Von Rudolph Chimelli

Zum "Tag des Studenten" werden Proteste erwartet. Das Regime in Teheran schränkt die Freiheiten in Universitäten und Medien weiter ein - und beruft sich auf die Islamische Revolution.

Die Sprecherinnen des iranischen Fernsehens dürfen sich von sofort an nicht mehr schminken. "Make-up ist illegal und verstößt gegen das islamische Gesetz", sagte Essatollah Sarghami, der Chef von Rundfunk und Fernsehen, bei Verkündung der neuen Richtlinien.

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Die iranischen Studenten standen im Mittelpunkt der Proteste im Juni. Nun schränkt der Staat die Freiheiten an den Universitäten weiter ein. (© Foto: AP)

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Dass Frauen sich für den Bildschirm schminken, dürfe "in keinem einzigen Fall mehr vorkommen", ordnete Sarghami an, der soeben vom Geistlichen Führer Ali Chamenei für fünf Jahre in seinem Amt bestätigt wurde. Bislang trugen die Sprecherinnen der acht staatlichen Kanäle - andere gibt es nicht - zwar Kopftuch, aber zum Teil auch starkes Make-up.

Dies ist der jüngste, groteske Schritt in einer Kampagne, welche die Iraner ihre zweite Kulturrevolution nennen. Die erste hatte unmittelbar nach der Revolution von 1979 stattgefunden, als alle Hochschulen zwei Jahre lang geschlossen blieben.

Das Ziel, die Universitäten konsequent zu islamisieren, wurde jedoch damals nur unvollkommen erreicht. Moderne Methoden und wissenschaftliches Denken ließen sich nicht verbannen.

Chamenei will die Geisteswissenschaften "einbürgern"

Ende August hielt Chamenei eine richtungsweisende Rede vor Professoren, die heute als Beginn des zweiten Kulturkampfes gilt. Drei Wochen vor Beginn des akademischen Jahres beklagte der Geistliche Führer, dass es nicht genug Lehrer und Institutionen gebe, die ein islamisches Weltbild verbreiteten.

Etwa zwei Millionen der dreieinhalb Millionen Studenten entschieden sich für Geistes- und Sozialwissenschaften (Olum enssani). Diese stützten sich aber vielfach auf Philosophien, deren Grundlagen "Materialismus und Unglauben in göttliche und islamische Lehren" seien. Es sei nötig, diese Wissenschaften "einzubürgern", indem man sie im Kontext des schiitischen Islam interpretiere.

Chamenei rief die Regierung und den wenig bekannten Obersten Rat für Kulturrevolution auf, sich des Problems anzunehmen. Er stellte die geistige Auseinandersetzung in Zusammenhang mit "feindlichen Verschwörungen", denn "gefährliche und verführerische Lehren" seien der Nährboden, auf dem die "sanfte Revolution" gedeihe. Die Professoren seien Soldaten und Feldherren im Krieg gegen solche Bestrebungen.

Spitzel im Hörsaal

Was sich an den Hochschulen seither praktisch geändert hat, ist noch schlecht zu überblicken. Doch erkennbar herrscht Unruhe unter Studenten und bei Professoren, die sich von Säuberungen bedroht sehen.

Laut Menschenrechts-Organisationen wurden in den vergangenen Wochen Dutzende Studentenführer verhaftet. An der angesehenen Technischen Scharif-Universität in Teheran wurden nach Angaben von Studenten einige als westlich verschrieene Vorlesungen islamisch umgestaltet. So wurde ein Kurs über Marxismus durch die Themen "Gott und Philosophie" oder "Islam und Soziallehre" ersetzt.

Für Anglistik-Studenten wurden die Schriften des Revolutionsführers Chomeini Pflichtlektüre. An den Eingängen wurden Studentinnen von ernannten Moralwächtern, den Herasat, wegen farbenfroher Kleidung abgewiesen. Schon während der ersten Amtszeit von Präsident Mahmud Ahmadinedschad wurde an den Hochschulen eine Quote für Studenten aus der Volksmiliz Bassidsch eingeführt. Ihr Ausbildungsniveau ist vielfach unzureichend, aber sie eignen sich als Spitzel.

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