Marina Weisband im Interview "Meinungsfreiheit verteidigen, aber nicht innerhalb der Partei"

Vor einem Jahr kannte sie noch keiner, inzwischen ist Marina Weisband das Gesicht der Piratenpartei. Die Geschäftsführerin erklärt, warum sie auf dem Parteitag in Neumünster nicht noch einmal antreten will, wie sie zum Urheberrecht steht und warum Nazis in der Partei nicht das eigentliche Problem sind.

Von Alex Rühle

Vor einem Jahr kannte sie kein Mensch. Dann fuhr die damals 23-jährige Psychologiestudentin Marina Weisband zum Parteitag der Piraten und geriet eher durch Zufall an den Posten der Bundesgeschäftsführerin: "Es standen ja nur zwei Trolle auf der Liste", erinnert sie sich im großen Wochenend-Interview der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. "Kein anderer wollte zunächst diesen neu geschaffenen Posten übernehmen. Ich musste auch erst im Wiki nachsehen, was man da für Aufgaben hat. Es wurden schnell Kandidaten nominiert, weil niemand die beiden wollte. So kam ich zu dem Posten."

Ein Jahr später fährt sie erneut zum Bundesparteitag, der an diesem Wochenende in Neumünster stattfindet, und alles ist anders: Die Umfragewerte der Piratenpartei haben sich versechsfacht, die Mitgliederzahlen verdoppelt, und Marina Weisband wurde zu einem lebenden Paradox: Die 24-Jährige, die auch deshalb zu den Piraten ging, "weil es dort nicht so sehr personenbezogen, sondern viel mehr sachbezogen" zuging, wurde zu einem der Gesichter dieser Partei.

Jetzt aber will sie nicht nochmal antreten: "Das ist gesundheitlich zu viel. Dieses Amt ist ein 70-Stunden-Job, nebenbei lerne ich noch auf mein Psychologie-Diplom. Es ist gar nicht so sehr der Schlafmangel, sondern eher der Stress durch die Verantwortung, sechs Interviews am Tag zu geben und dabei keinen dummen Patzer zu machen." Ihr selbst ist kein solcher Patzer unterlaufen, dafür ist momentan alle paar Tage irgendein anderer Pirat wegen merkwürdiger bis skandalöser Vergleiche in den Medien.

Weisband, die innerhalb der Partei hohes Ansehen genießt, weil sie in den oftmals harten Auseinandersetzungen im Netz meist sachbezogen, freundlich und verbindlich bleibt, hat ihre Parteikollegen vor einer Woche in einem Blogeintrag dazu aufgefordert, sich unmissverständlich von Rassismus, Nationalsozialismus und Islamophobie abzugrenzen.

Auf die Frage, warum so viele Parteikollegen Probleme damit hätten, sich von solchen und anderen extremistischen Positionen klar zu distanzieren, sagte sie: "Das Problem ist nicht, dass wir viele Nazis in unseren Reihen hätten, wir reden von vier bekannten Fällen. Das Problem sind diejenigen in der Partei, die unsere Rolle noch nicht verstanden haben. Die argumentieren, wir haben in Deutschland Meinungsfreiheit, also müssen wir die auch verteidigen. Klar müssen wir Meinungsfreiheit verteidigen, aber nicht innerhalb unserer Partei."

Weisband erklärt ihre Position zum Urheberrecht, erzählt aber - ähnlich wie in ihrem Blog und auf Twitter - auch viel Privates: Warum sie mit ihrer Familie 1994 aus Kiew nach Deutschland übersiedelte. Warum sie auf Twitter absichtlich Persönliches und Politisches mischt. Und warum Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der Union, Twitter so viel besser verstanden hat als die viel jüngere Familienministerin Kristina Schröder.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Wochenendbeilage der SZ vom 28.04.2012 oder in der SZ-Digital-App auf dem iPad.