Linken-Parteitag in Göttingen Machtkampf ohne Sieger

Nach ihrem Parteitag gleicht die Linke einem Schlachtfeld. Bartsch und Gysi sind geschlagen - abgewatscht und politisch depressiv. Lafontaines Truppen bleiben stark, aber nicht dominant. Und auch das neue Führungsduo kann das Desaster nicht kompensieren.

Ein Kommentar von Nico Fried

Der Machtkampf, der an diesem Wochenende in der Linkspartei ausgetragen wurde, kennt keinen klaren Sieger. Ein paar Verlierer sind leichter zu finden. Der eine, Dietmar Bartsch, hat seine Niederlage per Abstimmung quittiert bekommen. Der andere, Gregor Gysi, hat sich mit einer an politischer Depression grenzenden Rede selbst ins Abseits gestellt. Aus Göttingen kommen also zwei der profiliertesten Politiker der früheren PDS geschlagen nach Hause; zwei Köpfe aus dem Ostteil der Linken, der bislang immerhin über mehrere interessante Köpfe verfügte - und nicht wie die Westlinke nur über einen Oskar Lafontaine.

Das paradoxe Ergebnis von Göttingen lautet mithin auch, dass der Ostteil, der nach Lage der Dinge 2013 entscheidend für den Wiedereinzug in den Bundestag sorgen dürfte, im Gesamtbild der Führung zumindest qualitativ an Bedeutung verloren hat. Lafontaines Truppen bleiben stark, wenn auch nicht dominant. Für den nächsten Bundestag könnte das bedeuten, dass gleich zwei Parteien, Linke und Piraten, dabei sind, die nicht regieren wollen oder können oder beides.

Die zwei neuen Vorsitzenden werden diese Verschiebung kaum kompensieren können. Katja Kipping hat, mit einigem Geschick und Machtinstinkt, zunächst einmal für sich gekämpft. Wie lange ein - schon auf dem Parteitag mäßig enthusiastischer - Rückhalt besteht, wird auch davon abhängen, inwieweit sie ihre manchmal eigenwilligen Vorstellungen durchzusetzen trachtet. Immerhin ein Signal wird mit Kipping vor allem in Richtung SPD und Grüne gesetzt: Es gibt eine linke Partei, in der auch eine junge Frau mal eine Chance bekommt - und ergreift.

Bernd Riexinger ist ein Klaus Ernst auf Schwäbisch. Beider politische Identität ist der Widerstand gegen die SPD und ihre Agenda-Politik, weshalb mit Riexinger als Parteichef eine Annäherung an die Sozialdemokraten schwierig bleibt. Mehr noch als seinem glücklosen bayerischen Vorgänger wird es Riexinger, der bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2,8 Prozent zu verantworten hatte, ohne Parlamentsmandat schwerfallen, sich über die Linken hinaus Geltung zu verschaffen. Andererseits ist seine wichtigste Aufgabe sowieso, die Interessen Lafontaines im Parteivorstand zu wahren. Deshalb wird sich an Riexinger auch stets nur die Frage richten, ob er nicht doch der Türöffner für einen Spitzenkandidaten Lafontaine sein soll.

Dass Gysi nochmal antritt, kann man sich nach Göttingen schwer vorstellen. Eigentlich ist sogar fraglich, wie lange er noch als Fraktionschef übersteht. Ein Vorsitzender, der öffentlich vom Hass unter den von ihm geführten Abgeordneten berichtet, stellt nicht nur seine Autorität in Zweifel. Er muss auch mal erklären, weshalb er es dann nicht andere machen lässt. Wenn sein Verbleib nur dazu dient, Sahra Wagenknecht zu stoppen, erniedrigt sich Gysi auf die Stufe des bloßen Verhinderers. Und da trifft er nur wieder seinen neuen Intimfeind Lafontaine. Muss er sich das antun?