Martin Schulz Ein kurzer Hype, ein langer Fall

Szene aus dem Wahlkampf-Sommer: Schulz im Willy-Brandt-Haus

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Auf die Euphorie folgt der Absturz, und am Anfang wie am Ende steht Sigmar Gabriel. Was ist passiert? Ein Rückblick auf das turbulente Jahr von Martin Schulz als SPD-Chef - und ein Erklärungsversuch.

Von Oliver Das Gupta

Wie konnte das Martin Schulz passieren? Erst entfacht er ein Feuer in der SPD, wird zum 100-Prozent-Vorsitzenden, überflügelt die Union. Dann der langsame Absturz bis zum unterirdischen Ergebnis bei der Bundestagswahl. Es folgt ein beispielloser Zickzack-Kurs: Erst ganz klar Opposition, dann doch Regierung, erst Außenminister, dann doch nicht. Das Tohuwabohu überlagert sogar das aus SPD-Sicht beachtliche Ergebnis der Koalitionsverhandlungen. Martin Schulz hat alles verloren bis auf seinen Sitz als Abgeordneter des Bundestages. Sein Absturz ist beispiellos. Ein Rückblick auf ein turbulentes Jahr in sieben Kapiteln.

Berlin statt Brüssel

Mehr als 20 Jahre sitzt Schulz im Europaparlament, als er Ende 2016 seinen Wechsel in die Bundespolitik ankündigt. Anfang Januar trifft er sich im Hintergrundgespräch mit Journalisten, es geht um Europa und auch darum, wie man Viktor Orbán anpackt, wenn man etwas erreichen will. Ein Journalist stößt etwas später dazu und begrüßt Schulz mit den Worten: "Hallo, Herr Bundeskanzler". Die Runde lacht, Schulz lacht nicht. Wenige Tage später ist klar, was er in Berlin will: Den SPD-Vorsitz übernehmen und die Kanzlerkandidatur gleich mit.

Gabriel übergibt Schulz die Partei, er selbst wechselt als Minister ins Auswärtige Amt. Drängte Schulz sich auf? Oder lockte Gabriel ihn aus Brüssel, weil er wie 2013 wieder nicht als Kanzlerkandidat antreten wollte?

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Der Schulz-Hype

Schulz gilt zwar bei Parteilinken als konservativer Sozialdemokrat und bei den Jusos merkt man an, wie alt Schulz ist und dass schon wieder keine Frau zum Zug kommt. Doch all das fällt in diesen ersten Schulz-Wochen nicht ins Gewicht. Die Stimmung in der ausgelaugten Regierungspartei ist wie ausgewechselt, der Schulz-Hype beginnt. In den Umfragen schnellen die SPD-Werte hoch, von 20 Prozent auf mehr als 30 Prozent.

Er preist Europa, er geißelt Steuerflucht und rechte Tendenzen, fordert stabile Renten und mehr Gerechtigkeit, auch spricht er über seine überwundene Alkoholsucht. Gegen Kanzlerin Angela Merkel und ihre Union holzt er so gut wie gar nicht. Warum auch: Es läuft einfach so für ihn, er ist locker, leidenschaftlich und kommt authentisch rüber. So euphorisiert er sogar im bayerischen Bierzelt Tausende.

Schulz tourt durch die Republik, wo er hinkommt, sind die Leute begeistert. Etwa zwei Monate dauert der demoskopische Gleichstand mit der Union. In einzelnen Umfragen liegt die SPD sogar vor CDU und CSU, die Parteizentrale registriert Tausende neuer Mitglieder. Nur vereinzelt gibt es Sozialdemokraten, denen Schulz schon damals zu wenig konkrete Inhalte liefert. Schulz bleibt absichtlich im Vagen, er setzt zu diesem Zeitpunkt auf Emotionen statt auf Konzepte - so schreibt es der Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen nach der Bundestagswahl in seiner Schulz-Reportage. Der SPD-Mann sei davon ausgegangen, dass er die Kanzlerin schlagen kann, weil er "der Gefühligere" ist.

Entscheidung im Stammland

Es kommt anders. Erst gewinnt im Saarland die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, die Umfragewerte schwächeln. Aber Schulz und sein Umfeld machen sich keine Sorgen, ist ja nur das kleine Saarland, außerdem ist er wenige Tage vorher mit 100 Prozent zum SPD-Vorsitzenden gewählt worden. Und bei den Umfragen im Bund liegt die SPD knapp unter 30 Prozent. Als Anfang Mai auch die Wahl in Schleswig-Holstein verloren geht, sieht Schulz die Ursache - wohl nicht zu Unrecht - beim SPD-Ministerpräsidenten Torsten Albig.

Eine Woche später dann, am 14. Mai, kassiert die SPD in Nordrhein-Westfalen, Schulz' Heimat, eine krachende Niederlage, nurmehr 30 Prozent, so schlecht stand man im Stammland noch nie da. Schulz ärgert sich intern über Hannelore Kraft: "Für dich haben wir einen hohen Preis gezahlt", ruft er dem Spiegel zufolge am Wahlabend. Denn auf Wunsch der SPD-Ministerpräsidentin hatten die Bundestagswahlkämpfer zurückgesteckt. Eine Bildungsoffensive stellte Schulz nicht vor, weil Kraft fürchtete, dass das die schlechte Bildungslage im Land betonen könnte. Und auf ihren Wunsch hat sich der Kanzlerkandidat auch aus dem NRW-Wahlkampf rausgehalten - was ihm bis heute an der SPD-Basis immer wieder angelastet wird.

Abwärts

Nach der NRW-Wahl sacken die SPD-Umfragewerte auch auf Bundesebene langsam, aber kontinuierlich ab, manchmal kommen die Sozialdemokraten noch auf 25 Prozent, meistens liegen sie drunter. Die heiße Phase des Bundestagswahlkampfes beginnt, Schulz ist oft deprimiert, nervös. Längst hat er gemerkt, was für ein Manko es ist, in Berlin und der Bundespolitik Neuling zu sein. In der Parteizentrale, dem Willy-Brandt-Haus, herrschen Strukturen und Personen, die geprägt sind von seinem Vorgänger. Sigmar Gabriel zieht die Aufmerksamkeit auch jetzt oft und gerne auf sich, profiliert sich als Außenminister und Europapolitiker. Ausgerechnet Europa, Schulz' Leib- und Magenthema. Im Juli ist Gabriel der beliebteste Sozialdemokrat. Schulz soll schon vor der Wahl im kleinen Kreis davon gesprochen haben, dass er Gabriel nicht im Amt halten werde. Wann es zum Bruch kommt, lässt sich schwer sagen, aber Schulz (und nicht nur der) empfinden Gabriels Agieren offenbar als ungehörig.

Wenige Wochen nach dem Parteitag kündigt Altkanzler Schröder an, Aufsichtsrat beim russischen Ölkonzern Rosneft zu werden. Nun fragen die Journalisten wieder alle nach Schröder, statt nach den Themen, über die Schulz wirklich reden will. Ähnlich geht es ihm im Wahlkampf auch mit Peer Steinbrück, dem Kanzlerkandidaten von 2013, der in Interviews über die SPD meckert.

Schulz ist frustriert über die Union, die mit ähnlichen Inhalten in die Wahl zieht, wie sie vorher von der SPD vorgelegt wurden. Seine Wut auf die gewohnt wolkig-passiv auftretende Angela Merkel wächst. Aber Merkel lässt seine Attacken abprallen: "Schwamm drüber". Wäre das Kanzlerduell ein Boxkampf, dann landet der wild um sich schlagende Schulz keinen Treffer, weil seine Gegnerin sich außerhalb des Rings mit einer Limo zurücklehnt. Schulz wird immer zorniger, einmal muss er eine Probe zum Fernsehduell unterbrechen, weil ihn das Merkel-Double so in Wallung bringt. Im Laufe seiner Kampagne verliert er das, was seinen Höhenflug Anfang des Jahres möglich gemacht hat: Authentizität. Er wird sie erst am Wahlabend wiederfinden.

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Festlegungen und Wenden

Berlin, am 24. September 2017. Schulz hat nun Gewissheit darüber, dass diese Wahl für seine SPD in einem Fiasko endet. 20,5 Prozent, so schlecht hat die SPD seit Bestehen der Bundesrepublik noch nicht abgeschnitten. Merkel habe "einen skandalösen Wahlkampf geführt", herrscht Schulz die Kanzlerin in der Elefantenrunde an. Schulz wirkt in der Niederlage wie befreit, legt sich auf die Oppositionsrolle für die SPD fest, die Reaktion der Partei wirkt ähnlich euphorisch wie zu Anfang des Jahres. Einen Tag später schließt Schulz auch noch aus, Minister unter einer Kanzlerin Merkel zu werden.

Beim kategorischen Nein zur Neuauflage der großen Koalition bleibt Schulz auch noch am Tag nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen Ende November. Das hält damals mancher vom rechten Parteiflügel für ungehörig: Schulz habe nicht einmal das Gespräch mit dem sozialdemokratischen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier abgewartet, das sei respektlos gewesen. Dann nach langem Zögern doch noch der Umschwung, die SPD ist Mitte Dezember bereit zu Sondierungsgesprächen. Immerhin: Die gesamte Parteispitze steht hinter dieser 180-Grad-Wende. Und bei den Sondierungsgesprächen können die Sozialdemokratien einige Erfolge verzeichnen.

Bonner Abgesang

Auf einem außerordentlichen Bundesparteitag in Bonn lässt sich Schulz Mitte Januar das Sondierungsergebnis absegnen. Es ist ein Manöver, das fast schief geht. Die Jusos wenden sich kategorisch gegen eine neue Groko und überzeugen viele Delegierte. Vor der Abstimmung hält der kränkelnde Schulz eine Rede, die nicht zünden will. Dann dreht Andrea Nahles die Stimmung des Parteitages: In fünf Minuten rettet die Fraktionschefin ihren Parteichef mit einem rhetorischen Feuerwerk. Trotzdem: Nur 56 Prozent der Delegierten stimmen für Koalitionsverhandlungen. Unter den Delegierten ist damals die Ernüchterung über Schulz groß. Den Rücktritt fordert niemand, aber es gibt von der Basis hinaus bis zu den höheren Funktionären nun offen geäußerte Zweifel, "ob der Martin es kann". Schulz erkennt diese Tendenzen, er bietet Nahles unter vier Augen den Vorsitz an, öffentlich wird das noch nicht. Zuerst wird mit CDU und CSU verhandelt.

Ein "Hahnenkampf"

Die Koalitionsverhandlungen sind aus sozialdemokratischer Sicht recht erfolgreich verlaufen. Doch fast alle reden nur über Schulz - aus Gründen: Er verkündet seinen Verzicht auf den Vorsitz zugunsten von Nahles - und gleichzeitig seinen Anspruch auf das Auswärtige Amt; Skrupel gegenüber Gabriel, den er damit aus dem Amt drängt, zeigt er keine.

Es ist der zweite Wortbruch innerhalb weniger Wochen: Schulz wirft den Vorsitz hin, um sich ins Ministeramt zu retten, sagen manche Funktionäre entrüstet. Andere zeigen Verständnis: Schulz habe nach diesem krassen Jahr eine politische Reha gesucht im mit Glanz und Renommee verbundenen Außenamt. "Der wollte einfach mal geliebt werden." Aber es ist eine Volte zu viel.

Die Enttäuschung über Schulz wird sichtbar in unzähligen Briefen, E-Mails und Anrufen der Basis. Schulz zieht erschrocken zurück. Er will nicht riskieren, dass sein Anspruch die Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag negativ beeinflusst. Sigmar Gabriels beleidigte (und halb beleidigende) Äußerungen, so hört man, hätten keinen Einfluss auf den Schulz-Rückzieher gehabt. Schulz' Schwester sagt in einem Interview, ihr Bruder werde nun zum Sündenbock gemacht. Die designierte SPD-Chefin Nahles könne Schulz dankbar sein, weil der "in ihrem Sinne Sigmar Gabriel abserviert hat". Zumindest den letzten Punkt sieht man in Teilen der Partei ähnlich. Nicht wenige Sozialdemokraten, die man in diesen Tagen spricht, sehen Gabriel und Schulz nur noch als Hinterbänkler im Bundestag. Dort könnten sie ihre Streitereien austragen und ins Reine kommen, sagt einer. Gerade jüngere Sozialdemokraten haben kein Verständnis für den "Hahnenkampf".

Das Schulz-Jahr an der SPD-Spitze begann mit Sigmar Gabriel und es endet auch mit ihm. Nun wollen sie sich in der SPD auf den Mitgliederentscheid fokussieren, danach erst soll es um die Postenverteilung gehen. Bloß keine Personaldebatte mehr, endlich mal Ruhe, lautet der Tenor. Nach diesem Schulz-Jahr klingt nicht nur Martin Schulz erschöpft.

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