Die libyschen Rebellen sind nicht militärisch trainiert, haben keine Kommandostruktur und nur leichte Waffen. An Motivation mangelt es ihnen hingegen nicht. Der Bürgerkrieg könnte lang und hässlich werden.
Der Ausgang des libyschen Konflikts ist offen: Nach einer zweiten Welle westlicher Luftangriffe auf Truppen, Militäreinrichtungen und einen Wohnkomplex des Machthabers Muammar al-Gaddafi haben die Rebellen von Bengasi aus ihre Offensive wieder aufgenommen. Dass sie Gaddafi rasch stürzen können, ist aber keinesfalls garantiert: Der Krieg in Libyen könnte sich lange hinziehen.
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Jubelnder Aufständischer in der Nähe von Adschdabija: Entscheidend für den weiteren Verlauf des Kriegs dürfte sein, ob die Rebellen zügig nach Westen vorrücken können. Geschieht dies nicht, könnte Libyen zerfallen. (© REUTERS)
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Gekämpft wird inzwischen wieder in mehreren Städten: Bisher treffen die Regimegegner dabei auf harten Widerstand Gaddafi-treuer Einheiten. So sind die Aufständischen erneut auf Adschdabija vorgestoßen, rund 150 Kilometer südlich von Bengasi: Dort befindet sich eine Kreuzung, an der die Überlandstraßen nach Bengasi und Tobruk beginnen. Die Kreuzung eröffnet den strategischen Zugang nach Ostlibyen, das von den Rebellen kontrolliert wird. Auch die von Regierungssoldaten belagerte und vor mehreren Tagen eingenommene Stadt Misrata im Westen nahe der Hauptstadt Tripolis soll erneut umkämpft sein. Angeblich missbrauchen die Regierungstruppen die Einwohner dort als menschliche Schutzschilde.
Entscheidend für den weiteren Verlauf des Kriegs dürfte sein, ob die Rebellen zügig nach Westen vorrücken können. Geschieht dies nicht, könnte Libyen zerfallen: In den von Gaddafi kontrollierten Westen und den Osten mit den Rebellen als Herrschern. Dann entstünde wohl ein langer Bürgerkrieg. Die Luftangriffe der Amerikaner, Briten, Franzosen, Dänen und wohl bald auch einzelner arabischer Staaten allein garantieren jedenfalls keinen Erfolg der Aufständischen.
Gaddafis jüngster Vorstoß auf die Rebellenhochburg Bengasi ist zwar inzwischen gestoppt, das Überleben der Aufstandsbewegung ist damit fürs Erste gesichert. Weniger eindeutig ist aber, ob die Aufständischen alleine weiterkämpfen können. Sie selbst gaben offen zu, dass sie ohne Unterstützung wieder ins Hintertreffen geraten würden. "Wir lehnen ausländische Bodentruppen ab", sagte ein Sprecher. "Aber wir befürworten Luftangriffe auf Gaddafis Truppen."
Um den Herrscher zu stürzen, müssten die Regimegegner entlang der Küstenstraßen in Richtung Tripolis vorstoßen. Anfangs ist das leicht: Gaddafis Truppen können im offenen Wüstengelände keine Jets und Panzer mehr gegen sie einsetzen, da die Luftwaffen der UN-Koalition dies unterbinden würden. Weit schwieriger wäre es, Städte einzunehmen: Die Kriegsschiffe und Flugzeuge der Koalition können Ziele in Städten zur Unterstützung der Regimegegner kaum angreifen: Sie würden Zivilisten gefährden. Das weiß Gaddafi. Seine Truppen dürften sich in Städten wie Sirte, seinem Heimatort, verschanzen und die Einwohner als Geiseln nehmen.
An Motivation jedenfalls fehlt es den Aufständischen nicht. Ihre Kämpfer sind jedoch weder militärisch trainiert, noch haben sie eine Kommandostruktur. Sie haben nur leichte Waffen. Zwar sind ihnen große Waffendepots im Osten nach dem Rückzug der Gaddafi-treuen Milizen in die Hände gefallen; zudem haben die zu ihnen übergelaufenen Teile der Armee Gerät und Munition mitgebracht. Es handelt sich aber um Gewehre, Panzerfäuste und Flugabwehrgeschütze sowie veraltete Panzer, Truppentransporter und kleine Raketenwerfer.
Aus dem Ausland kommen bisher auch keine leistungsfähigeren Waffen. Ägypten schickt angeblich inzwischen Sturmgewehre: Die Lieferungen über die ägyptisch-libysche Grenze hätten "vor einigen Tagen" begonnen, berichtete das Wall Street Journal. Sie fänden mit Wissen der US-Regierung statt. Das Blatt berief sich auf Quellen in Washington. Kairo dementierte: "Keine Einmischung in Libyen, Punkt", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums.
Ein weiteres Problem ist die Größe Libyens: Die Küstenlinie ist 1770 Kilometer lang, von Bengasi nach Tripolis sind es 1000 Kilometer. Das Organisieren des Nachschubs wäre schon für eine Armee schwierig. Die Rebellentruppe aber hat bisher kaum die Logistik, Waffen und Sprit im großen Stil zu transportieren. Sie nutzen vor allem Kleinbusse, Pick-up-Trucks und Privatautos. Der Aufbau einer funktionierenden Logistik dürfte dauern.
Entscheidend wird am Ende sein, welchen Rückhalt die Rebellion im Westteil des Landes findet. Tripolitanien beginnt hinter Sirte: Hier liegt die Machtbasis des seit 42 Jahre herrschenden Gaddafi. Im Osten, in der Cyrenaika, hatte er traditionell weniger Rückhalt. Nach Ausbruch des Aufstands in Bengasi im Osten hatten sich aber auch westliche Städte erhoben: Misrata, Suwara und Sawija. Selbst in der Hauptstadt Tripolis gab es einzelne Proteste.
Obwohl der Diktator die Rebellion in den tripolitanischen Städten niedergeschlagen hat, verfügen die Aufständischen dort also über Rückhalt. Sollten bei den fortgesetzten Luftangriffen der UN-Koalition Zivilisten in großer Zahl sterben, könnte Gaddafis Unterstützung im Westen aber auch wieder wachsen. So stehen die westlichen Streitkräfte in Libyen fürs Nächste vor dem Dilemma, die Rebellen aus der Luft zu unterstützen, ohne dass Zivilisten zu Schaden kommen - fast ein Ding der Unmöglichkeit.
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(SZ vom 22.03.2011/blg)
Reiseknigge: Türkei
"dass ihre schon bisher an Libyen gelieferten S-75, S-125 und S-200 offenbar wertloser Müll sind"
Ähem, das sind Systeme aus den 60-70´er Jahren, vergleichbares aus dem Westen aus diesre Zeit würde man heute auch als Müll bezeichnen, wobei die S200, obwohl rd. 40 Jahre alt, durchaus noch brauchbar ist wegen ihrer hohen Reichweite und Fluggeschwindigkeit.
Keine Angst, der Iran hat sich längst an China gewendet und wird von dort Kopien der S300 beziehen, sowie eigene ähnliche Modelle sind in Kürze Serienreif.
Auch kann man den Iran nicht mit Lybien vergleichen, denn die iranische Armee ist gut 10 Mal stärker als die Lybische, vor allem die Luftabwehr, hat wesentlich mehr und modernere Waffensysteme, ist im Gegensatz zu Ghaddafi in der Lage dank großer Luftwaffe und vor allem hochgerüsteten Raketenkräften massive Gegenschläge zu führen und ist hochmotiviert, im Gegensatz zum Söldnerhaufen Ghaddafis und mangelndem Rückhalt bei dre Mehrheit dre Bevölkerung
Danke, derdickemax. Wer sich etwas weiter umsieht bekommt wesentlich schlüssigere Zusammenhänge zu Gesicht, die aus diesem unglaubwürdigen Befreiungskrieg eine hässliche Notbremse werden lassen, wo die Bevölkerung nicht die tragende Rolle spielt, wie es die Propaganda gerne aussehen lassen würde.
Bei der strategischen Rechnung waren die Unbekannten oft schon ein entscheidender Faktor. Die Kraft einer so lange unterdrückten Sehnsucht nach Freiheit und Würde wird von den Gewinnlerstrategen regelmässig unterschätzt und so können die Entwicklungen so manchen Miltitärstrategen in arge Verlegenheit bringen. Wir werden es sehen.
Ob ein Volk genügend bewaffnet ist, entscheidet nur über die Hürden, die es überwinden muss und keineswegs über ihre langfrostigen Erfolgsaussichten. Die entscheiden sich bei der Gelschlossenheit und der gegenseitigen Abstimmung, die für die Gewinn"realisten" im Bereich der Phantasie rangiert.
Warum der Luftangriff nicht zufällig gerade jetzt stattfindet:
Libyen stand kurz davor, moderne russische S-300 Luftabwehrsysteme zu bekommen. Der Vertrag dazu wurde im Frühjahr 2010 geschlossen. Kostenpunkt 2,5 Mrd Dollar. Suchmaschine: Libya S-300 - exakt das Luftabwehrsystem, das Putin auf Druck der USA und der UN dann doch nicht an Iran verkauft hat.
Gaddafi stand wohl seit Lockerbie auf der Abschussliste, und das war jetzt eben die letzte Gelegenheit. Trotzdem ist es für die Russen peinlich, dass ihre schon bisher an Libyen gelieferten S-75, S-125 und S-200 offenbar wertloser Müll sind. Nicht gut für Russlands Waffengeschäfte. Und außerdem ein Signal an den Iran, dass er sich nicht auf seine Luftabwehr verlassen kann.
Vielleicht eine Demonstration für den Iran: Seht her, auf eure Luftabwehr braucht ihr gar nicht zu hoffen! Insofern ein letzter Aufruf zu Verhandlungen. Oder Pilotentraining für den wirklichen Einsatz.
Der skurrile Herr und seine Aufständischen sind leider nur Statisten.