Er war vom Judenrat eingeteilt, das Todesurteil zu übersetzen: Marcel Reich-Ranicki erinnert sich aus Anlass des Holocaust-Gedenktags in seiner Rede vor dem Bundestag, wie im Ghetto von Warschau die Deportation der Juden in die Vernichtungslager begann. Der 91 Jahre alte Publizist erzählt von der Grausamkeit der SS-Männer, dem Selbstmord des Juden-Obmanns - und von seiner eigenen, völlig überstürzten Hochzeit, die seiner Frau das Leben rettete.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
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sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,
sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
sehr geehrter Herr Bundesratspräsident,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, liebe Gäste!
Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. 1938 war ich aus Berlin nach Polen deportiert worden. Bis 1940 machten die Nationalsozialisten aus einem Warschauer Stadtteil den von ihnen später sogenannten jüdischen Wohnbezirk. Dort lebten meine Eltern, mein Bruder und schließlich ich selbst. Dort habe ich meine Frau kennengelernt.
Seit dem Frühjahr 1942 hatten sich Vorfälle, Maßnahmen und Gerüchte gehäuft, die von einer geplanten generellen Veränderung der Verhältnisse im Ghetto zeugten. Am 20. und 21. Juli war dann für jedermann klar, dass dem Ghetto Schlimmstes bevorstand: Zahlreiche Menschen wurden auf der Straße erschossen, viele als Geiseln verhaftet, darunter mehrere Mitglieder und Abteilungsleiter des "Judenrates". Beliebt waren die Mitglieder des "Judenrates", also die höchsten Amtspersonen im Ghetto, keineswegs. Gleichwohl war die Bevölkerung erschüttert: Die brutale Verhaftung hat man als ein düsteres Zeichen verstanden, das für alle galt, die hinter den Mauern lebten.
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"erstmal ergebnisoffen geforscht" ? Was haben Sie dennn vor? Wo kämen wir denn dahin dauernd politisch korrekte Ergebnisse anzuzweifeln?
Nicht, dass Reich-Ranicki das sagt, aber in der Rückschau werden historische Ereignisse immer in einen systematisch zwangsläufigen Ablauf gebracht.
1938 Deportation der in Deutschland lebenden polnischen Juden
1939 Besetzung Polens - Einrichtung der Ghettos
1942 Abtransport in die Vernichtungslager
Das sieht nach einer ganz zwangsläufigen Logik aus.
Aber war Reich-Ranicki im Oktober 1938 klar, als er aus Berlin deportiert wurde, dass im nächsten Jahr Polen von der Wehrmacht besetzt werden würde? Und, nachdem es besetzt wurde, dass Vernichtungslager eingerichtet werden würden?
In seiner Biographie schreibt er, dass für die Zeitgenossen, seinen Vater z.B., diese Zwangsläufigkeit durchaus nicht gesehen wurde.
Aber wir tendieren dazu, im Rückblick immer eine Zwangsläufigkeit herzustellen: Es musste so kommen, ob das nun die Finanzkrise oder der Holocaust ist.
Ich erinnere mich eines Buches, das ich 1999 sozusagen aus der Druckerpresse heraus gekauft hatte. Marcel Reichs 'Mein Leben' (ISBN 3423130563). Sehr lesenswert und auf jeder Seite anrührend.
Herrn Reich-Ranickis Rede macht den Schrecken der NS-Herrschaft auf schmerzliche Weise (be)greifbar. Frage an die SZ - wieso muss man das auf sechs Unterseiten aufteilen? Der FAZ hat eine gereicht - ich finde es schon schade, dass man hier noch Klicks generieren muss...
Herr Reich-Ranicki, schöne, traurige Rede. Kaum zu glauben, daß es immer noch eine Brut gibt, die diese Schergen als Vorbilder ansehen, Horror! TuMas
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