Literaturfest in Meißen Was in Sachsen gelesen werden darf

Im Vorfeld des Literaturfests Meißen gibt es Streit um das Buch "Unter Sachsen". (Bild von 2016)

(Foto: Literaturfest Meißen)

Sachsen streitet über eine Buchlesung, es geht um den Sammelband "Unter Sachsen". Ein Stadtrat von der CDU hat gefordert, "dieser Dreck" dürfe nicht im Rathaus gelesen werden. Dann geht es sogar um Bolschewisten.

Von Cornelius Pollmer

Am Donnerstag beginnt das laut Eigenwerbung "größte eintrittsfreie Open-Air-Lesefest" Deutschlands. Und dieser Superlativ ist längst nicht der kurioseste im Angebot der Veranstaltung im sächsischen Meißen. Das Literaturfest ist nämlich schon jetzt auch jenes mit der absurdesten Vorgeschichte des Jahres (nonfiktional), und diese beginnt bei Jörg Schlechte, einem Stadtrat von der CDU.

"Dieser Dreck wird mit Sicherheit nicht in unserem Rathaus gelesen!", schrieb Schlechte bei Facebook, und er meinte damit den im Christoph-Links-Verlag erschienenen Sammelband "Unter Sachsen".

Etwa 40 Autoren versuchen darin eine durchweg kritische, teils streitbare, zuweilen überharte, oft gelungene Bestandsaufnahme politischer Realitäten in Sachsen. Die Kritikbereitschaft in Sachsen selbst aber hält sich in traditionell engeren Grenzen, zumal und zuletzt deutlicher in der CDU.

Dort hat der Genre-Begriff des "Sachsen-Bashings" zuletzt eine beachtliche Karriere erfahren: Oft sei Kritik an Land und Führung desselben überzogen und ungerecht. Zur Wahrheit gehört, dass sich auch für diese Position tatsächliche Belege finden lassen und das nicht selten.

"Sachsen-Bashing" oder angemessene Kritik?

Von der allerdings schlichten Einlassung Schlechtes distanzierte sich sogar dessen Stadtratsfraktion, eine Diskussion wuchs dennoch heran, sie führte zeitweilig und allen Ernstes zurück bis zu den Bolschewisten.

Zum vorläufigen Ende der Debatte teilte die Stadt dem MDR mit, die Lesung von "Unter Sachsen" werde wie geplant im Historischen Saal des Rathauses stattfinden, dessen Benutzerordnung erlaube allerdings keine "Podiumsdiskussionen mit politischem Charakter". Dies bedeutet: Vorgelesen werden darf, darüber gesprochen oder diskutiert werden nicht.

Vorläufig festzuhalten bleibt, dass die Lesung, erstens, nicht verhindert worden ist. Zweitens fördern das enge Regularium sowie die durch reichlich Vorberichterstattung genährte Aufmerksamkeit im Zweifel den Verkauf des Buches. Drittens können alle Spötter, die sonst immer "typisch Sachsen!" rufen, nun genüsslich rufen: typisch Sachsen!

Wie leise oder laut, ruhig oder hitzig die Lesung von "Unter Sachsen" auch ablaufen wird, interessant ist die Frage, ob sich der Bundesinnenminister der Streitsache noch annehmen wird. Seit 2009 ist Thomas de Maizière Schirmherr des Literaturfests in Meißen, wo er auch seinen Wahlkreis hat.

In einem tendenziell vorfreudigen Gespräch mit den Veranstaltern hatte de Maizière vor Kurzem über das Lesen gesprochen und dabei auch verraten, welches Buch er gerade lese. Es ist der neue Roman von Christoph Hein, und er trägt einen schönen, kurzen Titel: Trutz.

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