Kurz nachdem die beiden SS-Offiziere sein Zimmer verlassen hatten, rief Czerniaków eine Bürodienerin: Er bat sie, ihm ein Glas Wasser zu bringen. Wenig später hörte der Kassierer des "Judenrates", der sich zufällig in der Nähe von Czerniakóws Amtszimmer aufhielt, dass dort wiederholt das Telefon läutete und niemand den Hörer abnahm. Er öffnete die Tür und sah die Leiche des Obmanns des "Judenrates" in Warschau. Auf seinem Schreibtisch standen: ein leeres Zyankali-Fläschchen und ein halbvolles Glas Wasser.
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Auf dem Tisch fanden sich auch zwei kurze Briefe. Der eine, für Czerniakóws Frau bestimmt, lautet: "Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben." Der andere Brief ist an den "Judenrat" in Warschau gerichtet. In ihm heißt es: "Ich habe beschlossen abzutreten. Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder eine Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen. Meine Tat wird alle die Wahrheit erkennen lassen und vielleicht auf den rechten Weg des Handelns bringen. . . "
Von Czerniakóws Selbstmord erfuhr das Ghetto am nächsten Tag - schon am frühen Morgen. Alle waren erschüttert, auch seine Kritiker, seine Gegner und Feinde. Man verstand seine Tat, wie sie von ihm gemeint war: als Zeichen, als Signal, dass die Lage der Juden Warschaus hoffnungslos sei.
Die Umsiedlung war eine Aussiedlung
Still und schlicht war er abgetreten. Nicht imstande, gegen die Deutschen zu kämpfen, weigerte er sich, ihr Werkzeug zu sein. Er war ein Mann mit Grundsätzen, ein Intellektueller, der an hohe Ideale glaubte. Diesen Grundsätzen und Idealen wollte er auch noch in unmenschlicher Zeit und unter kaum vorstellbaren Umständen treu bleiben.
Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die "Umsiedlung" der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung - die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.
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- Gedenken an Auschwitz RSS
(SZ vom 28.01.2012/SZ/ffu)
"Buck - Der wahre Pferdeflüsterer" im Kino
"erstmal ergebnisoffen geforscht" ? Was haben Sie dennn vor? Wo kämen wir denn dahin dauernd politisch korrekte Ergebnisse anzuzweifeln?
Nicht, dass Reich-Ranicki das sagt, aber in der Rückschau werden historische Ereignisse immer in einen systematisch zwangsläufigen Ablauf gebracht.
1938 Deportation der in Deutschland lebenden polnischen Juden
1939 Besetzung Polens - Einrichtung der Ghettos
1942 Abtransport in die Vernichtungslager
Das sieht nach einer ganz zwangsläufigen Logik aus.
Aber war Reich-Ranicki im Oktober 1938 klar, als er aus Berlin deportiert wurde, dass im nächsten Jahr Polen von der Wehrmacht besetzt werden würde? Und, nachdem es besetzt wurde, dass Vernichtungslager eingerichtet werden würden?
In seiner Biographie schreibt er, dass für die Zeitgenossen, seinen Vater z.B., diese Zwangsläufigkeit durchaus nicht gesehen wurde.
Aber wir tendieren dazu, im Rückblick immer eine Zwangsläufigkeit herzustellen: Es musste so kommen, ob das nun die Finanzkrise oder der Holocaust ist.
Ich erinnere mich eines Buches, das ich 1999 sozusagen aus der Druckerpresse heraus gekauft hatte. Marcel Reichs 'Mein Leben' (ISBN 3423130563). Sehr lesenswert und auf jeder Seite anrührend.
Herrn Reich-Ranickis Rede macht den Schrecken der NS-Herrschaft auf schmerzliche Weise (be)greifbar. Frage an die SZ - wieso muss man das auf sechs Unterseiten aufteilen? Der FAZ hat eine gereicht - ich finde es schon schade, dass man hier noch Klicks generieren muss...
Herr Reich-Ranicki, schöne, traurige Rede. Kaum zu glauben, daß es immer noch eine Brut gibt, die diese Schergen als Vorbilder ansehen, Horror! TuMas
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