Die Wirtschaftskrise und der Bundestag: Er sagt nichts, er will nichts sagen, er hat nichts zu sagen. Seine Mitglieder gelten bei den Wählern als Deppen, die nicht viel können, von Wirtschaft nichts verstehen - aber zu allem fähig sind.
Auf der Titelseite der italienischen Tageszeitung Il Secolo XIX aus Genua findet sich am Freitag eine Karikatur über die Eskapaden des Cavaliere Berlusconi: "Der Kaiser ist nackt", sagt da der eine. "Mit wem diesmal?", fragt daraufhin der andere.
Kontrolle war gestern: Unter der Kuppel des Reichstages treffen sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages umd die Gesetzesvorhaben der Bundesregierung abzunicken. (© Foto: AP)
Anzeige
Die Italiener haben, wie man sieht, eine frivol-abgeklärte Art, mit der sexuellen Affäritis ihres alternden Regierungschefs umzugehen. In Deutschland gilt der regierende Lebemann in Rom als Exempel für die Verkommenheit der dortigen Demokratie. "Das wäre bei uns nie und nimmer möglich", heißt es sogleich, wenn hierzulande die Rede darauf kommt; und das ist zweifellos richtig.
Die Macht der Regierung
Gleichwohl ist der deutsche Blick auf Italien durchaus selbstgerecht. Tendenzen der Entdemokratisierung gibt es hierzulande nicht zu knapp; diese haben freilich sehr viel weniger Erregungspotential als in Italien.
Die deutsche Demokratie leidet, zumal seit der großen Wirtschaftskrise, an Entleerungsgefahr. Die Selbstherrlichkeit der Exekutive, also der Regierung, nimmt zu. Der Einfluss des Parlaments, des zentralen Orts der Demokratie, nimmt in unglaublicher Weise ab.
Man kann das nicht einfach, wie es gern geschieht, auf "die Globalisierung"schieben. Sicherlich führt die Globalisierung zu einem Souveränitätsverlust nationalstaatlicher Institutionen. Das Geburtstags-Symposion für Jürgen Habermas stellte sich deswegen die Frage: "Auslaufmodell Demokratie?" Die Frage mag ein wenig verwundern in einer Zeit, in der die Politik vermeintlich der Ökonomie das Heft des Handelns wieder aus der Hand genommen hat.
Aber: Es ist nicht "die Politik", die da agiert. Es ist in Deutschland allein die Regierung. Der Bundestag, der demnächst neu gewählt wird, spielt eine immer geringere Rolle. Er hat noch die Aufgabe, Kanzlerin oder Kanzler zu wählen. Dann hat er ausgespielt.
Der Bundestag schluckt - und stimmt zu bei allem, was ihm von der Bundesregierung vorgesetzt wird, so es ihm überhaupt vorgesetzt wird. Das ist auch eine Folge der großen Koalition, aber nicht nur. So war und ist es nämlich seit langer Zeit bei allen Anti-Terror-Gesetzen.
So war und ist es bei allen EU-Gesetzen und Verträgen. So war und ist es bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr; hier mussten Parlamentarier gar ihre Zustimmungsrechte erst einmal im Wege der Organklage beim Bundesverfassungsgericht erstreiten.
Die Ohnmacht des Parlaments
Zu konstatieren ist also ein merkwürdiger, demokratiewidriger Striptease der Legislative, der jetzt, in der Finanz- und Wirtschaftskrise, seinen Höhepunkt findet: Der Kaiser der Demokratie, der Bundestag, ist nackt.
Er sagt nichts, er will nichts sagen, er hat nichts zu sagen. Das Parlament, das einst bei Gesetzen jeden Pfennig und jeden Cent umgedreht hat, und dem jeder Gesetzentwurf mit einem eigenen Abschnitt zu den "Kosten" vorgelegt werden muss, hakt die Multi-Milliarden-Aktionen der Kanzlerin, des Finanz- und des Wirtschaftsministers ab, als handele es sich um die 23. Durchführungsverordnung zum Einkommensteuergesetz.
Auf der nächsten Seite: Von Helden und Deppen im Bundestag
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
Youtube-Hit aus USA
Die Unsitten im Parlament haben sich über lange Jahre eingeschliffen. Schon unter Kohl hieß es viel zu oft, dass ein Problem in Ausschüssen erörtert wird und -- an die Journalisten mit ihren bösen Kameras gewandt -- "Sie über die Ergebnisse informiert werden." Wichtige Debatten und Abstimmungen mitten in der Nacht anzusetzen, war nur die Fortführung davon.
Beim Lesen Ihres Artikels fielen mir dann spontan die Begriffe "Staatsrat" und "Volkskammer" ein. Hat es Sie viel Überwindung gekostet, diesen Vergleich nicht zu ziehen?
Alles Gute
Kai Hamann
Das ist keine Demokratie und eine Wahl ist auch keine Wahl, sondern eine reine Stimmabgabe.
Maximal kann man leicht beeinflussen, welcher Hampelmann/frau dem ganzen ein Gesicht gibt.
Hier in Deutschland? Demokratie? Wohl eher eine Wahldiktatur, in der man nur noch Kriminelle wählen darf.
Die Ohnmacht der Bürger, ist ja weiter gegeben und kommt den Regierungsverbrechen zu Gute.
Die Globalisation, tut hier ein übriges, da hier nur das Geldgeschäft, globalisiert wird, nicht aber Menschenrecht. Reiche Bankmanager kassieren ab, während der Kleinbürger die gemachte Zeche bezahlen soll.
Deutschland sollte endlich zur Demokratie; zurück kehren. Die wurde unter Kohl, nämlich beseitigt. Aber das merken wohl nur, wirklich politisch interessierte Menschen, die nicht den etablierten Parteien angehören..
Kann dem Artikel von Herrn Prantl weitgehend zustimmen. Man muss es aber eigentlich noch von einer ganz anderen Seite betrachten. Im Sept. 2005 wurde Rot-Grün abgewählt, aber auch Schwarz-Gelb nicht gewählt (fehlte Kanzlermehrheit).Es gibt im BT eine rechnerische linke Mehrheit, die nicht ausgeübt wird.
Warum ist die SPD so feige, und wagt nicht einmal so eine sichere Sache wie mit dem Wahlrecht, Überhangmandate usw. Was wäre so verkehrt, dem Antrag der GRÜNEN zu folgen? Er würde "durchgehen".
Es gibt in der heutigen Politik zuviele mittelmäßige Gestalten. Studienabbrecher, die sich einbilden etwas zu sein. Man hört, dass jeder 5. Politiker in D. hoch verschuldet sei. Dies schafft Abhängigkeiten! Auch vom Mandat. Solche Leute sind dann "handzahm", wie Knetgummi.
Auch die Opposition aus FDP, GRÜNEN und LINKEN ist heterogen. Die FDP benimmt sich schon jetzt wie ein Trabant der Union. Minister- und sonstige Posten locken.Eine Rolltreppe bergan für Mittelmäßige, zu einem besserbesoldeten Posten zu kommen. Dass die FDP mit ihrem Geschrei von schlankem Staat, Bürokratieabbau, "der Markt wird es schon richten" viel beigetragen hat zur jetzigen Mega-Krise liegt auf der Hand. Aber wer durchschaut es?
Oder Roland Herzog hielt einst eine angeblich tolle Ruckrede. Die ganze öffentliche Wirksamkeit des Genannten, in den von ihm innegehabten Positionen, war im Grunde ein "Weiter-so", nie etwas, was mal wirklich einen mächtigen Schritt nach vorn gewiesen hätte. Aber wieviele haben dies überhaupt bemerkt?
Ein hervorragender Artikel von Heribert Prantl. Leider sind sich viele Menschen der zunehmend undemokratischen Zustände in Deutschland gar nicht bewusst. Viel zu oft wird das Verfassungsgericht, eigentlich die letzte Bastion für schwere Grundsatzentgleisungen, bei Fragen bemüht, die im Parlament gar nicht erst hätten aufkommen dürfen. Eine Mischung aus fehlender Zivilcourage und privat-medial begünstigter Verflachung dominiert das Bild. Unser naives Vertrauen, aus den Fehlern der vergangenen hundert Jahre gelernt zu haben, wird uns noch teuer zu stehen kommen.
Meint: www.demokratie-ist-wichtig.de
Paging