Libyen nach Gaddafis Tod Ende einer Legende

Gaddafi hat das Ende seiner eigenen Legende vorhergesagt: Dass der einstige Offizier und Revolutionsführer durch Waffengewalt starb, bedeutet historische Gerechtigkeit. Jetzt schlägt für das neue Regime die Stunde der Wahrheit. Denn Gaddafis Tod löst die Probleme Libyens nicht - sie beginnen erst. Und auch für die westlichen Helfer steht viel auf dem Spiel.

Ein Kommentar von Rudolph Chimelli

Politisch war Muammar al-Gaddafi schon lange tot. In der Welt hatte er keine Freunde mehr. Für die arabischen Bruderländer war er bereits eine Peinlichkeit, als er noch auf der Höhe seiner Macht stand. Seine Anhänger in Libyen, Überzeugte wie Opportunisten, hatten sich von ihm abgewandt, als sich während der letzten Monate zeigte, dass den Rebellen gegen seine Herrschaft dank der militärischen Unterstützung der Nato der Sieg sicher war.

Doch Phantastereien blieben für Gaddafi bis zum Ende wichtiger als die Realität. Er war nicht mehr gesehen worden, seitdem die Streitkräfte des Übergangsrates und Stammeskrieger aus dem Westen des Landes am 23. August die Hauptstadt Tripolis eingenommen hatten. Gleichwohl kündigte er noch mehrmals mit Radio-Botschaften aus dem Untergrund an, seine Getreuen - die es am Ende fast nur noch in seiner Heimatstadt Sirte gab - würden die Verräter demnächst wieder verjagen.

Nur das Ende der Gaddafi-Legende, an der er lebenslang strickte, hatte er richtig gesehen. Er werde sich nicht ergeben und nicht emigrieren, sondern kämpfend untergehen, so hatte er mehr als einmal düster vorhergesagt. Der Tod, ob durch eine Kugel der Aufständischen oder durch den Beschuss seiner letzten Fahrzeugkolonne durch einen Nato-Hubschrauber, ist nicht nur für ihn ein sinnvolleres Ende als die Gefangenschaft.

Auch die Sieger dürften erleichtert sein. Denn was hätten sie mit dem Gestürzten anfangen sollen? Rachejustiz wäre nicht nach dem Geschmack der Verbündeten gewesen. Ein objektiver Prozess aber wäre in Libyen kaum vorstellbar. Zu viele Leichen in zu vielen Kellern gehen nicht allein auf die Rechnung des Geächteten. Und die Kumpanei westlicher Größen, von denen Gaddafi so lange profitierte, hätte sich in keinem Verfahren aussparen lassen. Es liegt mehr historische Gerechtigkeit darin, dass der einstige Offizier, der die Macht vor 42 Jahren mit der Waffe in der Hand errang, durch Waffengewalt endete.

Mit dem Fall von Sirte schlägt auch für das provisorische Regime die Stunde der Wahrheit. Denn der Sieg löst die Probleme nicht. Sie beginnen erst.

Mit dem Ende der Kämpfe und der Ausschaltung Gaddafis hatte sich der Übergangsrat selbst den Termin für die sofortige Bildung einer ordnungsgemäßen Regierung gestellt. Sie wird nicht einfach sein. Zu viele divergierende Kräfte wollen an der Macht beteiligt werden - und an den Reichtümern Libyens partizipieren: Traditionalisten und Liberale, Demokraten und Islamisten, Geschäftemacher und Stammesführer. Der Erfolg ist alles andere als sicher. Auch für die westlichen Helfer steht viel auf dem Spiel.