Duisburg nach der Loveparade Wie Sauerland sich an sein Amt klammerte

Wer war schuld an dem Loveparade-Desaster? Für viele Duisburger war die Antwort klar: Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Auch ranghohe Politiker bis hin zu Bundespräsident Christian Wulff haben dem Bürgermeister nach dem Unglück einen Rücktritt nahegelegt. Doch Sauerland blieb. An diesem Sonntag zwangen ihn die Bürger nun zur Aufgabe seines Amtes.

Was bisher geschah - eine Chronologie.

Die Loveparade in Duisburg im Sommer 2010 endete in einer Katastrophe: In einer Massenpanik starben 21 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die Verantwortung dafür will bis heute niemand übernehmen. Schnell wurde Kritik an der Stadt Duisburg und an Adolf Sauerland (CDU) laut - nun stimmten die Bürger für die Abwahl ihres Oberbürgermeisters. Eine Chronologie der Ereignisse.

"Duisburg bin ich!" Viele Duisburger empfanden das Verhalten ihres Bürgermeisters Adolf Sauerland als pietätlos - und stimmten gegen ihn.

(Foto: dapd)

24. Juli 2010: Vor dem Eingang zum Loveparade-Gelände entsteht eine Massenpanik. Menschen werden erdrückt und niedergetrampelt. Die Polizei meldet zuerst 10 Tote, die Zahl erhöht sich schließlich auf 21.

25. Juli: Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller verkündet das Aus für die Veranstaltung. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland weichen beide den Fragen nach einer möglichen Schuld aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt.

27. Juli: Adolf Sauerland nennt Rücktrittsforderungen gegen ihn nachvollziehbar. Doch jetzt gehe es darum, "die schrecklichen Ereignisse aufzuarbeiten".

28. Juli: Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) macht den Veranstalter der Loveparade für die Massenpanik verantwortlich, weil dieser die Vorgaben seines Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten habe. Rainer Schaller weist die Vorwürfe zurück.

29. Juli: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) legt Adolf Sauerland indirekt den Rücktritt nahe. Auf einer Kundgebung fordern mehrere Hundert Menschen dasselbe.

31. Juli: In der Duisburger Salvatorkirche findet im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Trauerfeier für die Opfer der Loveparade-Tragödie statt. Bundesweit wehen die Flaggen auf Halbmast. Der Oberbürgermeister nimmt nicht an der Trauerfeier teil, um die aufgebrachten Bürger nicht zu provozieren.

1. August: Bundespräsident Wulff legt Sauerland den Rücktritt nahe. In der Stadt beginnt eine Unterschriftensammlung zur Abwahl des Oberbürgermeisters.

3. August: Die Landesregierung stellt eine Million Euro Soforthilfe für die Opfer und ihre Angehörigen bereit.

14. August: Sauerland gibt zu, dass vor der Loveparade eine zu hohe erwartete Besucherzahl bekannt gegeben wurde.

1. September: Ein Gutachten für das NRW-Innenministerium sieht die Verantwortung für die Sicherheit bei der Stadtverwaltung und dem Veranstalter Lopavent. Die Stadt Duisburg weist jedoch in ihrem Abschlussbericht jede Verantwortung zurück.

2. September: Vor dem Düsseldorfer Innenausschuss weist Sauerland erneut die Verantwortung für das Unglück zurück. Die Polizei sieht die Schuld beim Veranstalter.

6. September: Der Duisburger Stadtrat fordert einen raschen Rücktritt von Sauerland. Eine entsprechende Resolution der SPD-Fraktion wird von 39 der 75 Abgeordneten unterstützt.

13. September: Sauerland übersteht im Stadtrat einen Antrag auf Abwahl. Die CDU verhindert die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit.

25. Dezember: Sauerland räumt Fehler im Umgang mit dem Unglück ein. "Ich möchte mich auch an dieser Stelle ausdrücklich entschuldigen, wenn bei den Betroffenen der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich mich meiner Verantwortung entziehen will", schreibt er in einem Weihnachtsgruß an die Bürger.

18. Januar 2011: Die Staatsanwaltschaft Duisburg nimmt Ermittlungen gegen den damaligen Einsatzleiter der Polizei sowie gegen Mitarbeiter der Stadt und des Veranstalters auf. Sauerland gehört nicht zu den Beschuldigten.

11. Februar: Die Initiative Spendentrauermarsch wählt den Entwurf des Duisburger Künstlers Gerhard Losemann für ein Mahnmal aus. Auf einer Stahlplatte sollen 21 stürzende und übereinanderfallende Vierkantrohre zu sehen sein. Das Mahnmal wird am 26. Juni eingeweiht.

20. Juni: Eine Bürgerinitiative startet eine Unterschriftenaktion für einen Bürgerentscheid zur Abwahl von Sauerland.

6. Juli: Adolf Sauerland entschuldigt sich in einem Filmbeitrag erstmals öffentlich wegen der Opfer der Loveparade-Katastrophe.

11. Juli: Die Loveparade hätte so nicht genehmigt werden dürfen. Das ist das Ergebnis eines Zwischenberichtes der Staatsanwaltschaft Duisburg. Sauerland entschuldigt sich bei den Betroffenen. "Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich moralische Verantwortung für dieses Ereignis."

16. Juli: In einem Interview sagt Sauerland: "Die Verwaltung der Stadt Duisburg hat keinen Fehler gemacht, der ursächlich zu dieser schrecklichen Katastrophe geführt hat."

24. Juli: Gedenkfeier zum ersten Jahrestags des Unglück in der MSV-Arena.

17. Oktober: Die Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg" legt mehr als 79.000 Unterschriften Duisburger Bürger für ein Abwahlverfahren vor. Nach NRW-Gemeindeordnung sind dafür 55.000 gültige Stimmen nötig. Sauerland lehnt einen Rücktritt weiter ab.

8. Dezember: Die Staatsanwaltschaft Wuppertal ermittelt wegen der Korruptionsaffäre um den Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW gegen den Duisburger Bürgermeister.

26. Dezember: Sauerland kritisiert den geplanten Bürgerentscheid über seine Abwahl als "Mogelpackung" der politischen Gegner.

12. Februar 2012: Die Duisburger Bürger entscheiden sich gegen Sauerland. Etwa 129.000 Wahlberechtigte stimmen dafür, dass der Oberbürgermeister sein Amt niederlegt - fast 40.000 mehr, als für eine Abwahl nötig gewesen wären.