Luther Der Erfinder des Pluralismus

Ein Sammelband, herausgegeben von Udo Di Fabio und Johannes Schilling, zeigt, wie der Protestantismus die Welt veränderte - und Paradoxien schuf. Doch religiöse Kernfragen blenden die Autoren aus.

Von Felix Ekardt

Weltweit ist das Phänomen Religion auf dem Vormarsch, teils auch in westlichen Ländern wie den USA. In Mitteleuropa dagegen ist Religion als Instanz für Sinnstiftung, Glauben, Moral und Psychologie weithin Vergangenheit. Damit gerät die ursprünglich religiös bedingte Historie heutiger Politik, Kultur und Moral latent in Vergessenheit. Der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio und der Theologe Johannes Schilling haben jetzt zum 500. Reformationsjubiläum einen Band herausgegeben, der die anhaltende Relevanz des Faktors Religion untersucht. Er kombiniert das mit historischen Abhandlungen zu Luther, Bibelübersetzung, der Stadt Wittenberg oder der Ausbreitung der Reformation in der Frühen Neuzeit.

Die Autoren, allesamt Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats zum Reformationsjubiläum, möchten zeigen, wie der Protestantismus die moderne Kultur, Recht, Wirtschaft oder auch Musik weltweit beeinflusst hat. In der Tat: Die Impulse, die von Wittenberg im 16. Jahrhundert ausgingen, veränderten Deutschland, Europa und die Welt. Ausgehend von der Idee individueller Bibellektüre und -auslegung stellte die Reformation den Menschen stärker auf sich selbst und lud ihn ein, mehr selbst zu denken. Das war nicht nur ein Startpunkt hin zum heutigen Individualismus, sondern untergrub zugleich die starke Rolle der Institution Kirche.

Der Reformator, 500 Jahre später: Lichtperformance mit Luther-Bildern in Halle/Saale.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Der Band illustriert gut lesbar die daraus resultierenden, bis heute fortwirkenden Paradoxien. Einerseits stärkte die Reformation Tendenzen, die Bibel beim Wort zu nehmen und den Glauben mit aller Absolutheit zu vertreten. Gleichzeitig führte die individuelle Bibelauslegung zu einer Vielzahl konkurrierender Deutungen. Damit wurde längerfristig der heutigen pluralistischen und säkularen Gesellschaft der Weg bereitet, obwohl Luther, Zwingli oder Calvin das so kaum im Sinn hatten. Sehr wohl im Sinn hatten sie allerdings, Staat und Wirtschaft verstärkt gegen mächtige kirchliche Institutionen wie den Vatikan abzuschirmen. Das war ein großer Schritt hin zur modernen Ausdifferenzierung der Gesellschaft in voneinander teils unabhängige Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik, Recht und Religion.

Manche Gruppierungen setzten stark auf Liberalität, andere bekämpften dies vehement

Der protestantische Individualismus wurde ferner eine zentrale Quelle des Menschenrechtsdenkens, wenngleich dessen machtbegrenzender Impetus mit den religiösen Absolutheitsvorstellungen der Reformatoren an sich schlecht zusammenpasste. Folgerichtig waren protestantische Gruppierungen in der Frühen Neuzeit lange Zeit gespalten, weil die einen die heraufziehende Liberalität entschlossen unterstützten, wogegen die anderen sie entschlossen bekämpften. Eine besonders schöne Paradoxie deuten die Autoren nur an. Der protestantische Individualismus ist nicht nur eine zentrale Wurzel der universalistischen Menschenrechtsidee, sondern auch eines ganz und gar nicht universalistischen postmodernen Denkens, das die Kategorien richtig und falsch zugunsten eines "Anything goes" beerdigt.

Stärker beleuchten können hätte der Band die unterschiedliche Wirkung von lutherischem und calvinistischem Protestantismus. Kapitalismusförderndes Leistungsstreben und demokratische Menschenrechtsidee sind nämlich weit stärker mit Calvins als mit Luthers Epigonen verbunden. Nicht zufällig begann die kapitalistische und liberal-demokratische Entwicklung vornehmlich in Nordamerika, England, den Niederlanden und der Schweiz und nicht im lutherisch dominierten Deutschland. Auch die Aufklärungsphilosophie und die Bildungsschicht in westlichen Ländern bezogen aus dem Calvinismus Inspirationen im Kampf um wirtschaftliche und religiöse Liberalität. Und um stärkere politische Mitbestimmung - hatten doch Calvins Gläubige im 16. Jahrhundert die demokratische Wahl der Gemeindeleitung eingeführt, was schrittweise auch in staatlichen Institutionen den Absolutismus untergrub.

Udo Di Fabio, Johannes Schilling (Hg.): Weltwirkung der Reformation. Wie der Protestantismus unsere Welt verändert hat, C.H. Beck München 2017, 213 Seiten, 16,95 Euro.

(Foto: )

Die wirklich kontroversen Themen sparen Di Fabio und Kollegen weitgehend aus. Dazu hätte die alte Frage gehört, ob Faktoren wie ein lutherischer Untertanengeist und ein gewisser protestantischer Absolutismus den Nationalsozialismus mit ermöglicht haben. Ganz von der Hand weisen können wird man das kaum.

Ebenso spannend wäre in Zeiten von Bush und Trump die Frage gewesen, inwiefern die zwei Amerikas - das fundamentalistisch-absolute einerseits, das liberale, pluralistische und universalistische andererseits - letztlich zwei Facetten protestantischer Überlieferung sind. Sinnvoll wäre auch ein Blick darauf gewesen, wie mit Kapitalismus und moderner Technik zugleich die Überbeanspruchung natürlicher Lebensgrundlagen entstand und wie eng dies mit einem vor allem wirtschaftlich gedachten Freiheitsverständnis zusammenhängt. Beim calvinistisch geprägten Vordenker des Liberalismus, John Locke, führte das in der Aufklärung gar so weit, dass Eigentum zum Oberbegriff menschenrechtlicher Freiheit erklärt wird.

Umgekehrt könnte man auch die Umweltbewegung mit reformatorischen Kulturtraditionen in Verbindung bringen. Wie jede alternative Bewegung erscheinen Umweltschützer mit ihren internen Kontroversen um die wahre Lehre vom Konfliktmuster der sich immer weiter aufspaltenden protestantischen Gruppen in der frühen Neuzeit beeinflusst. Die fanden den Streit um die reine Lehre mitunter wichtiger, als gemeinsam die katholische Kirche und die Fürsten in ihre Schranken zu weisen. Immer noch genial karikiert findet sich das Phänomen im 70er-Jahre Film "Das Leben des Brian" von Monty Python, wo die revolutionären Splittergruppen "Judäische Volksfront" und "Volksfront von Judäa" im Clinch liegen.

Religiöse Kernfragen blenden die Autoren aus. Das erscheint seltsam

Nah beim fast schon postmodernen, an sich selbst zweifelnden heutigen Protestantismus sind die Autoren darin, dass sie die religiöse Kernfrage seltsam ausblenden: nämlich ob Religion jenseits aller faktischen Wirkungen noch eine normative Gültigkeit beanspruchen kann. Religiöse Moral beruht auf Annahmen, die man glauben, aber nicht wissen kann: die Existenz Gottes und die Erkennbarkeit seiner Regeln für den Menschen. Die hinter dem modernen Recht stehende universalistische Moralphilosophie ist zwar in Teilen Erbin der Religion. Doch sie kann, so muss man wahrscheinlich sagen, tatsächlich Freiheit und Demokratie besser als ein religiöses Denken begründen. Das kann etwa gelingen, indem sie zeigt, dass wir unser aller Recht auf Selbstbestimmung wechselseitig als minimale Grundlage voraussetzen, sobald wir miteinander über gesellschaftliche Entscheidungen streiten. Und dieser Streit ist unter pluralistischen Bedingungen unvermeidbar, ebenso wie der kompromisshafte Ausgleich zwischen den Autonomiesphären aller Beteiligten.

Ungeachtet der auch durch die Kürze des Buches bedingten Auslassungen haben Di Fabio und Kollegen eine bereichernde und anregende Lektüre vorgelegt. Sie bleibt gerade nicht rein historisch, sondern regt auch zum besseren Verstehen heutiger Konfliktlinien an.

Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin und lehrt an der Uni Rostock.