stellungnahme gegen die Interessen des Landes gehandelt zu haben. Es habe keinen Völkermord gegeben.

Hollande will 2015 zu Gedenkfeier nach Armenien reisen

US-Präsident Barack Obama rief zu einer "vollständigen, offenen und genauen Anerkennung" der Geschehnisse auf. Obama wandte sich nicht direkt an seinen türkischen Verbündeten in der Militärallianz Nato und verwendete auch nicht das Wort "Völkermord". Aus dem US-Außenministerium hieß es, Erdoğans "historische" Einlassungen könnten eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei einleiten.

Der französische Präsident François Hollande lobte die Äußerungen Erdoğans zu den Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich, forderte aber zugleich weitere Schritte von der Türkei. "Das war ein Wort, das man hören musste, doch das kann noch nicht reichen", sagte Hollande in Paris mit Blick auf Erdogans Erklärung. Zwar sei eine "Entwicklung" in der Türkei zu verzeichnen, doch müssten die Ereignisse klar benannt werden. Hollande kündigte an, an der Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag des Völkermords in der armenischen Hauptstadt Eriwan im kommenden Jahr teilnehmen zu wollen. Frankreich hat eine bedeutende armenische Exilgemeinde und tritt daher seit langem mit Nachdruck für die Anerkennung der Massaker als Genozid ein.

Menschenrechtsaktivisten in Istanbul erinnerten am Donnerstag an den Beginn der Massaker vor 99 Jahren. Mit der Deportation von Armeniern vom Istanbuler Bahnhof Haydarpasa begann am 24. April 1915 die Vertreibung der Volksgruppe. Bei Massakern und Todesmärschen starben bis zu eineinhalb Millionen Menschen.

Armenien, mehr als ein Dutzend andere Länder und viele Historiker stufen die Vorgänge als Völkermord ein, die Türkei lehnt diesen Begriff dagegen entschieden ab. Bis in die jüngere Vergangenheit wurden in der Türkei Zweifel an der offiziellen Version mitunter juristisch geahndet.

Erdoğans Mitgefühl mit Einschränkungen

Premier Recep Tayyip Erdoğan thematisiert die in der Türkei bislang tabuisierten Massenmorde an Armeniern im Osmanischen Reich und zeigt Mitgefühl. Dafür heimst Erdoğan Lob aus Washington ein - auch wenn andere Aussagen aus seiner Erklärung für Kritik sorgen. Von Oliver Das Gupta mehr ...