Marine Le Pen Madame Merkel ist an allem schuld

Front-National-Chefin Marine Le Pen vor Gericht in Lyon, wo sie sich wegen "Anstachelung zum Hass und zur Diskriminierung" gegenüber Muslimen verantworten muss.

(Foto: AP)

Front-National-Chefin Le Pen wittert überall Gefahren für Frankreich. Seit Neuestem glaubt sie, die Verantwortliche gefunden zu haben - in Deutschland.

Von Christian Wernicke, Paris

Viel Feind, viel Ehr - diesem deutschen Sprichwort hat Marine Le Pen, die "Jeanne d'Arc" von Frankreichs Front National (FN), seit je gehorcht. Ob die Eliten in Paris oder die (zu) vielen Ausländer im Land, ob das vereinte Europa oder der Islam - überall entdeckte die 47-jährige Populistin Gegner und Gefahren, für ihre Grande Nation wie für die kleinen Leute. Ihre Mär von all den finsteren Mächten, die Le Pen ausmachte bei der angeblich vereinten Verschwörung gegen Volk und Vaterland - sie klang bisweilen recht wirr.

Jetzt klärt sie das gerade. Jedenfalls für sich. Seit ein paar Wochen glaubt die FN-Chefin, sie habe die wahren Schurken identifiziert: Deutschland und seine Kanzlerin Angela Merkel sind bei ihr für alles verantwortlich, für Krise und ökonomischen Niedergang, für Überfremdung und kulturellen Verfall.

Und irgendwie war es ja auch Mitschuld der Deutschen, dass Marine Le Pen am Dienstag in Lyon vor Gericht stand: Die Anklage wegen "Anstachelung zum Hass und zur Diskriminierung" gegenüber Muslimen hatte sich die rechtsextreme Politikerin 2010 eingebrockt. Da kämpfte sie um die Nachfolge ihres Vaters Jean-Marie als FN-Vorsitzende gegen einen parteiinternen Widersacher. Die Verteidigung des Familienerbes verlangte damals kräftige Sprüche. Also empörte sich Tochter Le Pen, dass Muslime zum Freitagsgebet in Paris (wegen zu kleiner Moscheen) regelmäßig auf der Straße niederknieten und den Verkehr blockierten: Eine "occupation" sei das, "eine Besatzung des Territoriums".

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"Es gibt keine Panzer und keine Soldaten - trotzdem ist es eine Besatzung"

Die Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung Frankreichs von 1941 bis 1944 war gewollt. Und eindeutig: Die Muslime würden ganze Stadtteile ihren religiösen Gesetzen unterwerfen, so Le Pen: "Sicher, es gibt keine Panzer und keine Soldaten - trotzdem ist es eine Besatzung." Die Provokation bescherte ihr tagelange Aufmerksamkeit in Medien und Proteste von Menschenrechtlern und islamischen Gläubigen. Die deuteten den Vergleich von Nazis und Muslimen als Hetze, fühlten sich beleidigt und schalteten den Staatsanwalt ein.

Die Deutschen als Quell von Unbill und Übel - diese These verficht Marine Le Pen heute heftiger denn je. Bisher wetterte sie gegen Berlin, weil die eiserne Kanzlerin mit Hilfe Brüssels Frankreich zu einer falschen, angeblich ruinös neoliberalen Wirtschaftspolitik zwinge. Präsident François Hollande sei der "Unterwerfung" schuldig. Beim Auftritt des deutsch-französischen Duos neulich im Europaparlament höhnte die FN-Chefin, Merkel habe ihren "Vize-Kanzler" mitgebracht, "den Verwalter der Provinz Frankreich!".

Damit nicht genug. Seit dem Sommer sieht Le Pen die Deutschen auch als Verantwortliche für die zweite angeblich existenzielle Bedrohung ihrer Heimat - "Masseneinwanderung" und "Islamisierung unseres Vaterlandes": Weil die Deutschen "billige Arbeitssklaven" bräuchten und selbst zu wenige Kinder gezeugt hätten, schimpfte neulich Le Pens Vize und Vertrauter Florian Philippot, werde nun ganz Europa von Fremden überschwemmt. Die EU als äußerer Feind, die Flüchtlinge als Feind im Innern - und hinter beiden Angela Merkel als Strippenzieherin. Mit diesem Weltbild wird Marine Le Pen in die Schlacht ziehen, auch in die Präsidentenwahl 2017.

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