Machtwechsel in Havanna "Die Kubanische Revolution hat den Rassismus überwunden"

Fidel Castro (links) starb im November 2016, nun tritt sein jüngerer Bruder Raúl von der Staatsspitze ab. Insgesamt 59 Jahre lang haben die beiden Kuba regiert.

(Foto: dpa)

59 Jahre lang haben die Castros in Kuba regiert, nun zieht sich der letzte Castro von der Staatsspitze zurück. Kuba-Experte Bert Hoffmann zieht Bilanz - und wagt einen Ausblick.

Interview von Benedikt Peters

Im Januar 1959 zogen Fidel und Raúl Castro im Triumphzug in Havanna ein. Bei der Fußball-WM im Jahr zuvor hatte ein gewisser Pélé Brasilien zum Titel geschossen, in Deutschland regierte ein Mann namens Konrad Adenauer - und bis zum ersten Menschen auf dem Mond sollte es noch zehn Jahre dauern. Mit ihren linken Ideen bekamen die Castros zwar bald weltweite Aufmerksamkeit. Wohl niemand aber hätte geglaubt, dass sie sich 59 Jahre an der Macht halten würden, alleine schon, weil die Bedrohung durch die kapitalistischen USA viel zu übermächtig schien. Nach dem Tod seines Bruders Fidel im November 2016 gibt nun der inzwischen 86-jährige Raúl Castro das Amt des Staatschefs in Havanna ab, aus Altersgründen. Als sein Nachfolger wird im Laufe des Tages aller Voraussicht nach der kommunistische Parteikader Miguel Díaz-Canel bekannt gegeben. Zeit also, Bilanz zu ziehen. Bert Hoffmann ist der renommierteste deutsche Kuba-Experte, er leitet das Berliner Büro des Giga-Instituts für Lateinamerika-Studien.

SZ: Raúl Castro, der Bruder des langjährigen Revolutionsführers Fidel, gibt heute die Macht in Havanna ab. Danach heißt der Staatschef in Kuba zum ersten Mal seit 59 Jahren nicht mehr Castro. Was bedeutet das für das Land?

Psychologisch gesehen ist das ein tiefer Einschnitt. Drei Generationen von Kubanern kennen nichts anderes als Fidel oder Raúl an der Staatsspitze. Für die neue Regierung bedeutet das eine große Herausforderung. Sie hat nicht die historische Legitimation der Castros, der Revolutionäre der ersten Stunde. Mittelfristig wird sie deswegen nicht umhinkommen, sich über Leistung zu legitimieren. Sie muss versuchen, die Lebensumstände der meisten Kubaner zu verbessern. Ob das gelingt, ist aber fraglich.

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Warum?

Seit den 1990er Jahren betreiben die Kubaner Sozialismus im Krisenmodus. Das Land hat sich nie vom Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wegfall der Wirtschaftshilfe erholt. Die Staatswirtschaft ist ineffizient. Das findet seinen Ausdruck in extrem niedrigen Löhnen: umgerechnet etwa 30 Dollar im Monat. Auch wenn eine Reihe von Waren fast kostenlos über die Lebensmittelkarte verteilt werden, Mieten niedrig sind und Bildung kostenlos - mit 30 Dollar im Monat kommt man auch in Kuba nicht mehr weit. Raúl Castro hat diese Probleme erkannt und versucht, die Wirtschaft zu reformieren - nicht, um die Revolution seines Bruders zu beenden, sondern um sie zu retten.

Wie wollte er das anstellen?

Er wollte den Privatsektor ausbauen und die beiden kubanischen Währungen, den Devisen-Peso und den normalen kubanischen Peso, zusammenführen. Doch er hat sich damit nicht durchsetzen können. Die Widerstände in Partei, Militär und Bürokratie waren zu groß, teils aus ideologischen Gründen und teils, weil man Angst vor einer unkontrollierten Inflation hatte. Sein Nachfolger wird nicht die gleiche Machtfülle besitzen wie Raúl. Es dürfte für ihn von daher noch schwieriger sein, Reformen erfolgreich umzusetzen.

Sprechen wir über diesen Nachfolger. Aller Voraussicht nach wird dies Miguel Díaz-Canel, er soll heute vorgestellt werden. Er wurde 1960 geboren, zu einer Zeit, als die Castros schon die Revolution erkämpft hatten.

Er ist ein nüchterner Verwaltungskader, er verkörpert den loyalen, andere würden sagen: opportunistischen Genossen, der in Staat und Partei Karriere gemacht hat. Er ist alles andere als ein Populist, kein großer Redner, keiner, der große Versprechen macht. Er gilt als pragmatisch und gut im Ausbalancieren von Interessen. Das könnte ihm nutzen, denn zumindest am Anfang wird er in einem engen Korsett stecken. Er ist nicht die mächtigste Person im Land, das Machtzentrum ist das Politbüro, wo Raúl Castro ebenso wie in der Partei den Vorsitz behält. Mit den Militärs muss er sich ebenfalls arrangieren, das ist ein wichtiger Machtblock. Und Díaz-Canel hat keine eigene Hausmacht, auf die er sich verlassen könnte.

Lassen Sie uns auf die 59 Jahre Castro-Regierung zurückblicken. Welche Bilanz ziehen Sie?

Es gibt Dinge, die die Castros sehr gut gemacht haben. Im Westen redet man kaum darüber, aber die Kubanische Revolution hat den tiefen Rassismus überwunden, der zuvor die kubanische Gesellschaft prägte. Das ist eine ihrer ganz großen Leistungen. Wir haben kaum ein Land in Lateinamerika, und wir können auch die USA mit dazunehmen, wo das alltägliche Miteinander der unterschiedlichen Hautfarben so entspannt funktioniert wie in Kuba. Hinzu kommt, dass erhebliche Teile der Bevölkerung in den ersten Jahrzehnten der Revolution sozial aufgestiegen sind. Sie hatten mehr Essen auf dem Teller, es gab ein gutes Bildungs-, Gesundheits- und Rentensystem. Leider ist alles das längst nicht mehr so gut wie in den 1980er Jahren.

Womit wir bei den Fehlern der Castros wären.

Wirtschaftlich haben die Castros seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Krisenmanagement betrieben, aber keine Entwicklungsperspektive für die Insel mehr schaffen können. Und natürlich gehört zu der Bilanz auch, dass sie Andersdenkenden keine politischen Räume gelassen haben. Verglichen mit anderen autoritären Regimen ging das aber mit relativ wenig Blutvergießen, die großen Aufstände sind ausgeblieben. Das liegt vor allem an den USA.

Das müssen Sie erklären.

Die dauerhafte Bedrohung durch die USA hat dazu geführt, dass es in Kuba eine "Logik der belagerten Festung" gibt: Wenn der Feind vor den Toren steht, dann muss man zusammenrücken; jeder, der abweicht, arbeitet dem Feind zu. Das wurde in Kuba auf die Spitze getrieben und mit einer sozialistischen Ideologie letztlich als Einparteienstaat umgesetzt. Die Logik funktioniert bis heute, was auch damit zu tun haben mag, dass nach Barack Obama, der die Annäherung an Havanna betrieb, nun der deutlich kritischere Donald Trump im Weißen Haus regiert. Den bürgerlichen Freiheiten in Kuba kommt das nicht zugute. Wer unzufrieden ist, wählt lieber den Rückzug ins Private oder verlässt die Insel. In der Summe ist das lähmend für die Gesellschaft.

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