Literaturnobelpreis Dylans Flegelei

In Schweden wird heftig über die "Arroganz" und die "Ungezogenheit" des Musikers debattiert. Denn Dylan macht es der schwedischen Akadamie mit seinem Verhalten besonders schwer.

Von Thomas Steinfeld

Bob Dylan wird also nicht im Dezember nach Stockholm reisen, um den Nobelpreis für Literatur entgegenzunehmen. Die Schwedische Akademie betont zwar, es sei gar nicht ungewöhnlich, dass ein Preisträger nicht an den Zeremonien teilnehme. Doch gleichzeitig kulminiert in Schweden eine Debatte, ob die Akademie in ihrer Geltung beschädigt worden sei. Per Wästberg, Mitglied der Akademie, hatte sich als Erster über die "Ungezogenheit" und "Arroganz" Dylans beschwert, da dieser auf die Preisentscheidung zwei Wochen lang nicht reagiert hatte. Nun spricht Maria Schottenius, Kulturjournalistin bei Dagens Nyheter, der größten Zeitung des Landes, von einer "Demütigung" und einem "Fiasko" für die Akademie. Und ihr Kollege Björn Wiman, der zunächst die Auszeichnung für Dylan begrüßt hatte, meint nun, die Akademie lasse sich von einem "Popsänger" an der Nase herumführen.

Bob Dylan hatte seine Absage nur vage begründet. Er fühle sich geehrt, sei aber anderweitig verpflichtet, referierte die Akademie einen entsprechenden Brief des Preisträgers. Dieser habe allerdings angeboten, innerhalb eines halben Jahres eine "Nobelvorlesung" zu halten, um der Auszeichnung teilhaftig zu werden. Gewöhnlich findet diese in Gestalt eines Vortrags am 7. Dezember eines jeden Jahres im Gebäude der Akademie, "Börsen" genannt, statt. Doch mittlerweile wird die Akademie auch an diesem Punkt undeutlich: "Es gibt eine Möglichkeit, dass Bob Dylan im kommenden Jahr in Stockholm auftritt, vielleicht im Frühjahr. In einem solchen Fall hätte er die Gelegenheit, seine Nobelvorlesung zu halten."

Die Akademie spielt den Eklat weiter herunter, indem sie die Preisträger aufzählt, die in jüngerer Zeit nicht gekommen waren: Doris Lessing, Harold Pinter und Alice Munro, allesamt aus Altersgründen, sowie Elfriede Jelinek, einer "sozialen Phobie" wegen. Und wie zur Vorsicht spricht die Akademie nun zudem davon, dass sie auch ein Video oder ein Lied als Vorlesung betrachten könne. Doch was, wenn Dylan selbst dabei nicht mitspielt?

Einen Nobelpreisträger für Literatur gab es, der gezwungen wurde, die Auszeichnung abzulehnen: Boris Pasternak hatte den Preis im Jahr 1958 zunächst angenommen, um die Entgegennahme dann auf Druck der sowjetischen Regierung zu verweigern. Einen weiteren Preisträger gab es, der im Jahr 1964 ablehnte, weil er nichts von Auszeichnungen halten wollte: Jean-Paul Sartre. Jahre später soll der Philosoph, wie der Schriftsteller Lars Gyllensten, von 1966 bis 2006 Mitglied der Akademie, in seinen Memoiren berichtet, gefragt haben, ob er das Preisgeld dennoch erhalten könne. Das Begehren scheint abgelehnt worden zu sein. Doch seitdem wird diese Geschichte immer wieder kolportiert, so als gewähre sie Genugtuung für eine Kränkung.

Das Problem mit Bob Dylan hingegen entsteht dadurch, dass sich dieser nur mit großer Verspätung und dann auch nur undeutlich zum Preis verhält. Eine klare Ablehnung wäre noch eine Form der Anerkennung, Dylans Nonchalance aber nicht. Das ist nicht nur eine Herausforderung der Akademie, sondern auch des gesamten Landes und seiner Monarchie, die dem Preis erst besondere Bedeutung verleiht.