Libyen Schwere Niederlage für das Kalifat

Befreit aus den Händen des IS: Libysche Kämpfer bringen in Sirte ein Mädchen in Sicherheit.

(Foto: Hani Amara/Reuters)
  • Die Terrormiliz Islamischer Staat hat im libyschen Sirte eine schwere Niederlage einstecken müssen.
  • Regierungstreue Milizen eroberten die Stadt mit amerikanischer Luftunterstützung, erlitten dabei selbst aber schwere Verluste.
  • Frieden ist dennoch nicht in Sicht - westliche und östliche Milizen stehen sich weiter verfeindet gegenüber.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Am Ende waren es noch neun Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Sie haben sich am Mittwoch ergeben, zusammen mit zehn Frauen verließen sie ihr Versteck. Das Kalifat hat eine schwere Niederlage erlitten. Sein Ableger im libyschen Sirte existiert nicht mehr, auch wenn die siegreichen Milizen aus Misrata noch umliegende Gebiete durchkämmen. Sie haben einen hohen Preis gezahlt in der sieben Monate dauernden Schlacht. Mindestens 712 Kämpfer aus der Hafen- und Handelsstadt haben ihr Leben verloren, 3300 wurden verletzt. Die Amerikaner flogen 500 Luftangriffe auf Ziele in Sirte, seit sie Anfang August auf Bitten der international anerkannten Einheitsregierung von Premier Fayez Serraj in Tripolis mit Kampfjets und Drohnen den Kämpfern in Flipflops zur Hilfe kamen. Seiner Regierung hatten sich die Milizen zumindest offiziell unterstellt.

Der UN-Sondergesandte Martin Kobler lobt "Fortschritte im Kampf gegen den Terrorismus" in Libyen - der IS hatte neben Sirte im Frühjahr 2015 einen Küstenstreifen von 300 Kilometern Länge beherrscht. Kobler erwähnte auch Erfolge von General Khalifa Haftar, dem starken Mann im Osten, gegen Dschihadisten in Bengasi, der zweitgrößten Stadt des Landes. Zugleich mahnte der deutsche Diplomat, diese Erfolge seien nicht irreversibel.

Hunderte Extremisten haben sich aus Sirte abgesetzt, bevor die Milizen aus Misrata im Mai Sirte abriegelten. Es gibt bis heute IS-Zellen in der Wüstenstadt Sabha im Süden, in der Region um die Hauptstadt Tripolis und wohl auch in der Küstenstadt Sabratha, zugleich eine Hochburg der Schlepper, die Migranten aufs Mittelmeer schicken. Wenn Libyen nicht einen einheitlichen Sicherheitsapparat entwickle und den Zusammenbruch der Wirtschaft aufhalte, könnten Terrornetzwerke weiter florieren, warnte Kobler weiter.

Allerdings sieht es nicht so aus, als würden sich die verfeindeten Milizen im Osten und Westen des Landes und ihre politischen Statthalter aussöhnen, im Gegenteil. Am Donnerstag schlugen Haftars Truppen einen Vorstoß bewaffneter Gruppen auf die Ölterminals von el-Sider und Ras Lanuf zurück, die der General mit Truppen seiner Libyschen Nationalarmee erst Mitte September erobert hatte. Die Serraj-Regierung distanzierte sich von dem gescheiterten Versuch, für den offenbar islamistische Brigaden aus Bengasi und Kämpfer des Kriegsherrn Ibrahim Jadhran verantwortlich waren. Die Kontrolle über das Öl und andere Ressourcen bleiben aber der zentrale Streitpunkt in dem nordafrikanischen Land.

In Tripolis liefern sich rivalisierende Milizen schwere Kämpfe

Der Westen hatte große Hoffnungen in Serraj gesetzt, dessen Präsidialrat jedoch bis heute nicht die nötige Bestätigung des Parlaments in Tobruk erhalten hat - das loyal zu Haftar steht. Wurden Serraj und sein Kabinett im März in Tripolis noch hoffnungsfroh von vielen Libyern willkommen geheißen, ist es ihm nie gelungen, seinen Einfluss auf den Rest des Landes auszudehnen. In der Hauptstadt liefern sich rivalisierende Milizen die schwersten Kämpfe, seit Kämpfer aus Misrata im August 2014 die Stadt überrannt haben und das neu gewählte Parlament in den Osten vertrieben.

Da das Parlament auch starken Einfluss auf die Zentralbank hat, fehlt es Serraj an Geld; in Tripolis fällt der Strom stundenlang aus, auch Wasser gibt es nicht immer. Seine Regierung wird immer unpopulärer. Sie sah sich sogar einem Putschversuch islamistischer Milizen gegenüber, die der sogenannten Regierung der Nationalen Rettung treu sind - jenem Kabinett, dass nach dem Einmarsch der Misrata-Milizen im Westen des Landes die Macht an sich riss.

Westliche Diplomaten sehen inzwischen keine Alternative mehr, als Teile des von den Vereinten Nationen vermittelten Friedensabkommens von Skirhat neu zu verhandeln und wichtiger noch, Haftar eine Zentrale zu geben. Als Verteidigungsminister werden ihn die Mehrheit aus Misrata und auch viele andere Gruppen im Westen nicht akzeptieren - sie sehen in dem General einen zweiten Gaddafi, der das Land autokratisch regieren will. Ob sich Haftar mit der Rolle des Oberkommandierenden einer neu zu gründenden Armee zufrieden gäbe, ist aber ungewiss. Im Nachbarland Ägypten hat er einen mächtigen Freund, gegen dessen Willen in Libyen kaum etwas durchzusetzen ist. Er genießt die Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate. Kairo wie Abu Dhabi fahren einen harten Kurs gegen Islamisten, die ihrerseits von Katar und der Türkei unterstützt werden.

Jüngst reiste Haftar nach Moskau, wo er sich mit Pelzmütze fotografieren ließ und ungeachtet eines UN-Waffenembargos Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Außenminister Sergej Lawrow um militärische Unterstützung bat. Auch Frankreich arbeitet mit ihm zusammen, wenngleich Paris wie auch Moskau und Kairo offiziell ihre Unterstützung für Serraj bekennen. Mit der Kontrolle über die Ölanlagen hat sich der General aber das wichtigste Faustpfand gesichert, um seine Forderungen durchzusetzen. Ob aber Misrata bereit ist, sich dem in der Hoffnung auf mehr Stabilität und bessere Geschäfte zu beugen, ist offen. Neue Kämpfe um die Terminals gelten als möglich, ebenso eine neue Schlacht um Tripolis.

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