Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010 Jetzt ist der Moment, das Schweigen zu durchbrechen

Menschenrechtsaktivisten schimpfen den neuen Literaturnobelpreisträger Mo Yan einen Opportunisten. Doch seine Ehrung könnte zum Anlass werden, das Schicksal eines anderen chinesischen Preisträgers wieder ins Bewusstsein zu rücken: Liu Xiaobo erhielt den Friedensnobelpreis 2010. Er sitzt immer noch im Gefängnis.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter

Mo Yan ist ein großer Schriftsteller. Und da der Literaturnobelpreis fürs Schreiben verliehen wird, hat er ihn wohl verdient. Seine Kritiker, gerade in China, schimpfen ihn einen Opportunisten, der vor der Partei buckelt.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo rückte 2010 das Schicksal des chinesischen Menschensaktivisten ins Blickfeld - viele Menschen demonstrierten für seine Entlassung aus der Haft. Doch verbessert hat sich die Lage dadurch für ihn nicht: Er sitzt immer noch im Gefängnis.

(Foto: AFP)

Und tatsächlich hat sich Mo Yan als Moralist spätestens mit seiner Teilnahme am Lobpreis des Künstlerschinders Mao Zedong vor ein paar Monaten disqualifiziert. Aber wer nie Untertan eines solchen Regimes sein musste, der sollte es sich mit seinem Urteil nicht so leicht machen.

Ohnehin könnten vielleicht die Kritiker Grund bekommen, sich über Mo Yans Ehrung zu freuen. Dann nämlich, wenn diese zum Anlass wird, nachzufragen, wo denn der wirklich erste chinesische Nobelpreisträger geblieben ist. Erinnert sich noch jemand? Liu Xiaobo, Friedensnobelpreis 2010?

Seit fast vier Jahren sitzt Liu im Gefängnis, für Essays, in denen er Bürgerrechte fordert. Seine Frau wird derweil seit zwei Jahren wie eine Gefangene in der eigenen Wohnung gehalten. Damit sie mit keinem Journalisten sprechen kann, damit Schweigen herrscht.

Dieses Schweigen zu durchbrechen, dazu ist jetzt der Moment. Die Welt an Lius Schicksal zu erinnern. Und Peking daran zu erinnern: Der Respekt durch die Welt, den sich Chinas Regierung so herbeisehnt und den sie durch den Nobelpreis symbolisiert sieht, den erhält sie in Wahrheit erst dann, wenn sie selbst die Rechte und die Würde ihrer Bürger respektiert.