Lobbyismus Süß schmeckt der Profit

Wenn Unternehmen Studien finanzieren, wollen sie einen Nutzen davon haben: eine Forscherin bei der Analyse von Bakterienkulturen.

(Foto: Jochen Tack/OKAPIA)

Die Lebensmittelindustrie bezahlt in großem Umfang Studien zur Ernährung - ohne Rücksicht auf die Verbraucher. Das schlägt sich in den Ergebnissen der Wissenschaftler nieder.

Von Kathrin Zinkant

Es kommt nicht häufig vor, dass ein 50 Jahre alter Artikel aus der Forschung Schockwellen auslöst. Doch als die amerikanische Wissenschaftlerin Cristin Kearns vor wenigen Tagen ihre Erkenntnisse über ein wissenschaftliches Papier aus dem Jahr 1967 vorstellte, war der Effekt genau dieser: Entsetzen darüber, wie lange die Zuckerindustrie tatsächlich schon die Wahrheit zu ihren Gunsten manipuliert. Und wie weit der Einfluss reicht. Denn der Artikel, um den es geht, stammt aus der Feder dreier Eliteforscher, die damals an der Harvard University bei Boston lehrten. Es ging um die Frage, ob Zuckerkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen miteinander in Zusammenhang stehen. Die Autoren meinten: Nein. Und zeigten stattdessen aufs Fett als den Hauptschuldigen für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Kearns hat nun belegt, dass sich zwei der Experten für diese Aussage von der Zuckerlobby bezahlen ließen. Deren Nachfolgeorganisation, die amerikanische Sugar Association, wies umgehend jede Verantwortung zurück. Man könne schlecht etwas kommentieren, das 50 Jahre zurückliege. Dennoch kritisiert der Zuckerverband Kearns' "fortgesetzten Versuch, geschichtliche Ereignisse umzudeuten und dem Anti-Zucker-Narrativ anzupassen".

Finanzielle Beteiligungen an Studien werden inzwischen offen deklariert

Doch Kearns deutet nichts um. Sie belegt, was viele Menschen schon lange ahnen. Die Lebensmittelindustrie nimmt seit Jahrzehnten massiven Einfluss auf Wissenschaft und Politik. Sie tut es nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt. Auch in Deutschland. Und sie tut es nicht nur in der Zuckerfrage, sondern in allen Bereichen der Ernährung. Von der Wurst über die Schokolade bis hin zu Milchprodukten und sogar Babynahrung, hinter fast jedem Produkt steht eine Kette von Manipulationen, deren Ziele und Methoden an das Wirken der Tabaklobby erinnern. Die Konzerne wollen verhindern, dass ihre Produkte als das gebrandmarkt werden, was sie in vielen Fällen werden können: eine Gefahr für die Gesundheit. Die Strategien sind derart erfolgreich, dass sie sich in einem halben Jahrhundert kaum geändert haben. Lobbyverbände üben Druck auf politische Entscheidungsträger aus, leugnen wissenschaftliche Tatsachen. Firmen passen Produkte unbeirrt ihrem Profitstreben an. Funktionieren kann das alles, weil die Konzerne an der Wurzel ansetzen und in großem Umfang wissenschaftliche Studien finanzieren - deren Ergebnisse sie auf diesem Wege mitbestimmen.

Nirgends ist diese Verquickung so extrem wie in der Ernährungsforschung. Nirgends ist sie so gut belegt wie für Zucker und insbesondere zuckerhaltige Getränke. Wobei die Einflussnahme mittlerweile ganz offen erfolgt. Finanzielle Beteiligungen werden heute in fast allen wissenschaftlichen Publikationen deklariert. Es ist also meist sichtbar, ob eine Studie von Mars, Coca-Cola oder einem anderen Konzern bezahlt wurde. Längst lässt sich deshalb auch nachweisen, welche Wirkung der Geldstrom aus der Industrie auf die Resultate der Arbeiten hat. Das belegt zum Beispiel eine Analyse des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke. Sie beleuchtet, wie sich eine Förderung durch die Lebensmittelindustrie auf die Ergebnisse sogenannter Übersichten auswirkt, in denen aktuelle Daten auf einen Zusammenhang zwischen Limonaden und Speckpolstern abgeklopft wurden. Das Resultat: Mehr als 80 Prozent der unabhängigen Übersichtsarbeiten kamen zu dem Schluss, dass Zuckergetränke dicker machen. Bei den industriefinanzierten Übersichten kamen zu diesem Ergebnis nur 16 Prozent.

Die Industrie zeigt sich jedoch überwiegend ungerührt von solchen Enttarnungen. Und macht einfach weiter. Wie hoch heute der Anteil industriell gesponserter Studien ist, lässt sich schwer sagen. Um Einzelfälle handelt es sich aber nicht. "Der Anteil ist erheblich", sagt der Ernährungsepidemiologe Matthias Schulze vom DIfE, der an der Studie zum Einfluss der Lebensmittelindustrie beteiligt war. Sorge bereiten Schulze schon die Studien, bei denen es um konkrete Experimente geht. Solche Arbeiten müssen nicht zwingend schlecht oder gar manipuliert sein. Wenn sie es sind, fällt das oft auf. Das größere Problem indes sind für Schulze die Übersichtsarbeiten, in denen Experten den Stand der Forschung zusammenfassen und bewerten. "Diese Analysen dienen der Evidenzfindung im Gesundheitsbereich und sind damit auch eine politische Entscheidungsgrundlage", sagt der Wissenschaftler. Schulzes Ansicht nach sollten solche Publikationen grundsätzlich frei von Interessenkonflikten sein.

Was sie aber nicht sind. Immer wieder erscheinen Artikel in Fachjournalen, die den tatsächlichen Erkenntnisstand konterkarieren und der Lebensmittelindustrie einen gewissen Rückhalt für ihre Marktstrategien geben. Bei Getränken bedeutet das meist, die Produkte noch stärker zu süßen. Das ist keinesfalls nur in den USA so, aber noch lässt sich die Lage mit der in Deutschland nicht ganz vergleichen. Amerikanische Limonadenkonzerne frisieren ihre Softdrinks mit High-Fructose-Corn-Syrup. Der Sirup enthält bis zu 90 Prozent Fruchtzucker und süßt sehr stark. Hiesige Softdrinks werden dagegen meist noch mit Haushaltszucker hergestellt. Sie schmecken deutlich weniger aufdringlich. Und sind auch etwas weniger schädlich. Reine Fruktose wird vom Körper unmittelbar in Fett umgewandelt. Haushaltszucker besteht dagegen nur zur Hälfte aus Fruchtzucker. Er macht deshalb immer noch dick. Aber nicht ganz so rasant.

Die Zuckerindustrie ficht das nicht an. Sie behauptet einfach weiter das Gegenteil: dass Zucker nämlich "praktisch" ungefährlich für die Körpersilhouette ist, wie es in einer Broschüre der "Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker" heißt. Der Verein spielt den Einfluss von Zucker auf das Körpergewicht systematisch herunter und bezieht sich dabei auf angeblich wissenschaftliche Fakten. So zitiert er etwa eine Studie der Ernährungswissenschaftlerin Mathilde Kersting. Die Leiterin des Bonner Forschungsinstituts für Kinderernährung habe gezeigt, dass es bei Jugendlichen keinen Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht und dem Konsum von Erfrischungsgetränken gebe. Was zwar nicht stimmt, in den Augen der Vereinigung aber Sinn ergibt, weil "der Organismus alle Kohlenhydrate - also auch Zucker - bevorzugt zur Energiegewinnung" nutze. Zucker würde deshalb "praktisch nicht in Körperfett umgewandelt". Auch diese Aussage ist allenfalls grober Unfug. Denn es kommt, wie immer, auf die Menge an. Ab und zu eine Limo macht gar nichts.

In manchen Ländern gibt es nun eine Zuckersteuer auf Softdrinks

Wie andere Fachleute auch hat Kersting indes mehrmals belegt, dass Kinder sehr viel seltener Übergewicht entwickeln, wenn sie Wasser trinken statt Limo, Cola oder andere Zuckerlösungen. Doch findet diese Erkenntnis nur verhalten Einzug in die Gesundheitsinformationen. Während in deutschen Supermärkten immer neue Limonadenprodukte stehen, die je Liter 100 bis 120 Gramm Zucker und in einigen Fällen Fruktose enthalten, warnt die deutsche Gesundheitspolitik weder explizit noch prominent vor dem Genuss solcher Getränke. Selbst der Nationale Aktionsplan "In Form" umschifft das Thema Softdrink weiträumig. Wer sich über die gesundheitlichen Folgen zuckerhaltiger Getränke informieren will, stößt lediglich auf die Empfehlung, "geeignete Durstlöscher" zu trinken - also Wasser und "ungesüßte Früchtetees". In anderen Ländern und manchen amerikanischen Städten ist man mit Maßnahmen gegen zuckrige Getränke wesentlich offensiver. Die US-Städte Berkeley und Philadelphia, sowie Frankreich, Mexiko und Großbritannien haben Zuckersteuern auf Softdrinks eingeführt.

Das beruht auf der Erfahrung, dass sich der Verweis auf die Inhaltsstoffe in den Getränken als zu abstrakt erwiesen hat, um die Menschen von übermäßigem Konsum abzuhalten. "Unter Experten kommen wir immer mehr zu der Erkenntnis, dass Ernährungsempfehlungen sich mehr auf Lebensmittel beziehen sollten", sagt Schulze. Idealerweise orientiert man sich dabei an schwach verarbeiteten Produkten wie Gemüse, Fleisch, Milchprodukten, Ölen oder Nüssen. Auch Zucker bleibt ein Lebensmittel. Nur eben eines, das man sparsam dosieren sollte.