Luther und der Reformationstag Held oder Holzklotz?

Er hat nie Thesen angeschlagen und wollte keine Kirche gründen. Martin Luther ist viel weniger der große Neuerer als ihn die protestantische Tradition gerne sieht. Der entsprungene Augustinermönch stand noch mit beiden Beinen im Mittelalter - und er hasste Juden.

Ein Gastbeitrag von Petra Bahr

Das Denkmal von Martin Luther in Wittenberg: Der Augustinermönch war ein schwieriger Mensch.

(Foto: dpa)

Was feiert ihr eigentlich am Reformationstag? Ein Freund hat das gefragt, ein bisschen spöttisch, von Beruf ist er Historiker, ein Wissenschaftler. Seine Zunft hat viele Geschichten, die sich um die Reformation ranken, als Mythen entlarvt. So sehr, dass man sich tatsächlich fragen kann, was die evangelische Kirche an diesem 31. Oktober feiert.

Martin Luther, der Augustinermönch, hat seine Thesen nie mit kräftigem Hammerschlag an die Schlosskirchentür in Wittenberg gehämmert, weder am 31. Oktober 1517 noch sonst irgendwann. Das Fanal zum reformatorischen Aufbruch war in Wahrheit die Einladung zu einem akademischen Disput. Dieser Heros oder Holzklotz der Kirchengeschichte wollte keine neue Kirche gründen. Er hat nicht die Moderne begründet. Martin Luther stand noch mit beiden Beinen im Mittelalter, mit seiner Suche nach dem gnädigen Gott genauso wie mit seiner Türkenangst und der Furcht vor dem nahen Ende der Welt.

Die Reihe lässt sich fortführen: Martin Luther ist viel weniger der große Neuerer, als den ihn die protestantische Tradition gerne hingestellt hat. Die Kritik am verordneten Handel mit dem Seelenheil haben vor ihm andere geäußert; das Papsttum galt auch anderen als verlotterte Agentur des Teufels; und auch der Gedanke, dass alleine Gottes Gnade den Menschen erlöst, war vor ihm schon gedacht worden. Nicht einmal die deutsche Sprache hat er mit seiner Bibelübersetzung erfunden: Andere hatten schon gute Vorarbeiten geleistet.

Auf Luthers Denkschrift über die "Freiheit eines Christenmenschen" folgte keineswegs die Proklamation bürgerlicher Freiheitsrechte, schon gar nicht die Freiheit der Religion. Das Ketzerrecht galt auch nach dem Augsburger Religionsfrieden weiter. Wer in der Wartburg die Klause besichtigt, in der Luther als Junker Jörg die Heilige Schrift übersetzte, sollte auch in den Kerker steigen, wo später die landeten, die als Abweichler vom wahren Glauben verurteilt wurden. Wer die klare Sprache des Mannes mit ihren lustigen Zoten und Wortschöpfungen gegen den vermeintlichen Intellektualismus der Theologen lobt, sollte mal einen Blick auf die anspruchsvolle lateinische Sakramentstheologie werfen, die es bis heute nicht in den gängigen Lutherkanon geschafft hat.

Und dann war er noch ein schwieriger Mensch, dieser entsprungene Mönch. Er war ein Gottesfreigeist, der Papst und Kaiser die Stirn geboten hat. Er kämpfte aber auch mit seelischen Dämonen und wünschte am Ende seiner Tage den Juden die Pest an den Hals. Der Kirchenvater wider Willen war nicht nur eine streitbare, er war auch schon zu seiner Zeit eine umstrittene Persönlichkeit. Was dann folgt, ist die Geschichte der Protestantismus. Sie darf nicht nur als Geschichte der Auseinandersetzung mit der anderen Konfession erzählt werden; sie ist auch eine andauernde innerevangelische Konfliktgeschichte. Non vi sed verbo - nicht mit Gewalt, sondern durch Überzeugungskraft sollen Menschen gewonnen werden. Wenn Luther und jene, die nach ihm kamen, sich nur daran gehalten hätten!

Muss also die evangelische Kirche den Reformationstag absagen? Jedes historische Narrativ folgt gegenwärtigen Bedürfnissen. Das gilt auch für die Geschichte der Reformation. Deshalb hat auch jede Zeit ihren Luther. Der Bildersturm der Historiker auf die Lutherdenkmäler hat etwas Befreiendes. Das sentimentale Lamento, dessen zufolge früher alles besser war, gehört nun in die Vitrine. Der Triumphalismus vergangener Reformationsjubiläen ist endlich einem differenzierten, kritischen und selbstkritischen Umgang mit der eigenen Konfessionsgeschichte gewichen. Die "geistige Überlegenheit" des Protestantismus als protestantischer Leitkultur Preußens feiert heute niemand mehr, Gott sei es gedankt. Der symbiotischen Verbindung aus Luthertum und deutschem Nationalismus ist die Sensibilität für die europäische und außereuropäische Bewegung der reformatorischen Kirchen gewichen.