Lokalpolitiker im Lottofieber: Das Städchen Anguillara ist mit 14 Millionen Euro verschuldet. Der Bürgermeister hofft deshalb auf einen Lottogewinn - andere Gemeinden setzen auch auf Glücksspiel.
Vor ein paar Tagen berief Antonio Pizzigallo den Gemeinderat von Anguillara zu einer Sondersitzung ein. Pizzigallo ist Bürgermeister des kleinen Städtchens 30 Kilometer nördlich von Rom. In der Sitzung einigten sich die Lokalpolitiker, jeweils fünf Euro aus dem eigenen Geldbeutel für Lottoscheine einzusetzen, zum Wohl der Gemeinde.
Die Jagd nach dem Glück hat im spielverliebten Italien zuletzt bunte Blüten getrieben. Der Jackpot liegt nun bei 127,5 Millionen Euro. (© Foto: dpa)
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Anguillara ist mit 14 Millionen Euro verschuldet. Dringend müssen die Schulen und der Hauptplatz renoviert werden. Das Glücksspiel schien für Pizzigallo und seine Gemeinde der einzige Ausweg aus der Misere. "Ich weiß, dass es fast unmöglich ist, den Sechser zu treffen, aber wir probieren es trotzdem", sagte der Bürgermeister. Natürlich wurde nichts aus dem Plan. Weil es wieder keinen Gewinner für die Zahlenkombination vom Samstagabend gab, ist der italienische Lotto-Jackpot nun auf 127,5 Millionen Euro angewachsen, so viel wie noch nie in der europäischen Lotteriegeschichte.
Die Jagd nach dem Glück hat im spielverliebten Italien zuletzt bunte Blüten getrieben. Die Bars und Tabacchi in Großstädten wie Rom, wo die Lose verkauft werden, sind trotz der Ferienzeit gut besucht. Ein Schreibwaren- und Energiekonzern entließ seine 430 Mitarbeiter jeweils mit einem Lottoschein in die Ferien. Sollte der Angestellte gewinnen, so verlautbarte die Geschäftsführung, dann sei der Gewinn allerdings mit dem Unternehmen zu teilen. Und neben Anguillara im Latium ist auch von den Gemeinden Varallo Sesia im Piemont und Ficarra auf Sizilien bekannt, dass sie ihr Heil im Glücksspiel suchen.
Der wirtschaftlich abgeschlagene Süden Italiens liegt vorne
Bürgermeister Pizzigallo empfahl sogar Finanzminister Giulio Tremonti, Italiens enorme Schulden per Tippschein zu reduzieren, und vergaß dabei, dass ein großer Teil der Einnahmen aus dem "Superenalotto" sowieso an den Fiskus geht. 820 Millionen Euro waren es seit Anfang Februar, so lange wurde der Jackpot nicht geknackt.
"Der Jackpot ist nicht gerade viel für ganz Italien, aber man könnte das Geld im Süden verwenden", sagt Pizzigallo. Auch dort, im Mezzogiorno, hat der Gemeinderat von Ficarra 115 Euro fürs Lotto gesammelt, denn, so erklärt Bürgermeister Basilio Ridolfo: "Weil die Subventionen für die Region nur schleppend eintreffen, sind die öffentliche Verwaltung behindert und das kulturelle Erbe in Gefahr."
Immerhin: In der Rangliste der Regionen, aus denen am häufigsten Lottosieger hervorgingen, liegt der wirtschaftlich abgeschlagene Süden Italiens vorne. Seit 1998 beim "Superenalotto" sechs Richtige aus 90 Zahlen angekreuzt werden müssen, kamen die Sieger am häufigsten aus Kampanien, dann aus dem Latium. Auch Apulien und die Hauptstadt Rom liegen in der Rangliste weit vorne.
Die Süditaliener, vor allem die Bewohner Neapels, gelten als besonders spielfreudig. Immer wieder hätten Statistiker festgestellt, dass mehr Menschen sich im Glücksspiel versuchen, wenn es mit der Wirtschaft bergab geht, sagt Silvana Mazzocchi, die zwei Bücher über Glücksspiel und Spielsucht geschrieben hat.
Dem italienischen Statistik-Institut Istat zufolge lebten 2008 in Italien fast neun Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, das sind 13,6 Prozent der gesamten Bevölkerung. Für das "Superenalotto" gaben die Italiener im Juni täglich durchschnittlich 7,8 Millionen Euro aus, in der Hoffnung auf das Ende aller Geldsorgen.
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(SZ vom 10.08.2009/af)
Führungsstreit der Linken
vielleicht solltet Ihr, bevor Ihr von Veruntreuung von Steuergeldern faselt, erst einmal den Artikel genau lesen - da steht doch, dass die Gemeinderatsmitglieder aus der eigenen Tasche 5 Euro bezahlt haben und in einer anderen Gemeinde das Geld für den Lottozettel gesammelt wurde.
genau, möglichst alle einsperren!
Wer Politiker wegen Verschleuderung von Staatsgeldern hinter Gitter bringen will, müsste am besten in Deutschland anfangen. Dummerweise kostet auch das Hinter-Gitter-Bringen kostet ein Vermögen an Steuergeldern und wer so etwas vorschlägt, sollte einen Moment darüber nachdenken, was wirklich geschrieben werden soll.
Betrachten wir doch die italienische Lotterie als Spass an der Wahrscheinlichkeitsrechnung und gönnen (für Deutsche ein Unwort) dem Gewinner seine Freude. Ob Politiker oder nicht.
... und bei zweitem Nachdenken, sollte man sogar erwägen, Amtsinhaber, die mit Steuergeld Lotto spielen, wegen Veruntreuung anzuklagen. Sie kaufen sich mit dem Staatsgeld nämlich einen Traum für sich selbst und nichts mit realem Gegenwert für den Staat.
Wär zwar ein hartes Vorgehen, aber angesichts der Gefahr, mit solchen Politikeraktionen die Spielsucht anzukurbeln, durchaus erwägenswert.
Politiker, die versuchen Finanzlöcher mit Lottospielen zu schließen, sollten wegen Inkompetenz aus dem Amt gejagt werden. Ein normaler Mensch kauft sich mit dem Lottoschein ein Weilchen des Träumens vom großen Geld. Das kann den einen Euro Werrt sein. Eine Gemeinde oder ein Staat kann aber nicht träumen, für ihn ist Lottospielen ein reines Verlustgeschäft.