"Die F-15 feuerten vier Minuten später ihre Waffen ab", hält der Bericht fest. Um fünf Uhr morgens berichteten die ersten Medien über den Vorfall, um sieben Uhr wusste die Welt dank des englischsprachigen Dienstes von al-Dschasira, dass es "60 zivile Tote" gegeben habe.

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Diese Zahl bestätigt der Isaf-Bericht freilich nicht. Die Berichterstatter verwenden viel Platz auf ihre Erkenntnisse zur Frage nach der tatsächlichen Opferzahl. Das unbefriedigend vage Ergebnis: zwischen 17 und 142. "Es ist nicht möglich, die exakte Zahl festzulegen. Aber Beweisstücke, Berichte und wissenschaftliche Untersuchungen aus der Video-Analyse lassen vernünftigerweise annehmen, dass sich etwa 100 Menschen im Umkreis der Fluss-Furt" aufgehalten hätten.

Bewusst vage formuliert

Der Bericht bemängelt, dass es keine forensische Untersuchung gegeben habe, weil ein Erkundungsteam erst spät am nächsten Tag an der Stelle angekommen war - offenbar weil man angenommen habe, es gebe keine zivilen Opfer. "Berichte und Berechnungen örtlicher Stammesführer lassen aber annehmen, dass etwa 30 bis 40 Zivilisten getötet und verwundet sein könnten", heißt es weiter. Der Bericht ist an dieser Stelle bewusst vage formuliert. Offensichtlich liefert aber auch kein anderer Bericht verlässlichere Opferzahlen.

Die Isaf-Untersuchung stellt dann eine umfassende Abwägung von Fakten und Argumenten an, die das Für und Wider der Entscheidung zum Luftangriff schildern, aber auch eindeutiges Fehlverhalten offenbaren. So wird es als "unzureichend" eingestuft, dass nur eine nachrichtendienstliche Quelle von der Sandbank berichtet habe und ansonsten nur die Videoaufnahmen aus dem Flugzeug zur Entscheidungsfindung vorgelegen hätten. Dies sei, so heißt es jedenfalls knapp im Bericht, als Basis "für eine derart komplexe Operation" nicht ausreichend.

Ausführlich begründet der Bericht, warum Oberst Klein und der Fliegerleitoffizier die Isaf-Verfahren und Anweisungen für eine Zielbekämpfung missachtet hätten. Dies habe dazu geführt, dass es am Ende "Handlungen gegeben hat, die nicht im Einklang stehen mit den dynamischen Zielerfassungsmethoden". Übersetzt heißt das: Die Regeln der Isaf für die Bombardierung feindlicher Kämpfer und beweglicher Ziele wurden gebrochen.

Mahnend stellt der Isaf-Kommandeur McChrystal dann fest, dass der deutsche Fliegerleitoffizier bis zu dem Vorfall nur wenig Erfahrung gesammelt hatte. Er habe 40 Einsätze geleitet, davon fünf mit Waffengebrauch. "Ihm fehlten die Erfahrung und das Wissen über dynamische Zielverfahren." Ebenso knapp konstatiert der Bericht, dass Oberst Klein die Meldung "Feindberührung" (troops in contact) nicht hätte abgeben dürfen. "In dieser taktischen Situation gab es keine Feindberührung", hält das Dokument fest. Weiter heißt es: "Der Einsatz von Luftunterstützung zur Bekämpfung großer Menschenansammlungen, ohne dass eine unmittelbare Bedrohung für die eigenen Kräfte vorliegt, steht nicht im Einklang mit den Absichten und Weisungen des Isaf-Kommandeurs."

Eine Art Schutzreflex

Ein bisschen Selbstkritik übt McChrystal schließlich, wenn er von der "voreiligen Preisgabe von Informationen an die Medien" schreibt. Damit kann er nur sich selbst gemeint haben, denn es war der Isaf-Kommandeur, der am Tag nach dem Bombardement mit der Washington Post im Schlepptau nach Kundus reiste und die Details seiner Erkundungsmission am nächsten Tag selbst in der Zeitung nachlesen konnte. Dafür wurde er von der Nato, der deutschen Bundesregierung und vermutlich auch seinen eigenen Vorgesetzten in Washington ermahnt.

Ausführlich berichtet die Untersuchungskommission über die Reaktion der Afghanen auf das Bombardement. "Dem Luftschlag folgte eine Welle der Euphorie in der lokalen Bevölkerung." Den Angriff werteten die Menschen demnach als Hinweis darauf, dass die Schutztruppe und das deutsche PRT "endlich etwas gegen die wachsende Taliban-Aufstandsbewegung unternahmen". Die Mitglieder der PRT-Mannschaft "wurde als Helden angesehen. Die Öffentlichkeit empfand, dass die Luftschläge gerechtfertigt gewesen seien, und dass die vom Angriff getöteten oder verletzten Menschen ihre gerechte Strafe dafür erhalten hätten, dass sie an der kriminellen Tat des Treibstoffdiebstahls teilgenommen hatten."

Der Bericht zeigt auch Verständnis für die angespannte Lage im deutschen Feldlager in Kundus und den Entscheidungsdruck seines Kommandeurs. Nach dem "ersten komplexen Hinterhalt von Ende April" war das Lager unter ständigem Beschuss von Raketen gelegen, Patrouillen wurden regelmäßig überfallen, der Bedrohungsgrad sei deutlich gestiegen. Die Verwaltungschefs der betroffenen Distrikte hätten sich über den Mangel an Polizisten beklagt und die Zahl der Taliban-Kämpfer mit mehr als tausend angegeben. "100 Älteste hatten um Hilfe gebeten." Der Bericht suggeriert, dass Oberst Klein eine Art Schutzreflex aufgebaut habe und tatsächlich in der Angst vor einem massiven Überfall auf sein Lager leben musste.

Acht Stunden vor dem Bombardement hatte eine Einheit aus seinem PRT alle acht ihrer Fahrzeuge verloren - ein immenser Schaden. Der B-1-Bomber war ursprünglich angefordert worden, um ein zurückgelassenes Panzerfahrzeug aus der Luft zu zerstören, damit die Taliban keinen Zugang zu Technik und Funkausrüstung bekämen. Auf einen Schlag etwa 60 Taliban-Kämpfer zu töten, musste dem Kommandeur in diesem Augenblick wie eine gute Gelegenheit vorgekommen sein.

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  1. "Er hat die Menschen als Ziel, nicht die Fahrzeuge"
  2. Sie lesen jetzt Die Regeln der Isaf wurden gebrochen
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(SZ vom 12.12.2009/jab)