Von Nadeschda Scharfenberg

Mit der Umwandlung der Todesurteile in lebenslange Haft könnte eine mehr als achtjährige Justiz-Farce ein halbwegs glimpfliches Ende nehmen. Vorraussichtlich werden die fünf bulgarischen Krankenschwestern und der Arzt ihre Strafe in Bulgarien verbüßen dürfen.

Der Oberste Justizrat Libyens hat am Dienstagabend die Todesurteile gegen fünf bulgarische Krankenschwestern und einen palästinensischen Arzt in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Voraussichtlich werden die Frauen, denen die Verursachung einer Aids-Epidemie vorgeworfen wird, die Strafen in Bulgarien verbüßen dürfen, weil das Balkanland und Libyen in den achtziger Jahren ein Auslieferungsabkommen geschlossen haben.

Das Archivbild vom 25. Februar 2007 zeigt die fünf Krankenschwestern (von links nach rechts) Nasia Nenova, Kristina Valcheva, Valentina Siropoulu, Valia Cherveniashka und Snezhana Dimitrova sowie den Arzt Ashraf Hajuj in Tripolis. (© Foto: AFP)

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Auch der Palästinenser wird wohl nach Sofia überstellt werden - er hatte vor wenigen Wochen die bulgarische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Regierung in Sofia kündigte an, sie werde sich gleich an diesem Mittwoch um eine Auslieferung bemühen.

"Die Entscheidung des Justizrates ist ein großer Schritt in die richtige Richtung", sagte der bulgarische Außenminister Iwajlo Kalfin. Auch die Angehörigen der Krankenschwestern reagierten erleichtert. Einer der Anwälte der Verurteilten zeigte sich aber enttäuscht darüber, dass seine Mandanten nicht begnadigt wurden.

Mit der Umwandlung der Todesurteile könnte eine mehr als achtjährige Justiz-Farce ein halbwegs glimpfliches Ende nehmen. Die Schwestern und der Arzt waren Anfang 1999 in der libyschen Stadt Bengasi festgenommen worden unter dem Verdacht, mehr als 400 Kinder mit HIV infiziert zu haben, um Medikamente zu testen.

Drei der Inhaftierten gaben die Tat zu, widerriefen ihre Aussagen aber später: Die Geständnisse seien ihnen unter Folter abgepresst worden. 2004 wurden sie zum Tode verurteilt, am vergangenen Mittwoch bestätigte das Oberste Gericht die Urteile - obwohl Gutachten von Aids-Experten belegen, dass sich das Virus in der Klinik ausbreitete, bevor die ausländischen Kräfte dort zu arbeiten begannen.

Die Wissenschaftler führen die Ansteckung auf mangelhafte Hygiene zurück. Der Europarat ist der Ansicht, dass das Regime des Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi die Bulgarinnen und den Palästinenser als Sündenböcke benutzt hat, um die Schwächen des libyschen Gesundheitswesens nicht eingestehen zu müssen.

Die bulgarische Regierung sowie die Häftlinge hatten gehofft, dass der Justizrat sie begnadigen oder aber die Todesurteile in achtjährige Haftstrafen umwandeln würde. Dann hätten sie, da sie die Zeit bereits abgesessen hätten, als freie Menschen in ihre Heimat zurückkehren können.

Der Prozess gegen die Krankenschwestern war geprägt von Verzögerungen, und dies setzte sich auch in den vergangenen Tagen fort. Der Justizrat, ein politisches Aufsichtsgremium unter Vorsitz des Justizministers, sollte bereits am Montag über den Fall beraten.

Die Sitzung wurde aber auf Dienstag vertagt, weil die Familien der infizierten Kinder noch nicht schriftlich auf eine Exekution der Mediziner verzichtet hatten. Sie würden erst unterzeichnen, wenn sie die vor wenigen Tagen vereinbarte Entschädigung tatsächlich erhalten hätten, sagte ein Sprecher der Familien. Nach islamischem Recht können Todesurteile abgemildert werden, wenn die Opfer durch sogenanntes Blutgeld besänftigt werden.

Im Laufe des Dienstags erhielt dann jede der betroffenen Familien einen Scheck über eine Million Dollar, am frühen Abend gaben sie ihre Einverständniserklärung beim Obersten Justizrat ab. Das Geld stammt angeblich aus dem eigens für die infizierten Kinder eingerichteten Hilfsfonds Bengasi International, den die EU, die USA, Bulgarien und Libyen finanzieren, Einzelheiten will das libysche Regime erst in den kommenden Tagen bekannt geben.

Die bulgarische Regierung weigerte sich bisher, Entschädigung zu zahlen, weil dies einem Schuldgeständnis gleichkäme. Außenminister Iwajlo Kalfin hatte erst kürzlich der Süddeutschen Zeitung gesagt, dass sein Land bereit sei, humanitäre Hilfe für die Familien der Kinder zu leisten - nicht aber "Blutgeld" zu zahlen.

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(SZ vom 18.07.2007)