Mahnwache in Berlin Arm in Arm

Mahnwache gegen den Terror in Berlin am Brandenburger Tor.

(Foto: dpa)

10 000 Menschen sind zur Mahnwache für ein tolerantes Deutschland ans Brandenburger Tor gekommen. Manche haben sich "Je suis Charlie"-Aufkleber auf die Jacken geklebt. Bundespräsident Gauck appelliert an die Verantwortung aller Bürger in Deutschland.

Von Jens Schneider, Berlin

Es ist der Moment, in dem die Mahnwache weit über die Worte der einzelnen Redner hinausreicht. Auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor haken sich zum Abschluss alle Menschen unter, die Politiker wie die Vertreter der Glaubensgemeinschaften. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, stehen Arm in Arm. Bundespräsident Joachim Gauck, die Bischöfe der evangelischen und der katholischen Kirche, der Vertreter des Zentralrats der Juden und die vielen weiteren Vertreter der muslimischen Verbände schließen sich an. Sie alle verbinden sich. Sie wollen zeigen, so sagt Aiman Mazyek, "dass wir uns nicht auseinander dividieren lassen".

Vor der Bühne, unten auf dem Pariser Platz, schließen sich viele an. Menschen rücken näher aneinander, manche haken sich ein, andere halten einander bei der Hand. "Wir alle sind Deutschland", so hatte es Joachim Gauck kurz vorher in seiner Rede ausgedrückt. Die Vielfalt sei das, was diese Land erfolgreich, interessant und lebenswert mache. Und mit Blick auf die Terroristen rief er aus: "Wir schenken Euch nicht unsere Angst. Euer Hass ist unser Ansporn." Gut zehntausend Menschen sind an diesem frühen Dienstagabend zum Brandenburger Tor gekommen. Einige haben handgemalte Transparente dabei. "Nicht einschüchtern lassen" steht darauf oder - in Gedenken an die in Paris ermordeten Karikaturisten: "Wir spitzen den Stift". Manche haben sich "Je suis Charlie"-Aufkleber auf die Jacken geklebt. Eine Frau trägt ein Transparent: "Ich bin Jude. Ich bin Christ. Ich bin Moslem. Ich bin Charlie."

Andere halten Kerzen, ihre Nachbarn weiße Rosen in den Händen. Der Zentralrat der Muslime hat zu der Mahnwache für ein "weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit" aufgerufen. An diesem Abend soll der der 17 Terroropfer in Paris gedacht, aber ein Zeichen gegen die Angriffe auf Religionsgemeinschaften gesetzt werden.

Verse aus dem Koran für die Menge

Die Mahnwache beginnt mit einer Kranzniederlegung vor der französischen Botschaft, die hier am Pariser Platz beheimatet ist. Dann füllt sich der Platz immer mehr. In die Stille der Wartenden hinein werden dann von einem Iman Verse aus dem Koran verlesen, auf Arabisch und auf Deutsch. In einer der Suren heißt es: "Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne dass es einen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte."

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime sagt in seiner Ansprache, dass es für Einschüchterung und Gewalt keine Rechtfertigung gebe. "Wir werden es nicht zulassen, dass unser Glaube missbraucht wird. Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird." Die Terroristen in Paris hätten, so sagt er, "mit ihrer Tat die größte Gotteslästerung begangen." Sie hätten den Islam in den Schmutz gezogen.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller spricht von der großen Solidarität der Berliner mit den Menschen in Berlins Partnerstadt Paris, mit den Menschen in Frankreich. Und er betont, dass der friedliche Islam in Deutschland und Berlin seinen Platz habe. "Ich wünsche mir", sagt Müller, "dass er noch sichtbarer wird, damit Ängste schwinden und Vertrauen wächst." Wie viele Redner betont der evangelische Bischof Markus Dröge die Gemeinsamkeit der Religionen: "Juden, Christen und Muslime sagen gemeinsam Nein zu jeder Gewalt, zu jedem Terror im Namen des Glaubens an Gott." Ganz bewusst stünden die Christen auch an der Seite der muslimischen Mitbürger.

Lehrer vom Zentralrat der Juden verurteilt Racheakte

Abraham Lehrer vom Zentralrat der Juden in Deutschland ruft in seiner Ansprache die Welt, vor allem aber auch die Muslime selbst auf, gegen islamistischen Terrorismus vorzugehen. "Wenn uns etwas fern liegt, dann ist es, alle Muslime zu verdächtigen oder gar diese Religion zu verunglimpfen", betont Lehrer. Er verurteilt Racheakte, etwa Anschläge auf Moscheen. Aber man dürfe nicht die Augen davor verschließen, dass es im Islam eine immer stärkere Radikalisierung gebe. Muslimische Staatschefs und Imame müssten ihren Einfluss nutzen, um die radikalisierte Auslegung des Korans zurückzudrängen. Auch in Deutschland stünden die muslimischen Gemeinschaften vor der Aufgabe, sich radikalen Tendenzen entgegen zu stellen.

Der Bundespräsident spricht, als letzter, die Zuhörer als "liebe Freunde der Demokratie und der Freiheit" an. Gauck dankt den Muslimen, dass sie zu dieser Mahnwache eingeladen haben. Das sei "ein patriotisches Ja zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben - unserem Land." Er bekommt viel Beifall, als er davon spricht, dass Deutschland durch Einwanderung vielfältiger, interessanter und bunter geworden sei. Es sei "unserer aller Sache", sich gegen die Anschläge auf Moscheen zu wehren, mahnt Gauck. Auch sei es nicht allein die Sache der Juden, sich gegen antisemitische Parolen zu wehren. "Es ist unser aller Sache." Und drückt dann mit einem Blick über den Tag hinaus die Hoffnung aus: "So wie wir heute zusammenstehen, so wünsche ich mir die gesamte Gesellschaft". Kurz danach haken sich die Menschen still ein, auf der Bühne, und nach und nach auch unten, auf dem Pariser Platz.