Jetzt geht's dahin. Die Parteigremien haben alles abgesegnet, das Unvermeidliche nimmt seinen Lauf. Frau M. aus der U.mark gibt ihre erste Pressekonferenz als So-gut-wie-sicher-Kanzlerin. Und wir gucken zu - der Ausfluss reinster Herzen.
15.24 Uhr: Das ZDF schaltet Münte weg. "Die haben auch genug", meint Kollegin Sch. Die ARD ist schon lang weg, sendet "Sturm der Liebe": Halbnackte Frauen empfangen den gut aussehenden Zimmerservice. Mei, das mit der Politik ist ja auch nicht soooo wichtig. Wird doch alles von diesen Medien "hochsterilisiert", wie einer unserer Lieblingskicker einst sagte. Na dann, gute Nacht!
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15.19 Uhr: Nix gegen Müntefering, aber irgendwie ist es schon schade, dass Schröder nicht kommt. Dem will man doch jetzt ins Auge sehen, das Tiger-Grinsen erleben. Doch der steckt wohlim Käfig. Oder doch schon in der inneren Immigration.
Noch 'ne böse Frage: Gibt es einen Minister Müntefering im Kabinett Merkel? Münte zieht hörbar die Luft ein, redet danach gut zwei Minuten ohne zu stocken und entlässt den armen Frager dennoch mit garantiert überhaupt gar keiner neuen News: "Und damit müssen Sie nun auskommen und ihren Kommentar schreiben."
15.16 Uhr: Schon wieder der Kultur-Mensch von 3sat. Hat eben schon bei Merkel gefragt, was denn nun aus der Kultur wird in Zukunft. Sehr beflissen, der Gute. Aber: Jetzt nicht. Bitte: jetzt nicht, zefix!
15.07 Uhr: Münte ist schon wieder mittendrin in den Themen. Redet über Inhalte, Pläne, Konzepte. Alles im Lack, oder? War irgendwas? Hat die SPD gerade ihren Kanzler verloren? Achnee, du!
"Sind bereit, Verantwortung zu übernehmen, "es gibt Stöckchen, über die man nicht springt, "keine Tabu-Listen veröffentlichen" - so werden die Verhandlungen aussehen, sagt er.
Und was wird aus Gerd? Münte verweist auf den Parteitag in drei Wochen, aber: "Weitergehende Festlegungen sind nicht getroffen worden." Und mehr: Es sei "darüber nicht gesprochen worden". Na, na, wer's glaubt.
Böse Journalisten-Frage: Was qualifiziert Angela Merkel für das Amt der Bundeskanzlerin? Münte, grinst, und sagt: "Sie ist Vorsitzende der CDU. Das muss die Partei erklären."
15.03 Uhr: Jetzt sind die Öffentlichen aber dabei! Heute morgen, als die Privaten schon ab zehn Uhr die spannenden News von den Dächern pfiffen, da klebten ARD und ZDF noch an ihren Schnulz-Serien.
Jetzt kommt Münte. Ernst. Gefasst. Die Brauen wie gewohnt auf 45 Grad. Nüüüüchtern. "Es ist halt weniger als wir vorher gehabt haben." Wie wahr. Sagt, der Gerd will auch in Zukunft mithelfen. Zumindest bei den Koalitionsverhandlungen.
15.00 Uhr: Jetzt kommt das ganze Elend auch noch mal in der Tagesschau. Und: Es wird nicht besser. Merkel wird wohl immer noch Kanzlerin. Immer noch keine Spur von Gerd.
14.54 Uhr: So, jetzt ist aber Schluss mit der Fragerei. Der namenlose Assistent an ihrer Seite beendet die Pressekonferenz, wünscht noch einen schönen Tag. Ein frommer Wunsch. "Das war jetzt aber kein guter Auftritt." Der Kollege von der Kultur ist unglücklich, milde ausgedrückt. "Das ist kein guter Tag für Deutschland." Wo ist eigentlich der Gerd? Immer noch nix los bei den Roten. Müssen wohl erst mal runterschlucken.
14.48 Uhr: Spaß! Eine offensichtlich englischsprachige Journalistin will wissen: "Frau Merkel, Sie sind bald Bundeskanzlerin - wie geht es Sie?" Das ist jetzt aber wirklich zu viel für Frau M., der Redefluss stockt, sie wabert etwas von "gespannter Aufmerksamkeit", sie sei "guter Stimmung mit viel Arbeit", sie sei "nicht giesgrämig", nein, überhaupt nicht.
14.47 Uhr: Noch ein Knaller. Gefragt, wann sie etwas zu den Personalien der CDU sagen kann, meint Merkel tatsächlich: "Wenn ich fertig bin mit Denken." Na servus!
Der Wirtschaftskollege erinnert an das Traumduo Köhler-Merkel. Schwächer ist Deutschland wohl noch nie repräsentiert worden.
Au weia, schon wieder zwei Fragen auf einmal: "Das ist immer ein bisschen viel." Was, wenn die Frau Kanzlerin in ihrem Job mal auf mehr als zwei Fragen reagieren muss?
14.46 Uhr: Fassungslosigkeit in der Kulturredaktion: "Diese Frau ist gerade Kanzlerin geworden - ach ist das furchtbar", stöhnt der Kollege.
14.45 Uhr: Aber der Preis ist ja auch hoch für die CDU. Schon hört man, dass die Sonn- und Feiertage steuerfrei bleiben sollen, die SPD wird sich inhaltlich also wohl in voller Breite durchsetzen.
14.40 Uhr: Merkel redet davon, dass die neue Koalition auch gewollt werden soll. Klar ist allerdings nur eins: Merkel will niemand. Sie hat einen Elfmeter geschenkt bekommen und kräftig daneben geschossen. Warum diese Frau Kanzlerin werden soll? Verstehen tut das niemand.
14.34 Uhr: Es ist also soweit: Die hängenden Mundwinkel werden die Republik regieren, nein nicht regieren, sie werden ihr vorhängen. Diese Dame, ich muss es ganz ehrlich sagen (das sagt diese Dame jetzt schon immer!), hat die Ausstrahlung einer Handtasche von Maggie Thatcher.
Gut, ich habe sie nicht gewählt, da bin ich wie Frau Merkel ganz ehrlich, aber: Ich habe ein Einsehen in Notwendigkeit. Ja, Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Aber müssen sie tatsächlich so groß sein, dass man mit der Kanzlerin anfängt, mit so einer? Die Null, in Worten: 0, Zuversicht und Optimismus ausstrahlt, die alles Leid der rot-grünen Bürde ausstrahlt, aber nicht, wie man mit Bürden umgeht und sie - womöglich - los wird! Sorry, ich habe nichts gegen die große Koalition, überhaupt nichts, nur: Mit diesem Trauertropf fängt keine glückliche Zeit für dieses unserer Land an. So, und nun könnt ihr mich alle hauen!
14.30 Uhr: Sie kommt. Forscher Schritt. Nur eine Minute zu spät. Wo ist Stoiber? Merkel allein im Haus. Beginnt zu reden. Vielmehr: zu leiern. Rattert runter, was wir schon seit Stunden wissen. Wer was wird. Klingt alles tödlich gelangweilt. Sehen so Sieger aus?
Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev