Massaker in den USA Zum Morden braucht das Böse Waffen

Auf das blutige Massaker von Las Vegas folgen nur hohle Rituale. Dabei weiß jeder: Amerika hat ein Waffenproblem, das von Richtern und unfähigen Politikern ignoriert wird.

Kommentar von Hubert Wetzel

Jetzt ist wieder die Zeit für Gedanken und Gebete. Das ist jedes Mal so, wenn in Amerika eine größere Anzahl von Menschen erschossen wird. Es gibt für diese Fälle eine etablierte Betroffenheitsfloskel. Sie kann, wie nun nach dem Blutbad in Las Vegas, rasch herumgetwittert werden, sie ist tröstend gemeint, aber sie hat sich inzwischen so abgenutzt, dass sie eher sarkastisch wirkt: "Thoughts and Prayers". Irgendjemand zieht mit einer Waffe los, tötet wahllos, und das Land versichert den Opfern und Hinterbliebenen, man werde an sie denken und für sie beten. Meistens stimmt weder das eine noch das andere; und praktische Folgen hat das Nachdenken und Beten ohnehin nicht.

Das gilt auch für ein weiteres hohles Ritual, das stets auf solche Schusswaffenmassaker folgt. Die Politik tut dann so, als überlege sie ernsthaft, was man tun solle, um die nächste Gewalttat zu verhindern. Die Linken fordern schärfere Waffengesetze. Die Rechten empören sich darüber, dass jetzt nicht die Zeit sei, eine Tragödie politisch auszunutzen, selbst wenn da Schulkinder tot in ihrem Blut liegen. Und auch diese sogenannte Debatte hat keinerlei praktische Folgen. So ist es immer, so wird es auch nach Las Vegas sein.

Die Rituale sind bekannt, aber am Ende ändert sich nichts

Dabei ist eigentlich alles ganz einfach: Jeder weiß, dass die USA ein Waffenproblem haben. Man kann sich dort an einem Nachmittag ein Arsenal zusammenkaufen, auf das eine syrische Rebellentruppe neidisch wäre. Und je höher die Zahl der Schusswaffen, desto größer die Gefahr, dass einer ihrer Besitzer irgendwann losballert. Dieser Zusammenhang ist mittlerweile so ausführlich erforscht und dokumentiert, dass der ewige Streit darüber lächerlich wäre, ginge es nicht um einige Zehntausend Tote pro Jahr.

"Kinder ohne Eltern, Väter ohne Söhne, Mütter ohne Töchter"

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Ja, Präsident Donald Trump hat recht, willkürlich in eine Menge bei einem Freiluftkonzert zu schießen, ist ein "Akt des puren Bösen". Aber um in 15 Minuten 58 Menschen zu töten und gut 520 zu verwunden, dazu braucht das Böse Waffen. Es braucht moderne, leistungsfähige, militärische Schusswaffen und dazu kistenweise Munition. In den USA kann man beides in jedem Walmart kaufen.

Dass das völlig legal möglich ist, ist kein unabänderliches Schicksal, es ist keine Plage, die Gott den Amerikanern gesandt hat. Sondern es ist das Ergebnis juristischer und politischer Entscheidungen. Und wo Entscheidungen fallen, gibt es Verantwortliche. Präsident Trump zitierte am Montag die Bibel, Psalm 34, Vers 18: "Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben." Soll sich Gott um die Opfer kümmern.

Aber vielleicht war das die falsche Bibelstelle. Vielleicht hätte Donald Trump mal beim Propheten Jesaja nachlesen sollen, Kapitel 1, Vers 15: "Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut."

Das sind harsche Worte. Aber sie stimmen, auch wenn man nicht gleich von blutigen Händen reden muss. Man kann ganz gut benennen, wer in den USA dafür verantwortlich ist, dass der Waffenwahnsinn nicht aufhört. Dazu gehören jene konservativen Richter, die das in der Verfassung verbriefte, aber unklar formulierte Recht auf Waffenbesitz als ein individuelles und absolutes Recht interpretieren. Das ist eine umstrittene Auslegung, die jeden Versuch blockiert, die Waffenflut durch Gesetze einzuschränken.

Eine große Werbetafel kündigt eine "Gun Show" an, im Hintergrund ist das Mandalay-Bay-Hotel zu sehen, aus dem der Täter am Sonntag 58 Menschen erschoss.

(Foto: REUTERS)

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Zu den Verantwortlichen gehören auch die Waffenhersteller, die ihre mörderische Ware immer neuen Käufergruppen aufdrängen, zum Beispiel Bling-Bling-Handtaschenrevolver für Frauen oder pinke Sturmgewehrchen für kleine Mädchen. Dazu gehört die Waffenlobby National Rifle Association, deren Vorsitzender 2012 nach dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule allen Ernstes nach mehr Waffen rief: Das einzige Mittel gegen böse Menschen mit Waffen seien gute Menschen mit Waffen. Wer diese Feuer-frei-Logik anzweifelt, auf den lässt die NRA die Meute los.

Und zu den Verantwortlichen zählen jene Politiker, Demokraten wie Republikaner, die nicht nur unfähig sind, Waffengesetze zu verschärfen, sondern diese - Gipfel des Irrsinns - immer noch weiter lockern. Man darf inzwischen in vielen Bundesstaaten mit einer Maschinenpistole durch die Straßen schlendern, man darf Waffen mit in Bars, Kinos und Vorlesungssäle nehmen. Wenn es dann knallt, twittern die Politiker ihre abgedroschene Floskel, als sei etwas gänzlich Unvorhergesehenes und Unvermeidbares passiert - "Thoughts and Prayers".

Noch weiß man nicht genau, was den Attentäter von Las Vegas angetrieben hat. Was man weiß: Es war das bisher tödlichste Massaker. Aber nicht das letzte.

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