Neue Erkenntnisse zu dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff in Afghanistan: Die Nato geht von wesentlich mehr Toten aus als bislang bekannt. Einem Medienbericht zufolge soll der deutsche Kommandeur die Militäraktion aufgrund eines einzigen Informanten angeordnet haben.

Bei dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastwagen in Nordafghanistan sind nach ersten Erkenntnissen eines Nato-Untersuchungsteams etwa 125 Menschen ums Leben gekommen. Das wären weit mehr als die von der Bundeswehr genannten 56 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Opfer seien nach Einschätzung des Nato-Teams keine Taliban gewesen, berichtete die Washington Post. Auch Nato-Kommandeur Stanley McChrystal sagte einem Bericht von CNN zufolge erneut, er sei überzeugt davon, dass bei der Aktion auch Zivilisten verletzt worden seien.

Afghanische Soldaten bewachen einen ausgebrannten Tanklastwagen. Zwei Tage nach der Militäraktin spricht die Nato von 125 Toten. (© Foto: AP)

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Das Verteidigungsministerium in Berlin hat die von der Nato angegebene Opferzahl mittlerweile entschieden zurückgewiesen. "Die Zahlen sind absolut nicht nachvollziehbar", sagte Ministeriumssprecher Thomas Raabe. Er betonte, auch die Internationale Schutztruppe Isaf dementiere die Zahl von 125 Toten.

Zuvor hatte der Gouverneur der Provinz Kundus, Mohammed Omar, die Anzahl der Toten mit insgesamt 54 Menschen angegeben. Davon seien 48 bewaffnet gewesen. Laut Omar wurden 15 Menschen verletzt, darunter zwei Taliban. Nach wie vor gibt es zu der Zahl der Opfer unterschiedliche Angaben. Während der afghanische Präsident Hamid Karsai von rund 90 Toten und Verletzten ausgeht, spricht das Innenministerium in Kabul von 56 getöteten Taliban und zehn Verletzten, darunter ein Kind.

In dem Bericht der Washington Post heißt es außerdem, die Entscheidung, den Bombenangriff anzuordnen, fiel zum großen Teil aufgrund der Einschätzung eines einzigen afghanischen Informanten. Auf Luftaufklärungsbildern seien etwa 100 Menschen rund um die entführten Tanklaster zu sehen gewesen, berichtete die Zeitung. Die Aufnahmen seien von geringer Qualität gewesen. Der Informant habe der Bundeswehr versichert, dass es sich bei jedem, der sich im Bereich der Tanklastzüge aufhalte, um einen bewaffneten Aufständischen handle. Daraufhin sei der Befehl zum Angriff erteilt worden und je eine 500-Pfund-Bombe sei auf die Tanklaster abgeworfen worden.

Jung spricht von "detaillierter Aufklärung"

Die Informationen der Washington Post widersprechen der Darstellung von Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU). Er hatte in der Bild am Sonntag angegeben, die Entscheidung habe auf einer "detaillierten Aufklärung" über "mehrere Stunden hinweg" beruht. Auch ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, die Szenerie sei über eine längeren Zeitraum beobachtet worden, erst nach Auswertung "mehrerer Aufklärungsmittel" sei die Entscheidung gefallen, Luftunterstützung anzufordern. Damit würde der Angriff auf zwei von den Taliban gekaperten Tanklastzügen nicht gegen Isaf-Regeln verstoßen.

Eine Entscheidung zum Angriff aufgrund eines einzigen Informanten hingegen würde einen Verstoß gegen die Direktive darstellen, die Teil der neuen Nato-Strategie ist, wonach die Zahl ziviler Opfer sinken solle. Demnach darf die Nato keine Wohngebäude bombardieren, wenn sie nur eine Informationsquelle hat.

Zudem müssen die Truppen die Situation genau beobachten, um sicherzustellen, dass keine Zivilisten in der Nähe sind. Nach der neuen taktischen Anweisung der Nato sollen die Isaf-Länder Luftangriffe nur als letztes Mittel anordnen. Legitim sind solche Angriffe etwa dann, wenn es ein hohes Risiko für Tote unter den eigenen Soldaten gibt.

Auch wenn diese Direktive bisher nicht für Luftangriffe außerhalb von Wohngebieten gelte, so wolle der neue Isaf-Kommandeur doch diese Standards für alle Luftangriffe durchsetzen. Einzige Ausnahme sei eine unmittelbare Gefahr für die eigenen Truppen.

Taliban bedrohten Dorfbewohner

Ein Reporter der Washington Post, der mit dem Erkundungsteam reisen durfte, berichtete auch von mehreren verletzten Dorfbewohnern, darunter ein 10-jähriger Junge. Sie seien teils von den Taliban gezwungen worden, dabei zu helfen, die im Schlamm feststeckenden Tanker wieder freizubekommen, teils seien sie aus Neugier angerannt gekommen.

"Sie kamen zu jedem hier, um uns um Hilfe zu bitten", erzählt ein Ladenbesitzer, der sechs seiner Cousins bei dem Bombenangriff verloren hat. Keiner davon, so sagte er dem Reporter der Washington Post, sei ein Aufständischer gewesen. "Sie begannen, die Menschen zu schlagen und uns mit Waffen zu bedrohen. Sie sagten, bringt Eure Traktoren und helft uns. Was sollten wir denn dagegen tun?", zitiert die Washington Post den Mann.

Der Kommandeur des Bundeswehr-Lagers in Kundus, Oberst Georg Klein, hatte am Freitag beim Hauptquartier der internationalen Schutztruppe Isaf Luftunterstützung angefordert, nachdem die Taliban zwei Tanklastzüge entführt hatten. Er befahl auch den Angriff. Klein hatte befürchtet, die Taliban-Kämpfer könnten die Tanklastzüge für einen Anschlag gegen das deutsche Feldlager nutzen.

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