Die Verschiebung des politischen Gewichts von der ersten Gewalt auf die zweite hat in existentiellen Fragen dramatische Ausmaße gewonnen. Die wichtigsten Wirtschaftsgesetze werden, im Auftrag der Regierung, von internationalen Anwaltskanzleien verfertigt. Es wird "durchregiert".
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Die Sortierung der Politiker
Die Krise ist, so heißt es, die Stunde der Exekutive; und das ist auch richtig: Die Regierung muss in Notlagen schnell und effektiv handeln. Die Flutkatastrophe von Hamburg im Jahr 1962 hat aus dem damaligen Innensenator Helmut Schmidt einen Helden gemacht. Er hat in den Tagen der Not zupackend umsichtig gehandelt, dabei nicht jedes Gesetz einhaltend. Aber die Stunde der Exekutive dauerte damals nicht, wie jetzt bei der Finanzkatastrophe, Monate oder Jahre.
Das Gefährliche an der Selbstherrlichkeit der Exekutive ist, dass dieser Stil bei der Bevölkerung ankommt. Er kommt einer Sehnsucht nach dem starken Mann und der starken Frau entgegen, der Sehnsucht nach Helden, die so tun, als würden sie den gordischen Knoten mit einem Schlag zerhauen. Die Lust auf Alexander-Politik wird optisch befriedigt von Wirtschaftsminister Guttenberg, inhaltlich von Finanzminister Steinbrück und dem Regierungsmotto: Keine Angst, wir retten euch. Demokratie ist aber nicht das Zerhauen von Knoten, sondern ein mitunter sehr mühseliges Aufdröseln, ein langes Zupfen und Ziehen.
Es entwickelt sich eine hochproblematische Sortierung der Politiker: Helden und Deppen. Da sind die wenigen Guten, nämlich die politischen Macher, die Enteigner der HRE-Bank, die milliardenschweren Walter und Gestalter, zu denen die Großmanager pilgern und um Bürgschaften betteln müssen. Diese Politiker gelten als die postdemokratischen Helden, weil sie der Wirtschaft wirklich oder vermeintlich zeigen, wo der Bartel den Most holt (und den Most dann auch noch einschenken). Diese Helden dürfen sich natürlich auch streiten, das gehört schließlich zur Heldenhaftigkeit.
Helden und Deppen
Bei den normalen Parlamentariern ist das nach landläufiger Meinung anders, bei ihnen gilt das Streiten als Indiz für Verkommenheit. Neben den wenigen politischen Stars der Exekutive stehen also die vielen vermeintlich schlechten, die normalen Politiker, die demokratisch gewählten Abgeordneten, die angeblich mediokren Arbeiter im politischen Weinberg; sie müssen mit allen Vorurteilen leben, die es über Politiker gibt: Sie gelten als Angehörige einer Kaste, die nicht viel kann, aber zu allem fähig ist und die von Wirtschaft nichts, aber von Postenwirtschaft alles versteht - von der also die Politikverdrossenheit ausgeht.
Exekutive ist danach ordentliche Politik, Legislative dagegen ist zum Abwinken. Die Retter der Betriebe sind die Guten, die Schlechten sind die, die sich darum kümmern müssen, wie die Rettung bezahlt wird. Im aktuellen Streit über eine Mehrwertsteuer-Erhöhung zeigen sich die Folgen dieser demokratiefeindlichen Arbeitsteilung: Die postdemokratischen Helden haben mit Abwrackprämien und Milliardenbürgschaften Tatkraft demonstriert. Der Bundestag, quasi der demokratische Pöbel, muss sich nun damit plagen, wie diese Tatkraft finanziert werden soll. Der Alltag der Politik, das Ringen um Kompromisse, das wichtige Kleinteilige des demokratischen Lebens, gerät ins verächtliche Abseits.
Das hat eine längere Geschichte: Seit der sogenannten Rede von Roman Herzog wird von der Notwendigkeit des großen Rucks fabuliert. Es gibt eine öffentliche Gier nach Machtworten, nach klarer Linie und Kante; Stärke in Wirtschaft und Politik zeige sich, so heißt es, darin, dass dem Boss nicht widersprochen wird. Schröder hat den Ruck in "basta" übersetzt. Die große Koalition hat dann aus dem Ruck, beim Stemmen der Milliardenpakete, ein "Hauruck" gemacht.
Auf diese Weise wurde die Demokratie verrückt. Es wird Zeit, sie wieder zurechtzurücken. Das Parlament braucht neue Kraft.
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Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 27.06.2009)
Youtube-Hit aus USA
Die Unsitten im Parlament haben sich über lange Jahre eingeschliffen. Schon unter Kohl hieß es viel zu oft, dass ein Problem in Ausschüssen erörtert wird und -- an die Journalisten mit ihren bösen Kameras gewandt -- "Sie über die Ergebnisse informiert werden." Wichtige Debatten und Abstimmungen mitten in der Nacht anzusetzen, war nur die Fortführung davon.
Beim Lesen Ihres Artikels fielen mir dann spontan die Begriffe "Staatsrat" und "Volkskammer" ein. Hat es Sie viel Überwindung gekostet, diesen Vergleich nicht zu ziehen?
Alles Gute
Kai Hamann
Das ist keine Demokratie und eine Wahl ist auch keine Wahl, sondern eine reine Stimmabgabe.
Maximal kann man leicht beeinflussen, welcher Hampelmann/frau dem ganzen ein Gesicht gibt.
Hier in Deutschland? Demokratie? Wohl eher eine Wahldiktatur, in der man nur noch Kriminelle wählen darf.
Die Ohnmacht der Bürger, ist ja weiter gegeben und kommt den Regierungsverbrechen zu Gute.
Die Globalisation, tut hier ein übriges, da hier nur das Geldgeschäft, globalisiert wird, nicht aber Menschenrecht. Reiche Bankmanager kassieren ab, während der Kleinbürger die gemachte Zeche bezahlen soll.
Deutschland sollte endlich zur Demokratie; zurück kehren. Die wurde unter Kohl, nämlich beseitigt. Aber das merken wohl nur, wirklich politisch interessierte Menschen, die nicht den etablierten Parteien angehören..
Kann dem Artikel von Herrn Prantl weitgehend zustimmen. Man muss es aber eigentlich noch von einer ganz anderen Seite betrachten. Im Sept. 2005 wurde Rot-Grün abgewählt, aber auch Schwarz-Gelb nicht gewählt (fehlte Kanzlermehrheit).Es gibt im BT eine rechnerische linke Mehrheit, die nicht ausgeübt wird.
Warum ist die SPD so feige, und wagt nicht einmal so eine sichere Sache wie mit dem Wahlrecht, Überhangmandate usw. Was wäre so verkehrt, dem Antrag der GRÜNEN zu folgen? Er würde "durchgehen".
Es gibt in der heutigen Politik zuviele mittelmäßige Gestalten. Studienabbrecher, die sich einbilden etwas zu sein. Man hört, dass jeder 5. Politiker in D. hoch verschuldet sei. Dies schafft Abhängigkeiten! Auch vom Mandat. Solche Leute sind dann "handzahm", wie Knetgummi.
Auch die Opposition aus FDP, GRÜNEN und LINKEN ist heterogen. Die FDP benimmt sich schon jetzt wie ein Trabant der Union. Minister- und sonstige Posten locken.Eine Rolltreppe bergan für Mittelmäßige, zu einem besserbesoldeten Posten zu kommen. Dass die FDP mit ihrem Geschrei von schlankem Staat, Bürokratieabbau, "der Markt wird es schon richten" viel beigetragen hat zur jetzigen Mega-Krise liegt auf der Hand. Aber wer durchschaut es?
Oder Roland Herzog hielt einst eine angeblich tolle Ruckrede. Die ganze öffentliche Wirksamkeit des Genannten, in den von ihm innegehabten Positionen, war im Grunde ein "Weiter-so", nie etwas, was mal wirklich einen mächtigen Schritt nach vorn gewiesen hätte. Aber wieviele haben dies überhaupt bemerkt?
Ein hervorragender Artikel von Heribert Prantl. Leider sind sich viele Menschen der zunehmend undemokratischen Zustände in Deutschland gar nicht bewusst. Viel zu oft wird das Verfassungsgericht, eigentlich die letzte Bastion für schwere Grundsatzentgleisungen, bei Fragen bemüht, die im Parlament gar nicht erst hätten aufkommen dürfen. Eine Mischung aus fehlender Zivilcourage und privat-medial begünstigter Verflachung dominiert das Bild. Unser naives Vertrauen, aus den Fehlern der vergangenen hundert Jahre gelernt zu haben, wird uns noch teuer zu stehen kommen.
Meint: www.demokratie-ist-wichtig.de
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