Linke Sozialismus, national gefärbt

Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine.

(Foto: Weiken/Epa/Rex/Shutterstock)

Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht wünschen sich eine linke Sammlungsbewegung, um "rechte Linke" einzufangen. In der Partei tobt ein Grundsatzstreit.

Kommentar von Constanze von Bullion, Berlin

Die Linkspartei, das ist ein Haufen, der von Nicht-Anhängern wahlweise verteufelt oder belächelt wird. Ein Grund dafür ist der Kalte Krieg, immer noch, und die deutsche Teilung. Sie liegt zwar bald 30 Jahre zurück, hindert viele Deutsche aber nach wie vor daran, einer sozialistischen Partei mit der Gelassenheit zu begegnen, wie Franzosen oder Italiener das in ihren Ländern tun.

Ihren Ruf einer vertrauensunwürdigen Truppe verdankt die deutsche Linke aber auch der Tatsache, dass ihre bekanntesten Leute sich ständig in den Haaren liegen. Jüngstes Beispiel: Altparteichef Oskar Lafontaine und Fraktionschefin Sahra Wagenknecht schlagen eine neue linke Sammlungsbewegung vor, die irgendwie effektiver gegen den Rechtsruck kämpfen soll. Der Rest der Linken-Prominenz ist, na klar, dagegen.

Lafontaine insiniuert einen national gefärbten Sozialismus

Nun kann man sich darüber amüsieren, dass die Linken sich wieder in der Wolle haben. Auf den ersten Blick wirkt die Idee auch wenig ernst zu nehmend. Denn bis Lafontaines Anhänger in der Linken mit zermürbten Sozialdemokraten oder versprengten Grünen eine neue linke Partei gründen, dürfte Oskar Lafontaine etwa 130 Jahre alt sein. Lustig allerdings ist sein Vorstoß nicht. Denn der Hinweis auf eine neue Gangart im Kampf gegen rechts verrät, wo die Reise hingehen soll: zu einer Bewegung, die Wähler einsammelt, die am rechten Rand des linken Spektrums abhandenkommen und jetzt AfD wählen. Ihnen soll, so ist das zu verstehen, entgegengekommen werden.

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Ein national gefärbter Sozialismus ist das, was Lafontaine da insinuiert. Nein, es wird jetzt nicht mit der NS-Keule losgedroschen. Aber es darf daran erinnert werden, dass Lafontaines Einsatz für die Armen und Benachteiligten im Land seit den Neunzigerjahren mit Abgrenzung von Asylbewerbern einhergeht - und mit Kritik am Euro und einer unwirtlichen, als unsozial gegeißelten EU. Das gleiche Lied singt Sahra Wagenknecht, die seit Beginn der Flüchtlingskrise Ängste schürt, Fremde könnten Einheimischen Jobs und Wohnungen wegnehmen.

Hier wir, die Alteingesessenen, um die sich keiner kümmert - dort ihr, die Fremden und unbefugten Kostgänger. So muss man das verstehen. Der Sehnsuchtsort, an dem ganz rechts und ganz links sich treffen, ist ein weißes Deutschland der Vor-Globalisierungszeit. Internationale Solidarität mit den Ärmsten der Erde? Darauf gepfiffen. Das Volk sind wir, die schon länger da sind.

Es geht um einen wichtigen Grundsatzstreit

Gregor Gysi hat die Rückbesinnung aufs Nationale übrigens als einer der Ersten seiner Partei als gefährlichen linken Spaltpilz ausgemacht. Er verweist auch gern mal auf die Nationalbolschewisten der Weimarer Zeit, die den völkerverbindenden Klassenkampf zum Kampf fürs deutsche "Volksganze" umdichteten, auch gegen die angeblich fremden und ausbeuterischen Juden.

In der Linken von heute aber stehen sie jetzt auf gegen Lafontaines und Wagenknechts Idee der "Sammlungsbewegung": die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger, Gregor Gysi und Berlins Kultursentator Klaus Lederer. Man sollte das nicht als typisch linkes Gezänk belächeln, sondern als das sehen, was es ist: ein wichtiger Grundsatzstreit. Es geht um die Frage, was eine sozialistische Partei im Innersten zusammenhält. Dass eine Antwort gefunden wird, die allen Linken taugt, darf bezweifelt werden. Aber wem es nicht passt, der kann ja gehen.

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