Malu Dreyer als künftige Ministerpräsidentin Zum Abschluss ein echter Beck

Albtraum für die CDU, Glücksfall für die SPD. Malu Dreyer ist als künftige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz die perfekte Wahl. Die Union muss eine gänzlich neue Strategie entwickeln.

Ein Kommentar von Marc Widmann

Das war noch mal ein echter Beck, sagen sie jetzt in Rheinland-Pfalz; wahrscheinlich war es sogar der letzte große Coup des Mainzer Regierungschefs. Kurt Beck hat am Freitag seine SPD verzückt und die politischen Gegner überrumpelt, fast niemand wusste von seinem Plan, die Sozialministerin Malu Dreyer an diesem Tag als seine Nachfolgerin auszurufen. Er hat den Zeitpunkt selbst bestimmt, ganz allein, und das ist eine gewaltige Genugtuung für einen Politiker, der sich mehrmals im Leben nach Durchstechereien aus den eigenen Reihen verraten fühlte.

Dreyer ist aus zwei Gründen eine gelungene Überraschung. Zum einen ist sie in der SPD beliebter als Freibier, wie es der Generalsekretär gerne formuliert. Mit ihr kann die vom Nürburgring-Skandal gebeutelte Partei endlich wieder eine optimistische Geschichte verbreiten, eine rührende sogar von einer herzlichen Frau, die trotz Krankheit ihre Ämter meistert. Vor allem aber ist Dreyers Kür ein Coup, weil sie die politischen Gegner schon lange vor der nächsten Wahl in arge Bedrängnis bringt. Genau das wird Beck mit seiner Entscheidung auch beabsichtigt haben.

Es hat ihn bis aufs Blut gereizt, wie sich die CDU-Landeschefin Julia Klöckner in den vergangenen Monaten an ihm abarbeitete. Vom "System Beck" war pausenlos die Rede, von Vetternwirtschaft und Vertuschung. Es verging kaum eine Woche ohne deftigen Angriff, ohne Rücktrittsforderung oder Misstrauensantrag. Das war ein leichtes Spiel für die CDU, hier der graubärtige Amtsinhaber, der Hunderte Millionen Steuergeld in einen sinnlosen Freizeitpark versenken ließ, dort die junge, blonde, forsche Klöckner. Es reichte, ihr Bild neben das von Beck zu kleben, schon schien die Alternative klar zu sein. "Politik ohne Bart", lautete der Slogan im jüngsten Wahlkampf. Darauf hat sich die CDU lange verlassen, zu lange; statt landespolitische Ideen zu entwickeln, arbeitete sie sich lieber ab am alten Herrn in der Staatskanzlei. Jetzt funktioniert das nicht mehr. Die bisherige Strategie kann in den Papierkorb.

In der CDU wünschte man sich, Beck wäre noch lange geblieben, als Zielscheibe. Stattdessen muss es Klöckner, die Forsche, nun mit Dreyer, der Warmherzigen, aufnehmen. Mit einer Frau, die in Rheinland-Pfalz "Königin der Herzen" genannt wird, die nur Fans zu haben scheint und vom üblen Nürburgring-Skandal unbelastet ist. Ein Albtraum, sagen Christdemokraten.

Allerdings muss sich erst erweisen, ob Dreyer, die einige schon kurz vor der Heiligsprechung sehen, auch im deutlich härteren Regierungsamt so unangreifbar bleibt. Sie ist nett und herzlich, ja, aber sie beherrscht auch die Ränkespiele der Macht. In ihrem Trierer SPD-Verband hat sie mit harter Hand aufgeräumt, ihr Ministerium führt sie mit klaren Ansagen. Wer sie nur als nette Frau ein- und unterschätzt, ist selbst schuld. Wenn Dreyer gewieft ist, wird sie sich in einigen Themen von ihrem Vorgänger absetzen und Fehler früh zugeben. Dann hätten es ihre Gegner noch schwerer.