Von Thomas Urban

Der Einbruch im Handel mit dem großen Nachbarn Russland stellte das baltische Land zunächst vor Probleme, beschleunigte aber dann die Reformen.

(SZ vom 3.1.2001) - Die Fassade des Hauses Nr. 5 auf der Algirdo-Straße in Wilna ist frisch verputzt. Als nächstes kommt das Treppenhaus an die Reihe.

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Flagge von Litauen (© Archiv)

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Algirdas Ramanauskas kann die abblätternde Ölfarbe nicht mehr ertragen und auch nicht den Geruch. "Wir müssen diesen sowjetischen Mief hinter uns lassen", sagt er. Der 42-Jährige ist Gründer, Besitzer und Geschäftsführer der Computerfirma "Pro Futuro".

Er hat auf dem Papier nur ein Dutzend Angestellte, doch arbeitet er auf Honorarbasis mit vielen Computerexperten zusammen. Seine Firma gehört somit zu den größeren der Branche in der litauischen Hauptstadt.

Demnächst kann sie ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. "Pro Futuro" bietet Lösungen für mittelständische Firmen und staatliche Institutionen: von der Planung der Büros über die Bestellung von Computern mitsamt der dazugehörigen Programme bis zur betriebsfertigen Übergabe einschließlich der Schulung von Mitarbeitern.

Im Jahr 2000 belief sich der Umsatz von "Pro Futuro" auf rund fünf Millionen Litas (2,5 Millionen Mark). Das ist etwa ein Viertel weniger als im Rekordjahr 1998, aber doch ein Zuwachs von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Denn in dem schlug die Rubelkrise auch auf seine Firma durch, so wie die ganze Region davon erfasst wurde. Zum einen war Russland bis dahin der wichtigste Absatzmarkt für Agrarprodukte aus dem Baltikum, zum anderen machen Transitgebühren für russische Exportgüter, vor allem Rohstoffe, einen kräftigen Teil der Budgets der baltischen Länder aus.

In Litauen mussten die Statistiker einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von mehr als vier Prozent verzeichnen, auch Unternehmer wie Ramanauskas traf es, denn wegen der niedrigeren Steuereinnahmen kamen kaum noch Aufträge von den Kommunen oder vom Staat.

"Die Russlandkrise war ein Schock", sagt auch Vygaudas Usackas. "Aber unter dem Strich war sie gut für uns. " Denn viele litauische Unternehmen hätten sich praktisch über Nacht nach neuen Partnern umsehen müssen - und die gebe es nun einmal nur im Westen, in den Ländern der Europäischen Union.

Usackas muss sich schon von Berufs wegen über diesen "Stoß in Richtung Westen" freuen. Der dynamische 36-Jährige ist Litauens Chefunterhändler bei den Beitrittsverhandlungen und gleichzeitig Vize-Außenminister.

Usackas war von Anfang an der Mann Wilnas in Brüssel. Schon wenige Wochen nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Baltenrepublik 1991 bezog er dort ein kleines Büro, zunächst als Beobachter Litauens. An einen EU-Beitritt seines Landes wagte damals noch niemand zu denken.

Vielmehr galt Litauen als besonders schwerer Fall: eine ehemalige Sowjetrepublik, die besonders unter der Knute Moskaus und auch der Engstirnigkeit der Planbürokraten zu leiden gehabt hatte. Die einst florierende Landwirtschaft bestand überwiegend aus Kolchosen, und die Industriekombinate hatten keine Chance unter Marktbedingungen.

In einem dieser Moloche hatte auch Ramanauskas seine Karriere begonnen, in dem Elektronikkombinat Sigma. Dort wurden, unter strenger Kontrolle des KGB, Computer entwickelt. Ramanauskas, studierter Elektroingenieur, fasste Lehrmaterial für den Umgang mit den Sigma-Computern ab und leitete auch Schulungen.

Als die Sowjetunion auseinander brach und die Grenzen geöffnet wurden, brach der Konzern zusammen, weil niemand mehr die unförmigen und völlig veralteten Geräte kaufen wollte. Die meisten der 14.000 Mitarbeiter wurden zumindest vorübergehend arbeitslos.

Ein Teil der Direktoren begann, die Immobilien zu verscherbeln. Sigma ist heute eine der größten Immobilienfirmen im Baltikum - eine keineswegs ungewöhnliche Firmenumwandlung in der ehemaligen Sowjetunion.

Anfang der neunziger Jahre schien die gesamte Volkswirtschaft abzustürzen. Die Produktion ging zurück, dafür nahm die Arbeitslosigkeit zu, und die Inflationsrate explodierte.

Die neue Führung musste praktisch von Null anfangen - wie auch die Regierungen in Riga und Tallinn. Zu Sowjetzeiten war das Privateigentum weitgehend abgeschafft worden, es gab keine Finanzämter und keine Individualsteuern, keine Krankenkassen, keine Rentenversicherung, keine unabhängigen Banken, keine Börse, nicht einmal eine eigene Währung, abgesehen davon, dass die Regierung eine eigene Staatsverwaltung, einen Zoll, eine Armee, eine unabhängige Justiz aufbauen musste.

Hinzu kam, dass damals Moskau begann, den baltischen Staaten den Gas- und Ölhahn abzudrehen, weil diese keine Weltmarktpreise zahlen konnten. In den ersten Wintern nach der Unabhängigkeit gab es daher für die meisten Litauer täglich nur für ein paar Stunden Strom, mit den Temperaturen in den Wohnungen sank auch die Stimmung.

Das Land kam nur durch die Winter dank einer anderen Erblast aus Sowjetzeiten - des Atomkraftwerks Ignalina. Doch entsprechen dessen Reaktoren nicht westlichem Sicherheitsstandard.

Nach langen Verhandlungen mit Brüssel willigte Wilna schließlich ein, sie bis zum Jahr 2006 abzuschalten. Die EU hatte den Litauern klargemacht, dass ohne eine Vereinbarung über das Ende von Ignalina von einem Zeitplan für einen EU-Beitritt nicht die Rede sein könne.

Die Zustimmung fiel Wilna letztlich doch nicht so schwer, denn in der Zwischenzeit hatte sich dank eines mit Verzögerung umgesetzten rigiden Reformkurses ein kleines litauisches Wirtschaftswunder vollzogen: Das Bruttoinlandsprodukt nahm kräftig zu. Auch die Russlandkrise von 1999 konnte der Volkswirtschaft wenig anhaben, sie wuchs im vergangenen Jahr wieder kräftig.

Usackas sagt knapp: "Wir haben den Schnellgang eingelegt, um den Rückstand zu anderen EU-Bewerbern aufzuholen. "

Zu schnell darf es Unternehmern wie Ramanauskas aber doch nicht gehen. Nach seiner Meinung ist die Verwaltung noch längst nicht darauf vorbereitet. Besonders ärgern ihn ständig wechselnde Vorschriften.

Er beschäftigt zwei Buchhalter, die sich nur mit den Steuererklärungen befassen. Auch etwas anderes treibt Ramauskas um, so wie wohl auch die meisten seiner Landsleute: "Wir wollen nicht als Bettler nach Brüssel gehen. " Er meint damit auch, dass sich seine Landsleute selbst noch ein wenig anstrengen müssen, damit ihr Land vorzeigbar wird.

Auch Staatspräsident Valdas Adamkus sieht es so. Er weiß sehr gut, worauf es im Westen ankommt. Denn er war 40 Jahre lang US-Bürger. Vor seiner Rückkehr in seine Heimat, aus der er als Jugendlicher mit seinen Eltern vor der Roten Armee geflohen war, leitete er die Umweltbehörde von Chicago.

Der Bezirk, für den er damals verantwortlich war, hatte viermal so viel Einwohner wie ganz Litauen. Aber: "Die Probleme, die wir damals hatten, waren Nichtigkeiten im Vergleich zu denen, auf die wir hier gestoßen sind. "

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