Literatur Harry Potters Heimkehr

Nach 20 Jahren wird J. K. Rowlings Werk ins Schottische übersetzt.

Von Christian Zaschke

Ohne Schottland sind die Bücher über den Zauberlehrling Harry Potter nicht denkbar, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen hat die Autorin Joanne K. Rowling die ersten der sieben Bände in zwei Cafés in Edinburgh verfasst, zum anderen liegt der zentrale Handlungsort der Romane, die berühmte Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, im schottischen Hochland. Dennoch sind seit dem Erscheinen des ersten Bandes 20 Jahre vergangen, bis sich jemand daran gemacht hat, die Abenteuer des Zauberlehrlings in die naheliegende Sprache zu übersetzen: Scots. Dabei handelt es sich um eine Regionalsprache von wahrhaft magischem Klang. Man muss davon ausgehen, dass von den Muggels, also den Menschen ohne magische Fähigkeiten, die rund um Hogwarts leben, nicht wenige in breitestem Scots parlieren.

Der Übersetzer Matthew Fitt hat sich für den kleinen schottischen Verlag Itchy Coo an die Arbeit gemacht. Noch steckt er mittendrin, erst im Oktober soll seine Version von "Harry Potter und der Stein der Weisen" erscheinen, doch vorab hat Fitt einen kleinen Einblick in seine Werkstatt gewährt und in dieser Woche den ersten Satz seiner Übertragung veröffentlicht. Dieser ist von klingender Schönheit: "Mr and Mrs Dursley, o nummer fower, Privet Loan, were prood tae say that they were gey normal, thank ye awfie muckle." Den Lesern, deren Scots etwas rostig geworden ist, sei die deutsche Version an die Hand gereicht: "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar." In 79 Sprachen ist die Reihe bisher übersetzt worden (darunter Altgriechisch, Latein und Niederdeutsch), weltweit wurden rund 500 Millionen Bände verkauft. Dennoch ist es keine Übertreibung zu sagen, dass sich für Harry Potter erst jetzt, mit der achtzigsten Übersetzung, ein Kreis schließt: Er kommt gewissermaßen zurück nach Hause.

Dass die neue Übersetzung die Verkaufszahlen noch einmal in die Höhe treibt, steht eher nicht zu erwarten. Bei einer Volkszählung im Jahr 2011 gab lediglich ein knappes Drittel der fünf Millionen Einwohner Schottlands an, Scots mindestens zu verstehen. Was dem Übersetzer wiederum Hoffnung machen könnte: Linguisten vermuten, dass viele Schotten sich gar nicht bewusst sind, dass sie die Sprache beherrschen, weil sie von sich selbst annehmen, dass sie einfach ein Englisch mit starkem Akzent, etwas exzentrischem Vokabular und kruder Grammatik sprechen (was im Übrigen keine schlechte Beschreibung der Sprache Scots ist).

Der Verlag Itchy Coo sieht seine Aufgabe darin, den Gebrauch des Idioms zu fördern, in dem der schottische Nationaldichter Robert Burns im 18. Jahrhundert seine Gedichte verfasste. Fitts Übersetzung ist in diesem Zusammenhang eher als Liebhaberprojekt anzusehen, aber als eins von großem symbolischem Wert. Für die Engländerin Rowling dürfte es überdies eine Freude sein, dass ihr Werk nun in der traditionellen Sprache des Landes erscheint, in dem ihr Aufstieg zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt begann und das sie zu ihrer Wahlheimat gemacht hat. Auch für sie schließt sich ein Kreis.