Lobbyismus in den USA Hollywood kriegt immer, was es will

Die amerikanische Filmindustrie kritisiert das Sturmgewehr-Verbot im Bundesstaat New York, weil sie Drehs von Actionfilmen in Gefahr sieht. Der Druck, den die Branche aufbaut, ist symptomatisch für den Einfluss von Lobbygruppen in der US-Politik. Der Kampf um großzügige Subventionen wird erbittert geführt.

Von Johannes Kuhn

Freunde des Absurden dürften an diesem Plot ihre Freude haben: Das als erzliberal verschriene Hollywood kritisiert plötzlich die im Januar beschlossene Verschärfung des Waffenrechts im US-Bundesstaat New York.

Der Grund dafür, Nachbesserungen bei den durchgesetzten Verboten von Sturmgewehren und Magazinen mit mehr als sieben Schuss zu fordern, ist allerdings weniger ein ideologischer Schwenk als eine Frage der Produktionspraxis. Viele Studios setzen beim Dreh von Actionfilmen und -serien präparierte Schusswaffen mit Maxi-Magazinen ein und befürchten nun, in solchen Fällen bei Drehs in New York mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.

In der New York Times meldet sich eine ganze Reihe von Filmbranchen-Vertretern zu Wort. Sie beschwören den demokratischen Gouverneur Andrew Cuomo, Ausnahmeregelungen gesetzlich festzuschreiben. "Man würde doch ungern einen 100-Millionen-Dollar-Film verlieren, weil eine einzige Szene automatische Waffen benötigte und wir nicht helfen können", zitiert die Zeitung einen örtlichen Vertreter der Filmtechniker-Gewerkschaft.

Die unauffällige Drohung zeigt, weshalb das Verhältnis von Film- und Fernsehindustrie zur Politik weniger eine absurde Komödie als eine ernste Geschäftsangelegenheit ist: Mit einem Umsatz von 646 Milliarden Dollar in den USA im Jahr 2011 ist die Filmindustrie ein wichtiger Wirtschaftssektor, dessen Vertreter ihren Einfluss gekonnt einzusetzen wissen.

Lobby mit Sonderwünschen

Wer die Branche auf seiner Seite hat, kann im Wahlkampf mit kräftiger finanzieller Unterstützung rechnen - das weiß nicht nur Barack Obama, der von der Filmbranche Millionen Dollar für seine Wiederwahl einsammeln konnte, sondern auch der New Yorker Cuomo, der die Verschärfung nach dem Massaker an einer Grundschule in Newtown durchgepeitscht hatte: Ihm werden für 2016 Ambitionen auf das Präsidentschaftsamt nachgesagt und seine möglichen Unterstützer sitzen auch in Hollywood.

Dass es sich bei der Wahlkampfhilfe um ein Gegengeschäft handelt, versteht sich von selbst: Kaum eine Lobbygruppe vertritt in Washington stärker ihre Interessen. Die Unterhaltungsbranche mit TV-, Film- und Musikindustrie gab im Jahr 2012 insgesamt 117 Millionen Dollar für Lobbyarbeit in den USA aus. Alleine die größte Hollywood-Interessensgruppe der "Motion Pictures Association of America" (MPAA) beschäftigt 29 Lobbyisten, um für die Durchsetzung ihrer Ziele zu sorgen, zu denen zum Beispiel eine Verschärfung des Urheberrechts im digitalen Zeitalter gehört.

Der prominenteste Interessensvertreter ist Chris Dodd, seit 2011 Chef der MPAA. Der Demokrat und ehemalige Präsidentschaftskandidat war zuvor 30 Jahre lang US-Senator und gilt als intimer Kenner des Washingtoner Machtapparats - aus seinen eigenen Einflussmöglichkeiten macht er keinen Hehl: Als der Kongress Anfang 2012 die umstrittenen Anti-Piraterie-Gesetze Sopa und Pipa nach heftigem öffentlichen Protest auf Eis legte, warnte er in einem TV-Interview die Abgeordneten: "Ihr könnt mich nicht bitten, Euch einen Scheck zu schreiben, wenn Euer Job in Gefahr ist und mir dann keine Aufmerksamkeit schenken, wenn mein Job in Gefahr ist."

Großzügige Subventionen

Das Geld fließt allerdings nicht nur in eine Richtung: Die Branche erhält inzwischen großzügige finanzielle Unterstützung vom Staat. Die New York Times errechnete im vergangenen Jahr, dass die Filmindustrie jährlich etwa 1,5 Milliarden Dollar an Subventionen erhält.

Die Abschreibungsmöglichkeiten für die Produktion von Filmen in den USA zeigen, wie aufmerksam die Abgeordneten in Washington den Einflüsterern zuhören: 2004 verabschiedete man ein Gesetz, das Investoren bei Kleinproduktionen mit einem Volumen von weniger als 15 Millionen Dollar ermöglichte, ihre Kosten steuerlich abzusetzen. 2008 erweiterte der Kongress die Regelung auf Großproduktionen, bei denen Produzenten nun insgesamt bis zu 15 Millionen Euro abschreiben konnten - im Falle von Fernsehserien sogar pro Folge. 2011 lief das Gesetz aus, im Rahmen der Einigung im Haushaltsstreit Anfang Januar kam es plötzlich zu einer Verlängerung bis Ende 2013.

Das Argument für solche Gesetze lautet stets: Wenn die heimische Filmindustrie keine guten Bedingungen vorfindet, muss sie ins Ausland abwandern. Das ist aber nur ein Teil der Strategie, herrscht inzwischen doch auch zwischen den US-Bundesstaaten ein teils bizarrer Subventionswettbewerb um die Produktionen. Derzeit bieten 42 US-Staaten Steuersparmodelle an, um die Film- und Fernsehindustrie zu ködern - seit 2005 sollen dem Fiskus hierdurch 3,5 Milliarden US-Dollar verloren gegangen sein.

Wirtschaftlicher Nutzen fraglich

Berechnungen zeigen allerdings, dass die Wirtschaftlichkeit der Subventionen umstritten ist: In Michigan beispielsweise standen Subventionen von 125 Millionen Dollar in den Jahren 2010/2011 Steuereinnahmen durch die Filmindustrie von nur 13,5 Millionen Dollar entgegen. Auch ein signifikanter Anstieg von Arbeitsplätzen in der Branche konnte dort nicht verzeichnet werden.

Dennoch wagt es kaum ein Politiker, die Filmbranche zu verärgern: Anfang April unterzeichnete die republikanische Gouverneurin von New Mexico, Susane Martinez, nach langem Zögern das sogenannte "Breaking-Bad-Gesetz": Wer im Bundesstaat einen Film oder eine Serie (wie das preisgekrönte Drama "Breaking Bad") dreht, kann sich bis zu 30 Prozent seiner Investitionen vom Staat finanzieren lassen.

Die Serie über einen drogenkochenden Chemielehrer habe für steigendes touristisches Interesse an der Stadt Albuquerque gesorgt.